Extremer Lauf, tragisches Unglück

Südtirol Ultra Skyrace

Schwindelfrei und körperlich topfit – das sind Voraussetzungen für das längste Rennen in Südtirol. Der Berglauf erstreckt sich über 121 Kilometer und 7554 Höhenmeter. In diesem Jahr gab es Rekorde, die von einem tödlichen Unfall überschattet wurden.
Text: Tabitha Bühne | Fotos: Patrick Schwienbacher

Wer das Südtirol Ultra Skyrace erlebt hat, spricht nicht selten von der krassesten Herausforderung seines Lebens. Der Veranstalter selbst beschreibt seinen Berglauf als die extremste Erfahrung in den Alpen. Und für dieses Trail-Erlebnis der besonderen Art am 07. Juli hatten sich insgesamt über 840 Läufer angemeldet – und damit auch für einen neuen Teilnehmerrekord auf allen angebotenen Distanzen gesorgt. Denn wer nicht die volle Dröhnung (121 Kilometer) erleben wollte, konnte auch beim Skyrace (69 Kilometer), beim Skymarathon oder beim Skytrail (27 Kilometer) antreten. Zum siebten Mal fand nun einer der anspruchsvollsten Läufe der Welt statt.

Skyrace – 69 packende Kilometer mit Krämpfen und Glückseligkeit

Auch die etwas kürzere Variante mit 69 Kilometern und 3930 Höhenmetern hat viel zu bieten. „Es ist ein unbeschreibliches Rennen – eines, das man nie vergisst!“ meint Trailläufer Lord Jens Kramer. „Die Strecke ist einfach der Wahnsinn, die muss man sich mal geben!“, schwärmt der Südtiroler. In Bozen geht es los – dann rauf nach Oberbozen. Vom Ritter Horn führt ein wunderschöner Trail herüber zur Sarner Scharte, wo sich viele Leute versammeln, um die Läufer beim steilen Anstieg anzufeuern. „Oben angekommen gibt es zur Belohnung einen Becher Cola – herrlich, da sagt man nicht Nein“, meint Jens lachend.

Wenn dann der lange Abstieg vom malerischen Totenkirchl bewältigt ist, werden die Teilnehmer von vielen Schaulustigen im Dorf Sarnthein herzlich empfangen. „Diese Motivationsspritze ist bitter nötig, denn die bevorstehenden Strapazen des langen Anstiegs – 1300 Höhenmeter – und die aufkommende Mittagshitze haben es in sich. „Ich kämpfe mit Krämpfen, sonst geht es mir gut!“ beschreibt Jens diesen Moment. Am Auener Joch führt der Pfad dann hinüber zu den berühmten Stoanernen Mandln.

Beim letzten Abstieg von Jenesien gibt es beim Schloss Raffenstein noch einmal eine erfrischende Dusche von einem Helfer per Wasserschlauch. Am Berg waren die Temperaturen noch ganz angenehm, dann geht es rasant ins 35 Grad heiße Tal nach Bozen. Hier wartet der schönste Moment: Die geliebte Familie und viele Freunde sorgen für einen grandiosen Empfang. Jens wird als Gesamtsiebter von seinen beiden Kindern die letzten Meter bis ins Ziel gezogen. Den Sieg des Rennens feiern bei den Herren der Trentiner Mattia Depaoli und bei den Damen Julia Kessler aus Meran.

Skymarathon – neue Rekordzeiten

Die Marathonläufer starten eine halbe Stunde nach den Skyracern auf die gleiche Strecke, laufen allerdings nur bis Sarnthein. „Dadurch ist man nie allein auf der Strecke“, freut sich Trailläuferin Anna Clipet. „So ein Plausch mit bekannten Gesichtern der 69er-Strecke gibt immer wieder einen neuen Energieschub.“ Die Marathonstrecke eignet sich auch für weniger erfahrenen Teilnehmer, denn die technischen Abschnitte sind relativ kurz. Die Höhenmeter haben es aber in sich: Auf 42km müssen 2863m im Aufstieg überwunden werden. Der Lokalmatador Hannes Perkmann holt sich mit einer Zeit von 3:58.05 den ersten Sieg unter der 4-Stunden-Marke. Als Zweiter und Dritter kommen der Norweger Kristian Aalerud und der Südtiroler Georg Widmann ins Ziel. Bei den Frauen sorgt die Vorjahressiegerin und Lokalmatadorin Edeltraut Thaler für einen sensationellen neuen Streckenrekord (5:08.38). Die Karlsruherin Anna Clipet und die Ultra-Skyrace-Siegerin von 2017 Maria Kemenater erkämpfen sich die Plätze 2 und 3.

Ultra Skyrace – zwei Premieren

Das hat es in den letzten sechs Jahren noch nicht gegeben: Nach eindrucksvollen 17:43.00 Stunden und der zweitschnellsten jemals gelaufenen Zeit auf der Ultra-Distanz laufen der Südtiroler Josef Thaler und der Österreicher Gerald „Sancho“ Fister gleichzeitig ins Ziel. Eine echte Premiere.

Die beiden Ausnahme-Athleten hatten beide mit einem sehr hohen Tempo begonnen und sich über die technisch schwierige Strecke einen tollen Fight geliefert. Allerdings hatte es lange so ausgesehen, als würde der Italiener Oliviero Bosatelli das Rennen für sich entscheiden. Doch zwischen der Kesselberghütte und Jenesien kamen ihm dann doch die zwei schnellen Kontrahenten in die Quere. Über den dritten Rang konnte sich der Feuerwehrmann trotzdem freuen: „Auch wenn  es mich schon etwas gewurmt hat, dass ich auf dem ersten Streckenabschnitt durch die Nacht nichts von dem wunderbaren Panorama mitbekommen und dann den Anschluss an die beiden Sieger verpasst habe.“ Fünf Kilometer vor dem Ziel scheinen Thaler und Fister beschlossen zu haben, dass sie lieber zu zweit gewinnen, als sich weiter zu duellieren und dann vielleicht von einem Dritten noch geschlagen zu werden.

Josef Thaler hatte nicht mit dem Sieg gerechnet und freute sich darum umso mehr: „Ich bin in den Bergen zu Hause, und daher weiß ich, wie man sich im Gelände gut bewegt. Bei einem flachen Marathon hätte ich wahrscheinlich keine Chance ins Ziel zu kommen, denn das liegt mir einfach nicht. Dieser Sieg ist sicherlich der bisher wichtigste in meiner Karriere.“  Bei den Frauen gelang es zum ersten Mal einer Nicht-Südtirolerin, den Sieg zu erringen. Die 54-jährige Ungarin Ildiko Wermescher sprach später von „Schwerstarbeit trotz wirklich guter Bedingungen und einer einzigartigen Strecke“.

Eine Tragödie

Überschattet wurde die Veranstaltung von einem tragischen Unglück, das sich kurz nach 19 Uhr in der Nähe des Kratzberger Sees auf knapp über 2000 Metern ereignete. Eine halbe Stunde zuvor war das Rennen wegen eines Gewitters unterbrochen worden, und die Teilnehmer waren aufgehalten worden. Doch eine mehrköpfige Gruppe befand sich zu dieser Zeit außerhalb der Reichweite von Streckenposten – zu der auch die 44-jährige Norwegerin Silje Fismen gehörte. Die Mutter von zwei Kindern wurde von einem Blitz tödlich getroffen. Ein Rettungshubschrauber flog die verletzte Läuferin nach Bozen ins Krankenhaus, doch man konnte nichts mehr für sie tun. Die Veranstalter und Teilnehmer sind bestürzt über das tragische Unglück. Die Siegerehrung am nächsten Tag wird abgesagt. „Es ist furchtbar traurig und wird uns wohl alle noch einige Zeit beschäftigen“, sagt Jens. Er kümmert sich um Freunde, die das Rennen nicht beenden konnten. Hier beweist die Trailläufer-Gemeinschaft den Zusammenhalt, für den sie bekannt ist.

Nach dem Rennen wird diskutiert, ob der Unfall hätte vermieden werden können, etwa durch einen vorzeitigen Abbruch. Gleichzeitig wird auf die Eigenverantwortung der Läufer verwiesen. Die regionale Nachrichtenseite „Südtiol News“ appelliert an die Organisation und die Athleten, sie sollten daran arbeiten, „dass aus dem überaus erfolgreichen Ultra Skyrace nicht nochmal ein Südtirol Ultra Skydeath wird. Denn es wäre traurig, wenn es während des Rennens noch einmal zu einem tödlichen Blitzschlag käme, oder wenn der Südtiol Ultra Skyrace aus dem Rennkalender verschwinden würde“.

 

121 Kilometer – ein Film von Michael Brugger und Bejamin Bauer über eines der härtesten Trailrennen in den Alpen

Redaktion
Tabitha Bühne
Tabitha Bühne ist Autorin, Ernährungsberaterin und Systemischer Coach, liebt sportliche Herausforderungen wie Ultra-Läufe oder Etappenrennen und probiert gerne neue Trainingsmethoden aus.
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