Stylianos Kyriakides

Die Geschichte einer Lauflegende

„Win or Die“ stand auf dem Zettel, den ihm sein amerikanischer Gastgeber, George Demeter, als Inspiration vor dem Boston Marathon '46 in die Hand gab. Jene Wörter, die die Existenz des griechischen Sporthelden Stylianos Kyriakides beschreiben sollten
Text: Edith Zuschmann | Fotos: Redaktion

Die Laufwelt kennt mehrheitlich zwei Griechen: den Soldaten Pheidippides, dessen Legende den Ursprung des Marathons bildet. Und Spiridon Louis, den ersten Marathon-Olympiasieger der Neuzeit. Doch es gibt noch einen Dritten im Bunde, der das Rampenlicht verdient: Stylianos Kyriakides. Stelios, wie er auch liebevoll genannt wird, ist nicht nur der erfolgreichste griechische Langdistanzläufer aller Zeiten. Seine Landsleute verehren ihn vor allem für seinen unermüdlichen Patriotismus, der vielen Griechen das Leben rettete.
Der in einem ärmlichen Bergdorf auf Zypern geborene Kyriakides zog als junger Mann aufs Festland, um Geld für seine Familie zu verdienen. Er landete als Hausjunge bei einem britischen Offizier, der den damals 22-Jährigen ermutigte, mit dem Lauftraining zu beginnen. Sein Arbeitgeber schenkte ihm seine erste Ausrüstung, gab ihm Trainingsempfehlungen und brachte ihm Englisch bei. Ein Unterfangen, das rasch Früchte trug.
Bei seinen ersten Pan-Zypriotischen Spielen 1932 gewann Stylianos die 1.500, 5.000, 10.000 und 20.000 Meter. Mit dieser Leistung manövrierte er sich direkt ins Nationalteam. Obwohl er der Jüngste im olympischen Leichtathletik- Team für die Spiele 1936 in Berlin war, erkor man ihn zum Mannschaftskapitän. Den Marathon beendete er in Deutschland mit dem zehnten Rang. Das war allerdings nicht der Triumph, den sich der mittlerweile 26-Jährige erhofft hatte. Doch schon bald wusste er den Wert dieser Olympiateilnahme hoch einzuschätzen.

Während des Zweiten Weltkrieges nutzte der Grieche seine sportlichen Erfolge für den aktiven Widerstand gegen die deutschen Truppen.

Während des Zweiten Weltkrieges nutzte der Grieche seine sportlichen Erfolge für den aktiven Widerstand gegen die deutschen Truppen. Dank seines Olympia-Status konnte er sich nicht nur selbst, sondern auch andere schützen. Zusammen mit dem Sportsfreund Grigoris Lambrakis gründete er die Partisanengruppe „Gemeinschaft der griechischen Athleten“. Kyriakides agierte als Nachrichtenübermittler und versteckte Piloten der Alliierten in seinem Keller. Trotzdem wurde es zwei Mal für den mutigen Läufer eng.
Eines Nachts griffen ihn deutsche Soldaten auf. Eine solche Festnahme galt meist als Todesurteil, da eine Partisanentätigkeit vermutet wurde. Er folgte dem Befehl, seine Hosentaschen auszuleeren, in denen er seinen olympischen Pass hatte. Als der Offizier diesen entdeckte, fragte er genauer nach und meinte dann: „Ah, Du bist ein Marathonläufer. Warum hast Du das nicht gleich gesagt? Hier – nimm deine Kleider und verschwinde.“ Einige Zeit später durchsuchten Offiziere sein Haus. Als sie ein Bild von Stylianos in seinem olympischen Outfit entdeckten, verließen sie sein Anwesen unverrichteter Dinge und entdeckten so die versteckten Alliierten nicht.

Stylianos Kyriakides Start

Als 1945 das ganze Land im Hungerund Bürgerkriegschaos versank, holte der Sportler wieder seine Laufschuhe hervor und begann, zu trainieren. Denn er hatte einen Plan: Er wollte zum berühmten Boston Marathon, um für sein Land Geld und Nahrung zu „erringen“. Stylianos verkaufte die eine Hälfte seines Hauses und bat seinen Arbeitgeber, die British Electricity Company, um Geld für eine Fahrkarte nach Amerika. Familie und Freunde erklärten ihn für verrückt. Nur sein langjähriger ungarischer Trainer, Otto Simitchek, glaubte an ihn.
Als er schlussendlich vier Wochen vor dem Marathon in Boston ankam, war er ausgezehrt, doch seine Fitness versprach, das Unmögliche wahr werden zu lassen. Fast wäre einen Tag vor dem Wettkampf sein Vorhaben gescheitert. Der Rennarzt stufte ihn als zu dünn und schwach ein. „Er ist nicht imstande, ins Ziel zu kommen“, attestierte der Mediziner, der ihm die Startfreigabe verweigerte. Sein Gastgeber, Georg Demeter, sprang ein, übernahm die volle Verantwortung für Kyriakides und sicherte so seine Teilnahme. Er glaubte an seinen neuen Freund – er wusste genau, welche Intention den Griechen antrieb.

Kyriakides agierte als Nachrichtenübermittler und versteckte Piloten der Alliierten in seinem Keller. Trotzdem wurde es zwei Mal für den mutigen Läufer eng.

Als der Veranstalter Stylianos die Startnummer eins überreichen wollte, verweigerte er. „Ich möchte die 77, sie bedeutet doppeltes Glück “, meinte der damals Mittdreißiger. Seine dann gezeigte Leistung dürfte jedoch weniger mit Glück als mit harter Arbeit zusammenhängen. Er lieferte sich ein spannendes Duell mit dem damals besten Läufer der Welt: Jonny Kelly. Kurz vor dem Finish zog Kyriakides in einem Sprint davon und durchbrach das Zielband nach 2:29:27 Stunden. Dabei rief er: „Für Griechenland!“

Stylianos Kyriakides beim Lauf

Seine Geschichte zog die Medien in seinen Bann. Selbst Kelly vergaß seine Enttäuschung über die Niederlage und gratulierte seinem Kontrahenten herz lich: „Es ist großartig, dass Du gewonnen hast, es ist großartig für Dein Land.“ Eine Welle der Sympathie und Unterstützung brach über den griechischen Helden herein, der als erster Nichtamerikaner den Boston Marathon gewonnen hatte. Es folgte unter anderem eine Einladung des amerikanischen Präsidenten ins Weiße Haus.

Denn er hatte einen Plan: Er wollte zum berühmten Boston Marathon, um für sein Land Geld und Nahrung zu „erringen“.

Nach über zwei Monaten kehrte der Champion nach Hause zurück, wo Abertausende seiner Landsleute in der Hauptstadt Athen die Straßen säumten, um ihren Helden zu begrüßen und zu feiern. Im Gepäck hatte er das „Kyriakides-Hilfspaket“: 25.000 Tonnen an Hilfsgütern und Spendengelder in Höhe von 250.000 US-Dollar.
Ein Jahr später kam er erneut nach Boston, dieses Mal mit der Absicht, Beiträge für das griechische Leichtathletik- Team zu sammeln, um dessen Teilnahme an den Spielen in London zu ermöglichen. Mit einem achten Rang und 50.000 US-Dollar in der Tasche reiste er heim und machte unter anderem sich selbst seinen erneuten olympischen Traum wahr. Nach einem 18. Platz im Marathon erklärte der Grieche seinen Rücktritt, blieb aber dem Laufsport als Trainer und Funktionär eng verbunden.

Im Gepäck hatte er das „Kyriakides-Hilfspaket“: 25.000 Tonnen an Hilfsgütern und 250.000 US-Dollar an Spendengeldern.

Stylianos Kyriakides hinterließ dem Laufsport einige Pionierleistungen: Bereits 1934 verwendete er eine Handstoppuhr, er beschäftigte sich schon in den Dreißigerjahren mit speziellen Aufwärm- und Dehnübungen und achtete zudem auf eine leistungsfördernde Ernährung. Im Dezember 1987 schloss Kyriakides seine Augen, doch seine Taten bleiben den Griechen für immer in bester Erinnerung. Er ist einer ihrer großen Nationalhelden, der bescheidene, für Land und Frieden ausdauernd kämpfende Pheidippides des 20. Jahrhunderts.

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