Running Japan

Ein ganz besonderer Laufclub

Japan ist eines der laufverrücktesten Länder auf der Welt. In Tokio findet sich eine ganz besondere Gemeinschaft: der Namban Rengo Running Club. RUNNING besuchte ihn zwei Tage lang, um mit seinen Mitgliedern zu laufen, zu lachen und zu feiern.
Text:| Fotos: Jochen Schmitz, Armin Schirmaier, Namban Rengo Running Club

Wer sich mit dem Namban Rengo Running Club beschäftigt, der stößt bei seinen Recherchen immer wieder auf den Namen Bob Poulsen. Der gebürtige Amerikaner kam vor über 40 Jahren nach Japan und gehört zu den Gründungsvätern des Vereins. 1989 trafen er und einige weitere in Tokio lebende „ausländische“ Sportskameraden die Entscheidung, fortan gemeinsam in einem Club zu trainieren.Insbesondere während dieser ersten Vereinsjahre zeichnete sich die Gemeinschaft durch sehr starke Laufleistungen  aus, was natürlich in offiziellen Wettkämpfen gipfelte.

Mittlerweile ist das sportliche Niveau des Clubs so breit gefächert wie die Nationalitäten seiner Gefährten. Diese etwa 200 Läufer kommen aus aller Herren Länder und selbstverständlich zählen auch viele Japaner dazu. Der Grundgedanke ist und bleibt dabei, Läufer aus unterschiedlichsten Kulturen im Sport zu vereinen. Eine Teilnahme an Wettbewerben wie zum Beispiel den Ekiden-Rennen, die Bob und seine Freunde in früheren Jahren oftmals sehr erfolgreich absolvierten, gilt als nicht zwingend erforderlich. Dementsprechend sind die Trainingseinheiten so strukturiert, dass jeder seine individuellen Ziele verfolgen kann.

Bob lädt uns per E-Mail zum sogenannten Hill-Work-out-Race am Samstag, den 25.02.2017 ein. Wir verabreden uns an der U-Bahnstation Aoyama-Itchome, direkt vor der Polizei-Wache. Sich vor diesen kleinen Polizeihäuschen zu treffen, oder dort nach einer Adresse zu fragen, ist in Japan nichts Ungewöhnliches, da Hausnummern und Straßennamen im Land des Lächelns eher die Ausnahme sind. Pünktlich um 10.00 Uhr stehen alle Bewegungsinteressierten vor Ort parat – bis auf Bob, der lässt sich von Sharitiy entschuldigen. Die Amerikanerin scheint bestens über uns unterrichtet und wird in der nächsten Stunde das Sagen haben. Zuvor ziehen wir uns fix in der U- Bahnstation um und deponieren die Habseligkeiten in öffentlichen Schließfächern – wie praktisch.

Auf dem Programm steht heute eine Sechs-Kilometer-Runde um das Gelände des Akasaka Palasts, zweimal unterbrochen von Sprinteinlagen an den Steigungen. Länge und Intensität dieser Intervalle bestimmt jeder für sich selbst. Unsere Gruppe umfasst circa zehn Personen. Normalweisen kommen bis zu 60 Sportler zu diesem oder dem Stadiontraining am Mittwoch, aber da morgen der Tokio Marathon ansteht, schonen viele Mitglieder ihre Kräfte für das Rennen am nächsten Tag. Alles geht sehr locker zu, sofort sind wir im Gespräch über das Laufen, das Leben in Japan und ganz wichtig, die Party am Sonntagabend. Die ist eine Clubtradition, denn nach jedem Tokio Marathon feiern Aktive und Zuschauer ihre Leistungen ausgelassen in einem Pub.

Ebenso bedeutend muss das bildlicheDokumentieren des Trainings sein, wir legen mindestens zwei Foto-Stopps ein, damit die Daheimgebliebenen per Facebook an unseren Anstrengungen teil – haben können. Nebenbei erklären mir zwei Engländer, welchen Stellenwert für sie der Club besitzt. Ohne ihn hätten die beiden kaum soziale Kontakte außerhalb ihrer Berufswelt. So aber sind sie mittlerweile bestens vernetztIch erfahre, dass es in Tokio für alles einen Club oder einen Verein gibt, um Menschen mit gleichen Interessen zusammenzubringen, und sei es, dass man gemeinsam einen Ort zum Katzenstreicheln aufsucht.

Nach knapp 60 Minuten sind wir fertig, holen unsere Klamotten und stiefeln gemeinsam zu einem nahe gelegenen Café. Lediglich die beiden älteren Tokioter Kazuo und Tetsuya komm

en nicht mit, sie müssen ins Büro, ganz gleich ob Wochenende oder nicht. Die unermüdliche Arbeitsmoral der Japaner ist bekannt und führt mitunter bis zum Karo – shi, dem Tod durch Überarbeitung. Wo dieses Übels wurzelt, sehe ich, als wir die Filiale eines Kaffeerösters betreten. Wir sind die Einzigen, die zum entspannenden Zeitvertreib hier Platz nehmen. Die restlichen Tische blockieren im Kollektiv lernende Kids. Zwei Tassen Heißgetränk später trennen sich die Wege und wir verabreden uns für den nächsten Morgen, bei einer weiteren Filiale des Franchisegebers für Kaffeeprodukte zum Einstimmen auf den Marathon.

Am Folgetag versammelt sich wie besprochen ein kleines Grüppchen der Starterschar (insgesamt 28) des Namban Rengo Running Club am Treffpunkt. Erneut fehlt Bob, ich erfahre, dass er bei Streckenkilometer fünf des Tokio Marathon in Laufrichtung links stehen soll. Zusammen mit weiteren Vereinsmitgliedern wollen sie dort Stimmung für die Teilnehmer machen. Bevor es ernst wird, klopfen sich alle Anwesenden auf die Schulter, wünschen einander Glück und verweisen erneut auf die Party am Abend. Obwohl wir uns das Club-Logo bestens eingeprägt haben und wirklich gemütlich den Kilometer fünf passieren, erspähen wir keinen Bob & Co. Oder gibt es den ominösen Bob eventuell gar nicht? So wie einen guten Geist, von dem alle sprechen, den aber noch nie jemand zu Gesicht bekam. Nun ja, Gedanken, die einem beim Marathon kommen, ergeben retrospektiv betrachtet nicht immer einen Sinn. Bei Kilometer 33 macht eine Delegation des Clubs lautstark auf sich aufmerksam. Jedoch fehlt einer, nämlich Bob.

Kaum zurück im Hotel, trudeln auf der Namban-Rengo-Running-Facebook-Seite die Zielzeiten der Club-Finisher ein, zusätzlich posten Rika und David ihre Ergebnisse von einem Halbmarathon vor den Toren der Stadt. David wohnt eigentlich in Singapur und kommt regelmäßig nach Tokio. Dann verabredet er sich mit den Namban-Mitgliedern zum Training oder zur Teilnahme an Wettkämpfen. Umgekehrt beehren ihn zahlreiche Club-Freunde zum Sport in Singapur.

Frisch geduscht suchen wir die britisch Kneipe zum Feiern auf. Doch als ich am Tresen nach Bob und seinen Mannen frage, schüttelt der Barkeeper den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein“, entfährt es mir genervt. Sein Kollege weiß Rat, es gibt in der City noch einen weiteren Pub mit demselben Namen. Wir probieren es dort und siehe da, bereits kurz nach dem Eintreten begrüßt uns ein bestens gelaunter Bob. Da wir die einzigen Nicht-Clubber sind, erkennt er uns sofort. Es dauert keine Minute und wir stehen fachsimpelnd mit einem Guinness in der Hand zusammen.

Mehrere Bildschirme im Raum übertragen in einer Dauerschleife die Aufzeichnung des Tokio Marathon. Lauthals wird an den kleinen Stehtischen über das zuvor im Rennen erlebte diskutiert. Im Vorraum pafft eine Dame genüsslich ein Pfeifchen, ich bin etwas verwundert und erfahre, dass die Irin heute ihren ersten 42-er geschafft hat und gerade sich selbst feiert – es sei ihr gegönnt. Dann kehrt Ruhe ein, Bob ergreift das Mikro und ehrt in einer kurzen Ansprache alle erfolgreichen Läufer des Tokio Marathon 2017. Noch ein Toast, dann steig der Geräuschepegel ordentlich an.

In den folgenden Gesprächen bestätigt man mir aus dem hohen Norden Amerikas bis nach Neuseeland, wie viel Herzblut Bob Poulsen für den Namban Rengo Running Club aufbringt. Uwe aus Deutschland antwortet auf die Frage, was er an Bob besonders schätzt: „Erstens: Der hat noch richtig was drauf, ist also auch sportlich ein Vorbild und eine Motivation. Zweitens: Der ist so ruhig und ausgeglichen, da hat die allmittwöchliche Ansprache und Einweisung vor dem Training schon was Meditatives. Das muss auch sein, weil der eigentlich nie weiß, was ihn erwartet. Manchmal stehen da 80 Leute, davon zehn neue, oder auf einmal sind nach Jahren irgendwelche Ehemaligen zurück, oder die Sportanlage wird umgebaut, oder er muss die Streckenführung ändern, weil gerade im Park alle Pokémon GO spielen, selbst im Dunkeln, oder Tausende Kirschblütenfans die Grünanlage verstopfen …“

Punkt 20.00 Uhr verstummt die Musik und das große Licht geht an. Zeit aufzubrechen, schließlich ist morgen Montag und die Arbeit wartet. „Bye, bye bis Mittwoch beim Training“, heißt es. Als wir durch die Überführung zur U-Bahn-Station schlendern, kann ich von oben in den verlassenen Pub blicken, in der Mitte des Raumes steht gedankenverloren ein Mann mit einem Glas in der Hand. Da unten – da ist Bob!

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