Die Heldenreise für Läufer

Der Transalpine Run 2019

Eines der härtesten, emotionalsten und spektakulärsten Trailrunning-Events feierte kürzlich sein 15-jähriges Jubiläum: Der Transalpine Run.
Fotos & Text: Tabitha Bühne

Bei dem Etappenrennen überqueren Zweierteams aus 40 Nationen in acht Tagen die Alpen und sind auf einzigartigen Trails in vier Ländern unterwegs. Insgesamt sollen 273,8 Kilometer mit 16.150 Höhenmeter im Aufstieg und 14.407 Höhenmeter im Abstieg bewältigt werden.

Schneesturm, Sonnenschein und ein Wechselbad der Emotionen

„Es war wie im Horrorfilm und auch wie im Himmel, Verzweiflung und Entschlossenheit, Alptraum und Verzückung. Ich will am liebsten sofort nochmal hin!“ (Julia, Läuferin aus Israel)

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Manchmal auch in Situationen, in denen man es überhaupt nicht erwartet. Ich sitze mit Manuel und Carina im Auto auf dem Weg zurück zum Bahnhof. Wir fahren durch enge Gassen und Tunnels, an wunderschönen Berghängen vorbei durch die kleinen urigen Orte der Schweiz nach Landeck Zams. Es ist Tag sechs des Etappenrennens Transalpine Run, der jedes Jahr laufverrückte Abenteurer anzieht.

Manuel musste aussteigen, sein Körper hat ihm einen Streich gespielt. Ich erzähle ihm, wie ich selbst vor fünf Jahren kurz vor der siebten Etappe verletzungsbedingt das Rennen beenden musste. Es war das erste Mal, dass ich einen Lauf nicht zu Ende bringen konnte. Und ich habe beim Transalpine Run mehr übers Laufen gelernt, als je zuvor. Denn diese acht Etappen bringen die Teams nicht nur an unglaublich beeindruckende Orte, wo man nur staunen kann über die Schönheit und Vielfalt der Natur, sie bringen manche Teams an ihre Grenzen, lassen einen innerlich und körperlich wachsen und Erinnerungen sammeln, die einer Heldenreise gleichen.

Manuel hat seinen Teampartner auf dem Podium in Nepal kennen gelernt. Zwei Bergsteiger beim Alpenlauf – klingt irgendwie logisch. Aber hier starten auch Flachlandläufer, Inselbewohner und Trail-Newcomer. Die Sehnsucht nach den Bergen treibt Menschen aus aller Welt hierher.

Emotionen pur auf der Königsetappe

Am Tag 4 stehe ich an der ersten Verpflegungsstelle und kann mich nicht satt sehen – ich meine nicht das Essen (das sich auch sehen lassen kann), sondern den Ausblick. Es ist unfassbar schön hier oben. Der Blick auf die Bergspitzen, die Wolken liegen wie Wattebausche unter uns und Läufer kämpfen sich den steilen Anstieg hinauf. Die Königs-Etappe macht ihrem Namen heute wirklich alle Ehre, die Teilnehmer werden hier auf die härteste aber auch schönste Strecke geschickt. Fast 47 Kilometer und 2.895 Meter Aufstieg, spektakuläre Landschaften, vielseitige Eindrücke und auch ein paar schöne knackige Downhills – allein für diese Etappe hat sich mein Besuch schon gelohnt. Ich laufe für eine Weile mit Moni und Birgit. Beide um die 60 Jahre alt. Sie laufen aus „Spaß an der Freude“, wie Moni erklärt – und für ihre Schwester, die sehr krank ist. Moni ist mehrfache Großmutter und topfit. Man nennt sie auch den „Spürhund“. Tatsächlich scheint sie sich fernab der Straße auf den Trails wie zu Hause zu fühlen. Der kleine Pfad führt uns über einen Bach und einen steinigen Hang hinauf, oben angekommen liegen auf beiden Seiten zwei türkisfarbene Bergseen. Ich halte an. Es ist einfach zu schön. Julia aus Israel scheint es auch so zu gehen. Sie stoppt und macht ein Foto. Wir stehen da und lassen diesen herrlichen Ort kurz auf uns wirken. „Ich könnte ständig anhalten, es ist so wahnsinnig beeindruckend, überall warten kleine Wunder!“ sagt Julia. Ich stimme zu. Wir laufen gemeinsam weiter und sie erzählt mir aus ihrer Heimat und wie sie vor vier Jahren ihren ersten Wettkampf bestritt. Allerdings war das kein Marathon, sondern gleich einen 55er. Ich muss lachen. „Du bist ja verrückt!“ Sie nickt. „Ich glaube, dass sind wir hier alle ein bisschen.“ Da hat sie wahrscheinlich Recht. Ein echter „Überzeugungstäter“ ist Holger Schulze. Er ist zum fünfzehnten Mal dabei – er hat kein einziges TAR-Erlebnis ausgelassen. Warum? „Einfach weil es so schön ist, dass ich immer wieder komme. Der TAR ist wie eine Familie. Man trifft sich quasi nicht an Weihnachten, sondern einmal im Jahr in den Bergen“, erklärt er und freut sich schon auf die nächsten Jahre. Solange es den Lauf gibt und er gesund ist, will er weiter mitmachen. Als er das erste Mal dabei war, erlebte Holger das größte Abenteuer, das in seinem Leben vieles verändert hat.

Brgit, Moni und Marlene
Foto: Tabitha Bühne

Flitterwochen der anderen Art

Hier trifft man lauter spannende Geschichten und Persönlichkeiten. Manche machen hier ihre Flitterwochen, wie Marlene und ihr Freund. Der musste wegen Magenproblemen leider heute aussetzen und so läuft die Ingenieurin an diesem Tag ohne ihren Liebsten weiter. Ich treffe lustige Italiener, die leider kaum Englisch sprechen, Läufer aus Kanada, Südtirol, Hongkong und aus der Heimat. Viele von ihnen erfüllen sich mit diesem großen Abenteuer einen Lebenstraum. Und der will erkämpft sein. Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir schließlich ins Ziel. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie sich die tapferen Heldinnen und Helden nun fühlen – wissend, dass jetzt ja erst die Hälfte des Rennens geschafft ist.

Bergsprint

Doch irgendwie geht es doch immer weiter. Am nächsten Tag wartet der Bergsprint: Der ist zwar kurz, aber dafür ganz schön knackig: Entfernung 7,8 Kilometer mit ordentlich Höhenmetern, über steile Wiesenhänge, durch schroffe Felsgelände, weiter über das Salaaser Hochplateau bis zum Ziel auf der Alp. Bei den Mädels sind wieder die „jungen Wilden“ am Schnellsten über die Ziellinie geschossen. Die beiden wirken wie ein Herz und eine Seele, lachen viel und nehmen die sportliche Herausforderung erstaunlich leicht. „Es ist so unfassbar schön hier in den Bergen. Wir haben heute auch zwei Häuser gefunden, in die wir später mal ziehen wollen“, sagt Ida und lacht. Suse stimmt ihrer Teampartnerin zu: „Und unsere Männer sollen dann Esel hüten!“ Wozu man Esel in den Bergen hüten soll, ist mir noch nicht ganz klar, aber fest steht: Die beiden Läuferinnen haben viel Spaß trotz der vielen Kilometer. Sie haben sich übrigens beim Kaiserschmarrn kennen gelernt. „Das sollte man sich öfter gönnen, da trifft man die besten Menschen!“ sind beide überzeugt.

Suse und ida-Sophie
Foto: Tabitha Bühne

Kampf im Nebel

Die sechste Etappe zehrt bei vielen Teams an den Kräften. Lang, hart und ein Kampf mit dem Wetter: Als Highlights der Strecke nennt Lord Jens Kramer die Kartoffeln an der Verpflegungsstelle 2 und das Laufen im Nebel. Doch so kurz vor dem Ziel kriegt man noch mal eine Portion Zuversicht und Kampfgeist. Und viele – wie Reinhard Wohlfarter aus Österreich – freuen sich auf die berühmte Uinaschlucht. Von Scuol führt die Strecke am Inn entlang, dann geht es bergauf durch die romantische Schlucht, später geht es durch Felswände und Tunnels über die Grenze nach Italien zum Schlinigpass. König Ortler wartet – der gewaltige fast 4.000er wird die Läufer in den nächsten Tagen noch beschäftigen. Jabobsweg, Schliniger Tal – die abwechslungsreichen, knapp 45 Kilometer führen die Teams über traumhafte Singletrails am Schluss hinauf zum Schloss Lichtenberg und dann wieder hinunter nach Prad. Wie gesagt: der Transalpine Run ist eine Heldenreise. Und die Riesen, die man besiegt, sind vielfältiger Art.

Durchhalten

An den letzten Etappentagen zeigt sich das Wetter eher von seiner unangenehmen Seite: Schnee und Hagel, Kälte und Wind. Die schwierigen Verhältnisse zwingen die Veranstalter, die Route zu ändern. Schnee und Sturm lassen es nicht zu, den höchsten Punkt auf 2.886 Meter (Tabarettascharte) zu überqueren. Die finalen 25,8 Kilometer von Prad am Stilfserjoch nach Sulden am Ortler bringen die Teams noch einmal zum Schwitzen, Kämpfen und Hoffen – und dann auch in das ersehnte Ziel.

Es jubeln die Schweizer

Bei den Herren durften sich das Brüder-Paar Martin und Stefan Lustenberger aus der Schweiz freuen, sie dominierten das Etappenrennen und verdienten sich den Sieg mit einer Zeit von 28:38:47,3 Stunden. Beide waren sichtlich bewegt, als sie mit einem lautstarken Empfang von Freunden und Angehörigen im Ziel gefeiert wurden. „Das ist definitiv der wichtigste Sieg in unserer Karriere“, erklärten die Schweizer und brauchten eine Weile, um diesen Meilenstein sacken zu lassen. Platz zwei erkämpften sich Gabriel Lombriser und Ramon Krebs (29:49:56,6 Stunden) vor Adrian Zurbrügg und Mike Baumgartner (30:18:46,0 Stunden), die sich über den dritten Platz freuten.

Frauenpower

„Wir wurden unterschätzt von vielen – guck sie doch an, die beiden kleinen blonden Mädchen“, lacht die jüngste Teilnehmerin Suse Spanheimer. Zusammen mit ihrer Teampartnerin Ida-Sophie Hegemann ist sie den anderen Frauenteams davon gerannt. Die beiden Deutschen konnten alle acht Etappen für sich entscheiden und kamen mit großem Vorsprung nach 25:50:57,8 Stunden sehr zufrieden als Siegerinnen in der Tennishalle von Sulden am Ortler ins Ziel. „Schade, dass es jetzt vorbei ist. Ich könnte eigentlich nochmal einen TAR laufen“, meint Ida-Sophie Hegemann schmunzelnd. Rang zwei und drei gehen an die Russinnen Elena Anasova und Nataliya Mamaeva und die Deutschen Lisa Marie Wilmsmann und Ricarda Ida Gümmer. Es waren übrigens in diesem Jahr mehr Frauen beim Transalpine Run dabei als je zuvor.

Freudentränen und Überraschungsmomente

Bei den Master Men überzeugten der Triathlet Andreas Helfenberger und der Trailläufer Wolfgang Sieder. Der 44-Jährige feierte zudem mit seiner 13ten Teilnahme auch die 100. Etappe. Sein Teampartner Andreas Helfenberger hatte 2008 schon einmal beim TAR teilgenommen, damals aber bereits am ersten Tag wegen einer Herzmuskelentzündung aufgeben müssen. Umso mehr freute er sich jetzt über den Triumph.

Bei den Master Women konnten sich Sandra Schmid und Pia Winkelblech über ihren Sieg freuen, den sie sich mit konstanter Leistung erkämpften. In der Kategorie Mixed gewannen die Österreicher Stephanie Kröll und Martin Kaschmann. Stephanie hat erst 2018 mit dem Trailrunning angefangen und seitdem viele Siege eingefahren (Österreichische Meisterin im Skyrun).

In der Kategorie Master Mixed gewann das Dreamteam aus Südtirol: Irene Senfter und Lord Jens Kramer. Die „Senior Master Men“ war dieses Jahr extrem stark besetzt. Am Ende holten sich die Deutschen Anton Philipp und Seppi Neuhauser den Gesamtsieg.

In der Senior Master Mixed-Kategorie gab es einen Zweikampf, der sich über acht Etappen hinzog. Am Ende siegten der Österreicher Reinhard Wohlfarter und Stephanie Lieb. „Unglaublich! Drei Wochen vor dem Start hat mein Teampartner abgesagt und Stephi habe ich quasi auf den letzten Drücker gefunden. Aber wir sind ein echtes Dreamteam geworden!“ freut sich der erfahrene Trailrunner Reinhard. So ist es beim Transalpine Run: Es gibt immer wieder Überraschungen. „Man erlebt eine bunte Mischung aus Schmerzen, Erschöpfung und dem krassesten Glücksgefühl überhaupt“, lautet Julias Fazit. Sie ist zum ersten Mal dabei gewesen und will unbedingt wieder kommen. Das kann sie ja schon im nächsten Jahr, dann findet der Alpenlauf wieder statt: vom 29. August bis zum 5. September.

Redaktion
Tabitha Bühne
Tabitha Bühne ist Autorin, Ernährungsberaterin und Systemischer Coach, liebt sportliche Herausforderungen wie Ultra-Läufe oder Etappenrennen und probiert gerne neue Trainingsmethoden aus.
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