Laufen in Zeiten von Corona

Karfreitags-Halbmarathon in Covid-19-Quarantäne

Prof. Dr. Stefan Isenmann ist Chefarzt der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am St. Josef Krankenhaus Moers – und passionierter Läufer mit einer Marathonzeit nahe der 3:00-Stunden-Marke. Doch dann musste er in Quarantäne...
Fotos & Text: Stefan Isenmann

Läuferisch bin ich gut durch den Winter gekommen. Nach einer ordentlichen Zeit beim Remscheider Röntgenlauf Ende Oktober, die mir den Vizemeister-Titel bei der Deutschen Ärzte-Marathon-Meisterschaft einbrachte, gab es zum Jahresabschluss am 29.12. noch einen weiteren wunderschönen, abwechslungsreichen Landschaftsmarathon im Wuppertaler Westen, den Eulenkopflauf. Im Januar nehme ich wieder langsam Fahrt auf, laufe erst 50, dann 60 Kilometer pro Woche, noch ohne spezifische Einheiten. Der erste (und bislang einzige) Wettkampf zum Saisonstart: 10 Kilometer in Hilden. Mit 43:18 bleibe ich deutlich hinter meinen Erwartungen zurück, auch wenn die Zeit aufgrund der Bedingungen für den Sieg in der Altersklasse M 55 reicht. Dann beginnt das spezifische Training für den Marathon. Ich fühle mich fit und will nach einer 3:07-Zeit in Berlin 2017 und 3:05 in Düsseldorf 2018 in diesem Frühjahr noch ein wenig näher an die magische Drei-Stunden-Grenze heranlaufen. Mein Trainingsplan orientiert sich an Herbert Steffny, mit zusätzlichen Empfehlungen von Wolfgang Neiß – und ein paar eigenen Einheiten wie Dehnübungen (die in meinem Alter und nach einigen Verletzungen unerlässlich sind), Gymnastik, Seilhüpfen etc.

432 RUNDEN: So viel war nötig, um am Karfreitag die Halbmarathon-Distanz um das Haus voll zu machen.
Foto: privat

Corona durchkreuzt den geregelten Trainingsalltag

Dienstags die 10-Kilometer-Runde mit den Freunden aus dem Dorf; mittwochs Ein-Kilometer-Intervalle, die ich in der ambitionierten Düsseldorfer Gruppe bald knapp unter dem 4:00er-Schnitt schaffe. Donnerstags oder freitags ein eher flotter Dauerlauf, samstags ein paar Kilometer im Gelände, mit Steigungen und Steigerungen, sonntags lang. Das ist das Rückgrat meines Trainingsplans, mit zunehmenden Umfängen und steigender Intensität über die Zeit. Die  Neanderlandcup-Serie mit ihren inzwischen elf Läufen liefert dazu die Würze: Einige Wettkämpfe, zumeist im 10-Kilometer-Bereich, eignen sich hervorragend zur Standortbestimmung. Bis hier: alles klar. Doch dann: alles anders. Das Corona-Virus breitet sich aus, damit die Covid-19-Erkrankung. Keine Ausgangssperre zwar, aber doch eine Kontaktsperre. Der Neandertal-Lauf, für den 15.3. geplant, wird abgesagt, alle anderen Laufveranstaltungen nach und nach auch. Wir treffen uns am 15.3. in der kleinen Gruppe zu fünft, laufen ein paar schöne Einheiten am Unterbacher See. Die werden in Erinnerung bleiben, auch weil es der letzte gemeinsame Lauf für lange Zeit bleiben wird. Ich staune über die Unbeschwertheit, mit der die Spaziergänger auch in größeren Gruppen die Wege in Beschlag nehmen. Corona ist in aller Munde – aber die Verhaltensregeln sind noch nicht in den Köpfen angekommen. Aus Sorge und  Verantwortung: das war das letzte gemeinsame Training. Ab jetzt gehe ich nur noch allein raus, mit Bedacht und viel  Abstand – und angesichts der galoppierenden Entwicklung wird binnen weniger Tage klar: den Marathon-Trainingsplan muss ich verlassen, ohne Partner, ohne Struktur, ohne Laufveranstaltungen – das macht keinen Sinn; ich reduziere  Pensum und Intensität.

Quarantäne statt Laufen

Wie jedes Jahr um diese Zeit habe ich Probleme mit den Nebenhöhlen. Ein wenig Schnupfen, gelegentlich Husten, das zieht sich über Wochen hin und beeinträchtigt mich kaum. Bis zum 24.3. Da häufen sich Hustenanfälle, und der Husten ist anders: Reizhusten, trocken, hartnäckig. Abends bin ich geschafft, obwohl der Tag nicht besonders anstrengend war. Zum Laufen kann ich mich nicht mehr aufraffen. Zu gar nichts kann ich mich aufraffen. Dann kommen die Symptome rasch: leichte Halsschmerzen, der hartnäckige heftige Reizhusten, wenig Schnupfen, etwas Nasenbluten,  körperliche Abgeschlagenheit, die im Tagesverlauf zunimmt und die ich so nicht kenne, weder nach einem anstrengenden Arbeitstag noch nach einem Wettkampf. Gliederschmerzen: Hüften, Schultern, oberer Rücken ziehen und brennen schlimm. Im Lauf der folgenden Tage nehmen auch Konzentration und mentale Ausdauer ab. Dann, was inzwischen wiederholt berichtet wurde, ist der Geruchssinn weg – völlig weg! Selbst über der vorgehaltenen Whisky-Flasche nimmt die Nase nichts wahr. Ich melde mich beim Gesundheitsamt und lasse mich testen: positiv. 14 Tage häusliche  Quarantäne mit amtlicher Ordnungsverfügung!

Meine Körpertemperatur ist zu keinem Zeitpunkt erhöht. Selbst wenn ich mich warm, „fiebrig“ fühle, misst das Thermometer kaum 36,4 Grad Celsius. Aber es gibt einen anderen Indikator der  Erkrankung: meinen Ruhepuls. Ich trage meine Fitness-Uhr in dieser Zeit durchgehend und lese täglich den Ruhepuls ab. Seit Monaten liegt er knapp unter 45 Schläge/min. Entsprechend  eindrucksvoll ist der Sprung, der mit dem Beginn der Krankheitssymptome zusammenfällt. Über zwei Wochen bleibt mein Ruhepuls erhöht, bevor er sich endlich wieder dem Ausgangswert nähert. Bei der Betrachtung der Werte kann ich zwei Phasen abgrenzen: eine Woche mit einem Ruhepuls von durchschnittlich beinahe 55, in denen ich mich krank fühle und keinen Sport machen möchte, gefolgt von weiteren 8 Tagen, in denen ich mich schon wieder besser fühle, mit einem Ruhepuls von etwa 51.

Der Ruhepuls vor, während und nach der Erkrankung weist deutliche Unterscheide auf.
Foto: privat

Halbmarathon um das eigene Haus

Ich beginne mit etwas Gymnastik und gehe wieder auf den Crosstrainer, zunächst nur 20 bis 30 Minuten. Am Tag 15, Sonntagabend, will ich es wissen: Tagesschau und Tatort schaue ich mir auf dem Crosstrainer an und lege dabei einen „Halbmarathon“ zurück: 21,4 Kilometer in zwei Stunden. Am Folgetag hält es mich nicht mehr drinnen. Ich drehe einige Runden ums Haus, aufgrund der Lage ist das auch unter Quarantäne-Bedingungen möglich – was für ein Glück! Neben der GPS-Uhr (die auf einem so engen Rundkurs fehleranfällig misst) nutze ich einen analogen Rundenzähler, ein Knopfdruck bei jeder Passage des Gartentors. Den Laufweg vermesse ich hinterher exakt mit einem Maßband: 61,9 m/Runde. Bei 184 Runden macht das knapp 11,4 Kilometer – die Garmin misst knapp 12 Kilometer. Am Karfreitag dann will ich es wissen: Ein Halbmarathon soll es werden, ums Haus. Ich lege am Nachmittag los, 15 Uhr, Sonne, bestes Wetter. Trinkwasser steht auf einem Tisch im Garten, später reicht mir meine Frau eine Banane. Ich drehe meine Runden, eine nach der anderen. 342 sind es am Ende, rechnerisch somit 21,17 Kilometer; die Garmin zeigt 21,26 Kilometer – eine viel bessere Übereinstimmung als ich gedacht hätte. Ein Halbmarathon zum Ausklang der Covid-Erkrankung, noch in Corona-Quarantäne, am Karfreitag. So schnell werde ich das nicht vergessen. Verrückt und großartig gleichermaßen. Am Folgetag ruft das Gesundheitsamt an, wie angekündigt. Ich gebe wahrheitsgemäß an, dass ich mich gesund und wieder fit fühle. Die „Ordnungsverfügung zur häuslichen Absonderung (Quarantäne)“ wird aufgehoben. Noch nie habe ich mich so unbändig auf einen Osterlauf draußen gefreut – ein paar Kilometer durch das Neandertal, wo schon alles anfängt zu blühen und die Lämmer auf den Wiesen herumtollen.

Und, klar, wenn schon alle größeren Frühjahrs-Marathons abgesagt sind, werde ich eben den Düsseldorfer Metro Marathon über die keep moving-Plattform absolvieren, individuell und doch in einem starken Umfeld Gleichgesinnter. Wir lassen uns nicht unterkriegen, machen eben das Beste draus. Die Fitness hilft wahrscheinlich auch, mit dem Virus besser fertigzuwerden. Mir – und hoffentlich auch Euch, wenn es Euch denn auch erreichen sollte! Bleibt dran!

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema?
HINWEIS: Um den Artikel zu kommentieren, melden Sie sich einfach mit Ihrem persönlichem Facebook-Account an.