Sein bester Fall

Ein Laufteam im abgerocktesten Viertel LA. Der Anführer: Ein Richter. Die Mitläufer: Obdachlose. Klingt nach einem super Stoff für einen Kinofilm. Doch in diesem Fall schreibt das echte Leben das Drehbuch und die Darsteller spielen sich selbst.
Text: Anne Kirchberg | Fotos: Getty Images/ Mark Boster / Kontributor, Getty Images/ Amanda Edwards / Kontributor

Tagtäglich ist Craig Mitchell mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Als Strafrichter urteilt er über grausige Straftäter, teilweise sogar Mörder. Viele der Angeklagten stammen aus Skid Row, die unschöne Seite des sonst so glamourösen Los Angeles. Hier hausen über 15.000 Obdachlosen in Zelten oder Papphütten, leben von Drogen und Alkohol. Neben bewa.neten Raubüberfällen sind auch Morde an der Tagesordnung. Vor sieben Jahren lud ein ehemaliger Häftling Mitchell in seine dortige Unterkunft ein. Der Richter war von den Lebensbedingungen so schockiert, dass er den Menschen unbedingt helfen wollte.

SPORT MACHT FREU(N)DE UND STÄRKT SO DAS SELBSTBEWUSSTSEIN

„Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wohltuend Laufen für die physische und psychische Gesundheit sein kann“, sagt der 61-Jährige. Der ehemalige High-School-Lehrer hatte den Sport vor über 20 Jahren lieben gelernt. „Damals fragte mich mein Chef, ob ich bei einem Lauf der Vollzugsbehörden teilnehmen möchte. Ich war nicht besonders begeistert, wusste aber, dass es keine gute Idee wäre, abzulehnen“, so Mitchell lachend. „Sehr zu meiner eigenen Überraschung fand ich das Laufen dann aber doch gut und heute genieße ich die Zeit für mich alleine sehr.“ Mitchell denkt laufend viel über sein Leben, seine Familie oder die Arbeit nach. „Als Richter treffe ich jeden Tag wichtige Entscheidungen, die ich beim Laufen noch einmal überdenken kann und so meistens zu einem Entschluss komme, mit dem ich zufrieden bin“, so Mitchell. Er ist fest davon überzeugt, dass der Ansatz, körperliche Anstrengung zu teilen, Gemeinschaftssinn und Bindung schafft. Deswegen ergab es für ihn Sinn, diese Nutzen auch denen zukommen zu lassen, die gerade nach einem Weg suchen, ihr Leben wieder aufzubauen. So gründete Mitchell im Jahr 2012 den Skid Row Running Club. Der Club gilt als eine Art Rehabilitationsprogramm für alle, die mit Abhängigkeit, Obdachlosigkeit oder sonstigen Problemen zu kämpfen haben. „Durch meine Arbeit weiß ich, dass sich viele dieser Menschen isoliert fühlen, von ihren Familien getrennt sind und keine Arbeit mehr haben.“ Durch das Laufen entstehen ganz automatisch Freundschaften. Schweiß schweißt nun mal zusammen. Wer sich zusammen bis ins Ziel durchbeißt, hilft dem anderen auch in anderen Extrem-Situationen. „Menschen, die sich umeinander kümmern, sind eine bemerkenswerte Bestätigung. Freundschaft zeigt uns, dass wir als Person etwas wert sind und Eigenschaften besitzen, aufgrund derer andere Zeit mit uns verbringen möchten“, erklärt Mitchell. Und das gibt die nötige Kraft, ein Leben komplett zu verändern.

OFFEN FÜR ALLE: IM SKID ROW RUNNING CLUB IST JEDER GERN GESEHEN

Seit sechs Jahren laufen die Teilnehmer des Skid Row Running Clubs nun drei Mal pro Woche, meistens früh am Morgen oder spät abends. Aktuell zählt der Club rund 100 aktive Mitglieder, von denen mehr als zwei Drittel Männer sind. Unter den Läufern .nden sich jedoch nicht ausschließlich ehemalige Abhängige, Obdachlose und Ex-Strä.inge. Anwälte und Journalisten sind ebenfalls dabei. „Unser Club ist für jedermann o.en und so laufen viele mit, die mitten im Berufsleben stehen und anderen helfen möchten. Es ist wichtig, alle Menschen zusammenzubringen“, meint der Amerikaner.

DER GRÖSSTE ERFOLG IST DIE RÜCKKEHR IN EIN NORMALES LEBEN

Im Club .ndet das Miteinander stets auf Augenhöhe statt. „Ich bin dort nicht der Richter, sondern einfach jemand, der genau wie alle anderen versucht, ins Ziel zu kommen.“ Über die einzelnen Schicksale der Teilnehmer könnte Mitchell ein dickes Buch schreiben. Da gibt es Ben, einen Bassisten, der in einer erfolgreichen Heavy Metal Band spielte und aufgrund seiner Alkoholsucht alles verlor. Doch nach seiner schweren Zeit studiert er nun am „San Francisco Conservatory of Music“ und komponiert Musik für die Filmindustrie. „Rebecca nahm zehn Jahre lang Heroin. Heute ist sie clean und arbeitet als Operationsschwester in einem Krankenhaus“, erzählt der Richter. Und es gibt weitere positive Beispiele: „Rafael war für 30 Jahre im Gefängnis und ist nun beim Wasserund Elektrizitätswerk angestellt. Brian war fast sein gesamtes Leben obdachlos, hat sich jetzt einen Namen als Fotograf gemacht und ist der Mentor für die Jüngeren in unserer Gruppe.“

IRGENDWANN MELDETE SICH HOLLYWOOD – DIE STORY IST FILMREIF!

Viele dieser und weiterer Geschichten porträtieren Gabi und Mark Hayes eindrucksvoll in ihrer preisgekrönten Dokumentation namens „Skid Row Marathon“, die im Juli 2018 auch in Europa verö.entlicht wird. „Mein Mann und ich lasen eines Tages einen Artikel über Richter Mitchell, als er seinen Laufclub aufbaute und ich dachte sofort, das sei ein spannendes Thema für eine Dokumentation. Darum haben wir den Club von Anfang an begleitet“, erzählt Gabi Hayes. Sie stammt ursprünglich aus Jena und zog 1989 in die USA. „Als ich nach Los Angeles kam und all diese vielen Menschen sah, die auf der Straße lebten, war ich geschockt. In Ostdeutschland habe ich nie einen Obdachlosen gesehen – wie kann so etwas in einem der reichsten Länder der Welt nur sein?“ Vier Jahre arbeitete das Ehepaar Hayes an ihrem 85 Minuten langen Film, dessen Ausstrahlungstermine in Deutschland demnächst auf der Facebook-Seite von „Skid Row Marathon“ verö.entlicht werden. Der Trailer mit absoluter Gänsehaut-Garantie ist bereits auf YouTube zu sehen.

WER MITLÄUFT, MEINT ES ERNST. DROGENTESTS SIND ÜBERFLÜSSIG

Wer beim Skid Row Running Club mitmachen möchte, kann einfach vorbeikommen und muss trotz seiner früheren Abhängigkeit keine Untersuchung durch einen Arzt vorweisen. „Es existiert eine Menge Literatur darüber, dass Laufen das Beste ist, das ein Abhängiger für seine Genesung und Gesundheit tun kann“, betont Mitchell. „Einige unserer Läufer haben ihre körperlichen Fitnesslevel vollkommen verändert. Manche verloren bis zu 25 Kilogramm ihres Körpergewichts.“ Beim Skid Row Running Club werden auch keine Drogentests durchgeführt, denn nach Erfahrung des Richters geschieht durch einen Rückfall in die Abhängigkeit sowieso eine Art natürliche Selektion. „Alle, die noch Drogen nehmen, kommen gar nicht zu uns, weil sie nicht laufen möchten und keine Menschen tre.en wollen, die sich bereits in der Erholungsphase be.nden. Schließlich merken diese Personen sofort, wer noch Drogen konsumiert. Gleichzeitig kann sich der Kopf gar nicht auf etwas wie das Laufen fokussieren.“ Doch selbst die Mitglieder, die regelmäßig aktiv waren, erleben Rückschläge, gehen aus dem Programm heraus – und kommen oft wieder zurück. „Alle, die noch nicht den Punkt in ihrem Leben erreicht haben, die Disziplin und Selbstmotivation aufzubringen, drei Mal wöchentlich um fünf Uhr morgens durchzustarten, bleiben nach ein paar Versuchen weg. Fast jeder, der zum ersten Mal zu uns kommt, kann sich zudem nicht vorstellen, eine so lange Strecke zu laufen – und ist begeistert, dass es doch geht!“ Als Ziel haben sich die Läufer des Skid Row Running Clubs die Teilnahme an einem Marathon gesetzt. Jedes Jahr steht ein neuer Ort auf dem Plan und so war Craig Mitchell mit seinen Schützlingen schon in Ghana, Italien, Vietnam und Israel. „Bei der Vorbereitung ist das unterstützende Netzwerk, das unter den Teilnehmern entsteht, am allerwichtigsten. Alle sollen sich nach jedem Lauf richtig gut fühlen!“

SEIN ENGAGEMENT ZIEHT WEITE KREISE. MITCHELL HOFFT AUF NACHAHMER

Die Erfolgsgeschichte ist nach Meinung von Richter Mitchell jedoch nicht einzigartig. „Wo immer es eine Gruppe von Menschen gibt, die Willens genug sind, ihre Zeit und Ressourcen für solch eine Initiative herzugeben, kann überall auf der Welt ein Programm wie der Skid Row Running Club existieren“, sagt er. Er will denjenigen Mut machen, die seinem Beispiel folgen wollen. Leicht ist es jedoch nicht: „Man benötigt ein paar Leute, die diese Menschen zusammenbringen und darauf achten, dass alle ihre Versprechen halten.“ Mitchell selbst läuft weiterhin drei Mal pro Woche mit dem Skid Row Running Club, auch weil die Mitglieder seine Freunde geworden sind. „Mein Leben würde an Wert verlieren, wenn ich nicht mehr dort wäre! Bei uns spürt man Aufrichtigkeit und Echtheit wie nur selten im Leben.“ Dass er für sein Engagement weltweite Aufmerksamkeit erhalten hat und im September 2017 mit dem Berliner Ampelmann Award ausgezeichnet wurde, freut ihn sehr. „Es ist wirklich schön, Anerkennung zu erhalten. Und dieser Preis war sehr berührend, denn jeder, der damit zu tun hatte, war so aufrichtig und aufmerksam. Ich habe mich gefühlt, als würde ich wirklich etwas Wichtiges tun.“ Dass ein Richter das tut, ist jedem bewusst – nur sein eigenes Urteil fällt wesentlich bescheidener aus …

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