Laufparty beim St. Moritz Running Festival

Zahlreiche Bewerbe lockten zu einem besonderen Event

Der Engadiner Sommerlauf gehört mit zu den ältesten Laufveranstaltungen in der Schweiz. 2019 zelebrierte er sein 40-jähriges Jubiläum mit einer Rekordteilnehmerzahl von über 2600 Läufern. Jetzt ist er Bestandteil des St. Moritz Running Festival.
Text: Stefan Schlett | Fotos: Chris Czadilek, Fabian Gattlen

Auch in der Pandemie gab es keinen Totalausfall, er gehörte zu den wenigen Events, die ohne Unterbrechung oder Terminverschiebung stattfanden, natürlich nicht ohne Teilnehmerschwund, dafür aber ganz real. Das Team des Engadiner Sommerlaufs rund um OK-Präsidentin Anne-Marie Flammersfeld nutzte die Pandemie aber auch, um sich neu zu sortieren. Flammersfeld, diplomierte Sportwissenschaftlerin, Mentalcoach, Vortragsrednerin und Personaltrainerin ist seit gut elf Jahren OK-Präsidentin des Engadiner Sommerlaufs. Die umtriebige Extremsportlerin, die den Weltrekord im Speedclimbing am Kilimandscharo hält, führte bereits vor fünf Jahren den „Free Fall Vertical“ ein und machte aus dem Engadiner Sommerlauf ein Zweitages-Event. Mit dem Vertikalrennen über 6,6 Kilometer und 1069 Höhenmeter über die Piste der Ski WM-Herrenabfahrt mit spektakulärem Ziel am legendären Starthang in 2840 m ü. M., dem sogenannten Freien Fall, wollte sie den Teilnehmenden eine neue Herausforderung anbieten und ihnen das Engadin aus der Höhe zeigen. 2021 ist dann aus dem Engadiner Sommerlauf das „St. Moritz Running Festival“ geworden. Aus zwei wurden drei Tage, die bei traumhaftem Sommerwetter knapp 1500 Teilnehmer lockten.

Hochalpine Landschaft mit blitzblauen Seen
Foto: Chris Czadilek für St. Moritz Running Festival

Traditionsrennen und neue Formate

Die Zeit war reif für Veränderungen. Neben den Standardläufen Sommerlauf (25,5 km), Run Pontresina (12,2 km, ehemals Muragl-Lauf) und Vertikalrennen kam als neues Rennformat der „Crossing Engiadina“ hinzu, ein dreitägiger Etappenlauf über insgesamt 71,9 Kilometer und 3871 Höhenmeter auf den schönsten Trails der Region. Das Areal um die Eisarena Ludains in St. Moritz Bad wurde zum Festivalgelände und diente als zentraler Anlaufpunkt für alle Wettbewerbe und Aktivitäten. Idyllisch am Ufer des Sankt Moritzersees gelegen bot es neben sportlicher Unterhaltung eine extra Portion Lifestyle. Getreu dem Motto „Nach dem Lauf beginnt dein Festival“ lud die Bewegungsarena dazu ein, das Laufen mit noch mehr Lebensfreude zu verbinden. Im Festival Village lockten regionale Foodstände mit kulinarischen Highlights und warben mit dem Slogan „bei uns werden die Spaghetti nicht länger, sondern frischer“. DJs, Yoga-Sessions, Livekonzerte und ein Kid’s Village für die kleinen Gäste luden nach dem Zieleinlauf zum Verweilen ein. Hier fanden die Starts und Zielankünfte statt, Medaillen wurden verliehen, Trostpreise verteilt und die Impressionen des Tages verarbeitet. Erstmals fand auch ein Sports & Health Summit mit fünf Referenten aus den Bereichen Sport, Medizin und Wissenschaft auf der Bühne des Eventhotels Laudinella statt. Zudem wurden extra für den Event spezielle Hotelpackages kreiert.

Die Starts am Freitag

62 Trailläufer gingen am Freitagmittag auf die erste Etappe des Crossing Engiadina über 22,5 km und 1210 Höhenmeter. Eine Traumpiste führte durch dichten Bergwald hoch bis zum idyllischen Hahnensee, von dort auf Panoramatrails weiter bis auf 2700 m Höhe an der Mittelstation der Corvatsch-Bergbahn und wieder zurück nach St. Moritz. Nachdem zwei Wochen tadelloses Sommerwetter am Vortag von einem Regentief abgelöst wurden, das auch am ersten Renntag noch keine Anzeichen von Besserung zeigte, führte OK-Präsidentin Anne-Marie Flammersfeld ein Vier-Augen-Gespräch mit Petrus. Schließlich ist das Oberengadin für seine über 300 Sonnentage im Jahr bekannt. Und siehe da, am Samstag herrschte wieder das klassische Engadiner Kaiserwetter.

Der Freie Fall

Am Samstagmorgen stand dann neben der zweiten Etappe des Traillaufs (23,1 km und 1360 Höhenmeter), der von Bever über Spinas und die Corviglia Bergstation nach St. Moritz führte, der Start zum Free Fall Vertical an. Die Strecke führte hoch nach St. Moritz Dorf und dann über die Treppe Richtung Salastrains, wo auf die Piste der Ski WM-Herrenabfahrt gewechselt wurde. Den Abschluss des Rennens machte der legendäre Starthang, der so genannte Freie Fall mit 45 Prozent Neigung. Dort, auf 2840 m ü. M., wo sich im Winter die Rennfahrer aus dem Starthäuschen auf die Piste stürzen und in Nullkommanichts eine Geschwindigkeit von 140 km/h erreichen, lag das spektakuläre, hochalpine Ziel. Beim Freien Fall (was der Autor sonst nur vom Fallschirmspringen kennt…) handelt es sich übrigens um den steilsten Start aller Herrenskiabfahrten. Auf diese Weise diente der Freie Fall diesmal als Ziel und nicht wie sonst im Winter als Start. In 51:46 Minuten siegte der St. Moritzer Skilangläufer Fabrizio Albasini vor Simon Spiteri aus Malta, mit 1:23 Minuten Rückstand. Gar 3:30 Minuten Vorsprung holte die Italienerin Valentina Belotti vor ihrer Verfolgerin heraus, die mit 59:31 Minuten als einzige Dame unter der Stundengrenze blieb. Bei zahlreichen Kinder- und Bambiniläufen zwischen 250 m und 4 km kam dann am frühen Nachmittag auch noch der läuferische Nachwuchs auf seine Kosten.

Graubünden wartet auch beim St. Moritz Running Festival mit Trails in hochalpinem Gelände auf
Foto: Fabian Gattlen für St. Moritz Running Festival

Die Engadiner Seenplatte

Hauchdünne Nebelschwaden hingen am Sonntagmorgen über der Engadiner Seenplatte und verbreiteten ein zauberhaftes Flair. Die Trailläufer starteten in Sils ihre längste Etappe über 26,3 km und 1301 Höhenmeter. Hier, wo schon der Philosoph Friedrich Nietzsche in den Sommermonaten der 1880er-Jahre wohnte, wurde 1:15 Stunden später auch der Hauptlauf gestartet, mit 493 Teilnehmern der größte Wettbewerb. 25,5 flache Kilometer entlang der Seenplatte, die sich wie eine Perlenkette durch das Oberengadin zieht. Ein wenig höher in den Bergen startete in Pontresina fast zeitgleich der Run Pontresina über 12,2 Kilometer mit 338 Läufern. Alle drei Wettbewerbe endeten am Festivalgelände in St. Moritz Bad. Die Ergebnisse wurden überwiegend von Schweizer Athleten bestimmt. Dreimal hintereinander rissen Tobias Schmid und Gabriela Egli den ersten Platz an sich, womit der Gesamtsieg im Crossing Engiadina bei beiden Geschlechtern an die Schweiz ging. Auch den Engadiner Sommerlauf, der Herzmuskel der Veranstaltung, dominierten die Eidgenossen: Max Studer in 1:20:43 Stunden und Julie Derron in 1:37:57 Stunden. Wobei sich in den Top Ten der Herren sieben und der Damen fünf Nationalitäten aus vier Kontinenten tummelten. Der Run Pontresina ging an den Franzosen Morgan Le Guen in 37:15 Minuten und die Italienerin Ilaria Sabbatini in 46:18 Minuten.

Diese Landschaft ist einzigartig

Drei Tage Running Festival und zwei Tage Sonnenschein bewiesen, dass die Organisation nicht nur einen guten Draht zum Wettergott hat, sondern mit dem neuen Konzept und dem tollen Rahmenprogramm sehr gut für die Zukunft aufgestellt ist und sich so langsam wieder an vorpandemische Teilnehmerzahlen heranarbeiten dürfte. Jeder Laufkilometer wurde gefeiert, die Stimmung war ausgelassen fröhlich, Abkühlung gab’s durch einen Sprung in den Sankt Moritzersee. Beim Outdoor-Yoga oder spätestens zur Musik beim Livekonzert konnten die Muskeln nochmals gelockert werden. Dazu gab es Freitag- und Samstagnacht mit der Drohnenshow eine außergewöhnliche technisch-künstlerische Performance: 100 beleuchtete Drohnen formten über dem St. Moritzersee Fantasiegebilde und erzeugten bei den zahlreichen Zuschauern sinnliche Erlebnisse.

Das Schlusswort, bezogen auf den Hauptlauf, gehört der charmanten OK-Präsidentin Anne-Marie Flammersfeld: „In welcher hochalpinen Berglandschaft kann man 25 km am Stück flach laufen und sich dabei an 6 blitzblauen Seen erfreuen? Diese Landschaft ist wirklich einzigartig. Einzigartig ist auch, dass in dieser gleichen hochalpinen Berglandschaft Dichtende, Musizierende, Kunstschaffende und kleine und große Sternlis auf diesen gleichen Wegen und Pfaden umherflanieren und sich inspirieren lassen. Es ist die perfekte Landschaft für Ruhe und Aktivität. Für schnell und langsam. Für denkende Köpfe und laufende Beine“.

Das nächste St. Moritz Running Festival findet voraussichtlich Mitte August 2023 statt. Beim dreitägigen Traillauf Crossing Engiadina kann man sich auch für einzelne Etappen anmelden. Hier gibt’s dazu alle erforderlichen Informationen:

www.stmoritzrunningfestival.ch

Medaillen mit erhabenem Steinbock-Kopf
Foto: Chris Czadilek für St. Moritz Running Festival
Location-Check

Das Engadin

Das Oberengadin gilt als das Dach Europas und ist mit seinem mondänen St. Moritz nicht nur ein Laufsteg des internationalen Jetsets, sondern auch ein Sportlerparadies. Nicht umsonst wählen viele Spitzensportler die Region für ihr Höhentrainingslager aus. In der klaren, kalten und sauberen Luft in 1800 Metern Höhe, einem sonnenreichen, trockenen Reizklima, treten keine Allergien und so gut wie keine Erkältungen auf. Das Hochtal im schweizerischen Graubünden ist eines der höchstgelegenen bewohnten Täler Europas. Hier gibt es überdurchschnittlich viel Sonnenschein und ausgesprochen wenig Niederschlag. Oberhalb von Maloja entspringt der Inn. Und dieser Fluss ist es, der dem Hochtal seinen Namen gab: Engadin bedeutet in seiner romanischen Urform „Garten des Inns“. Das Wasser prägt den Charakter des Engadins. Wilde Bergbäche und trinkwassersaubere Bergseen machen es zu einem hochalpinen Wasserparadies. Schon Schriftsteller wie Nietzsche, Künstler wie Beuys und Musiker wie David Bowie ließen sich von der fantastischen Weite und diesem zauberhaften Land inspirieren.

Die beschauliche zweistündige Anfahrt mit der Rhätischen Bahn von Chur bringt dem Reisenden die herrliche Bergwelt in homöopathischen Dosen näher. Die Bahnstrecke durchs Albulatal ins Engadin gehört mit ihren Kehrtunnels und den schwindelerregenden Viadukten zu den malerischsten von ganz Europa. Die höchste Bahntransversale der Alpen verbindet Nord- und Südeuropa auf derart spektakuläre Weise, dass sie unter UNESCO-Schutz gestellt wurde.

Durch die archaische Schönheit der Bergwelt und das sportliche Ambiente der Region haben sich hier in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Ausdauerwettbewerbe entwickelt. Mountainbike-, Trail- und Ultrarennen, Swimrun, Triathlon und, mittlerweile bereits als langjährige Klassiker etabliert, sind Engadiner Radmarathon, Engadiner Skimarathon und Engadiner Sommerlauf, jetzt neu als St. Moritz Running Festival. Die Landschaft und das Klima scheinen die Menschen zu inspirieren, es herrscht eine ausgeprägte Sport- und Körperkultur. Überall wird geradelt, gelaufen, geskatet, gewandert, geklettert, gesurft. Bereits fünf Mal wurden in St. Moritz die alpinen Ski-Weltmeisterschaften ausgetragen. Daneben durfte die schillernde Alpenmetropole in den Jahren 1928 und 1948 auch zwei Olympische Winterspiele zelebrieren.

St. Moritz, die schillernde Alpendestination im Zentrum des Engadin bekam ursprünglich Bedeutung durch seine Heilquellen, die seit 3000 Jahren bekannt sind. Die legendären Luxushotels (fünf von acht Fünf-Sterne-Häusern in der Region thronen hier) sorgen seit den goldenen Zwanzigern für Glanz und Glamour und beherbergten alles, was Rang und Namen hatte: vom Schah von Persien über Charlie Chaplin bis Enrico Caruso. Der Magie von St. Moritz, so sagte Rolf Sachs einmal, bleibe jeder, der einmal da war, verfallen.

www.engadin.ch/de

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