Trailläufer Philipp Reiter im Interview

„Die Vielfältigkeit der Alpen fasziniert mich“

Der deutsche Trailläufer Philipp Reiter spricht im Interview darüber, warum ihn das Laufen in Deutschland und den Alpen immer noch fasziniert.
Text:| Fotos: Jordi Saragossa

Philipp Reiter gehört zu den besten Trailläufern in Deutschland – und den beliebtesten. Der 28-Jährige ist in den Bergen daheim. Im Interview erzählt der Trailrunner und Skibergsteiger, warum ihn das Laufen zu Hause immer noch fasziniert.

 

Philipp Reiter über das Laufen in Deutschland und der Alpenregion

RUNNING/Maike Hohlbaum: Philipp, du bist in den Alpen zu Hause und wohnst an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Auch beim Sport bewegst du dich auf der Grenze zwischen zwei Welten, dem Traillaufen und dem Skibergsteigen. Was kam zuerst?

Philipp Reiter: Ich war zuerst Skibergsteiger. Wir sind früh von meinem Geburtsort München zurück nach Bad Reichenhall gezogen, wo mein Papa herkommt. Er wollte gern, dass meine Geschwister und ich aufwachsen wie er. Wir waren Skitouren gehen, Skifahren, am Berg übernachten, Feuer brennen, klettern, Rad fahren. Das hat mich mit 12, 13 aber nicht mehr so interessiert. Dann habe ich eine Ausschreibung für ein Skitourenrennen gesehen und wollte unbedingt mitmachen.

RUNNING: Wie bist du dann zum Traillaufen gekommen?

Philipp Reiter: Im Sommer habe ich nach einem Sport gesucht, mit dem ich fit bleibe für den Winter. Dann habe ich angefangen, mit meinen Stöcken den Berg hoch und wieder runter zu gehen, weil ich dachte, das kommt dem Skitourengehen am nächsten. Irgendwann hat mich ein Trailläufer überholt und ich dachte: „Das versuche ich jetzt auch.

RUNNING: Und wie hat das geklappt?

Philipp Reiter: Am Anfang ging das überhaupt nicht. Wenn man versucht, von jetzt auf gleich den Berg hochzulaufen – das zerreißt einen, dann explodiert man. Ich habe mir einen kleinen Gipfel, den Dötzenkopf ausgesucht – er ist genau 1.001 Meter hoch – und habe mir das Ziel gesetzt, dort ohne zu stoppen hochzulaufen. Er hat ziemlich steile Treppen, eine krasse Steigung. Ich bin dann, als mein Puls zu hoch wurde, einfach auf der Stelle getrabt. Ich wollte ja durchlaufen. 2010 hat mich mein Laufschuhhändler gefragt, ob ich den TransalpinLauf machen will – das war dann der Start von dem Ganzen.

"Am Anfang ging das mit dem Traillaufen überhaupt nicht."

– Philipp Reiter, Trailrunner

RUNNING: Seitdem ist das Traillaufen dein Fokus?

Philipp Reiter: Ja, auf die Dauer kann man nicht beides machen. Ich habe auch Belastungsasthma und Probleme mit kalter Luft – da habe ich mich für den Sommersport entschieden.

RUNNING: Was fasziniert dich an der Landschaft, in der du unterwegs bist?

Philipp Reiter: Daheim ist das die Vielseitigkeit: Die verschiedenen Gebirgsformen und Landschaftstypen, die Abwechslung. Von mir aus ist man in 20 Minuten im Salzkammergut, dann hat man Gratberge, auch mal Hügel. Im Dachstein ist es extrem schroff und es gibt einen Gletscher. Auf relativ kleinem Raum hat man eine unheimliche Vielfalt. Das finde ich toll. Die Alpen sind mit ihrem Wegenetz und den Hütten natürlich auch extrem gut erschlossen. Das macht es einfacher, auf Entdeckungsreise zu gehen.

RUNNING: Welcher ist denn dein Lieblingsberg?

Philipp Reiter: Ich bin immer noch extrem gern im Berchtesgadener Land unterwegs. Am Königssee gibt es zwar viele Touristen, aber der Watzmann am „bayerischen Fjord“ ist einfach unglaublich schön. Das steinerne Meer ebenso. Das ist echt noch ein Fleck, da hat man keinen Handyempfang und sieht kein Zeichen von Zivilisation. So gut die Alpen auch erschlossen sind, sie haben noch diese abgeschirmten, wilden Flecken, die ich toll finde.

Foto: Jordi Saragossa

Interviewpartner: Philipp Reiter

NAME: Philipp Reiter

GEBURTSTAG: 20.07.1991

WOHNORT:

Bad Reichenhall BERUF: Trailläufer, Fotograf

STUDIUM:

Lehramtsstudium Mathematik, Biologie (Uni Salzburg)

RUNNING: Abgesehen von den Alpen bist du viel in Deutschland unterwegs. 2019 bist du in einer Gruppe die 1.400 Kilometer lange innerdeutsche Grenze abgelaufen. Wie kam es zu dem Projekt?

Philipp Reiter: Ich bin 28 Jahre alt und komme so weit aus dem Süden, dass ich aus der Deutschlandkarte fast unten herausfalle. Ich weiß vom geteilten Deutschland nur aus dem Geschichtsunterricht in der Schule. Ich wollte erfahren, was da wirklich passiert ist. Goethe hat ja gesagt „nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, und ich wollte mir die Zeit nehmen, dort gewesen zu sein. Es war interessant und verstörend, was wir erlebt und gehört haben.

RUNNING: Was habt ihr unterwegs erlebt?

Philipp Reiter: Wir haben insgesamt zwölf Zeitzeugen getroffen, zum Beispiel einen Fluchthelfer, der als Förster damals mit 17 Jahren Flüchtende über die Grenze geschleust hat und am Ende selbst flüchten musste – das an den Orten zu hören, an denen es passiert ist, ist höchst emotional. Wir haben auch mit ehemaligen Grenzsoldaten gesprochen, die auf dem Grenzstreifen patrouilliert sind und Schießbefehl hatten. Der Irrsinn dieser für damalige Verhältnisse hochtechnologischen Grenze! Wir waren ja im November viel alleine unterwegs, im Dunkeln, im Nebel. Da hatte man viel Zeit, darüber nachzudenken.

RUNNING: Wie hat dir die Landschaft gefallen? Du bist ja eigentlich kein Flachläufer.

Philipp Reiter: Den Harz fand ich recht interessant. Das ist kein Vergleich zu den Alpen, aber es gibt Ecken, die auch im November schön waren. Die Leere der Landschaft ist faszinierend, mitten in Deutschland. Die Heidelandschaften kurz vor der Ostsee waren toll und haben mir sehr gut gefallen – diese Weiten.

Trailrunner und Fotograf Philipp Reiter fühlt sich in den Bergen zu Hause.
Foto: Jordi Saragossa
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