Von der Kanzel zum Tokio Marathon

Ein laufender Pfarrer in Japan

Regelmäßig zieht es den Pfarrer Gerhard Kobler aus Österreich auf die großen Marathonbühnen der Welt. Mit seinem Start über die 42,195 Kilometer durch Tokio beendete der 52-Jährige eine ganz persönliche Sportmission.
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Jochen Schmitz/RUNNING: Glückwunsch zum gestrigen Finish beim Tokio Marathon, somit hast Du alle Rennen der World Marathon Majors erfolgreich bestritten. Als Belohnung gab es für Dich eine besondere Medaille.

Gerhard Kobler: Danke. Ja, das ist richtig, etwas ganz Besonderes. Diese super große Medaille der World Marathon
Majors, die wir direkt nach dem Rennen bekamen, das gibt es ja noch nicht so lange.

RUNNING: Es gab die Medaille direkt im Zielbereich?

Kobler: Aufgrund einer neuen Regelung konnten wir uns dafür hier bei der Marathon-Messe anmelden und haben dann sofort, im Ziel, die Medaille bekommen. Ein toller Moment.

RUNNING: Wenn Du „wir“ sagst, dann bist Du nicht der Einzige gewesen?

Kobler: Damit meine ich meinen Sportkollegen, mit dem ich alle sechs dieser Marathons gelaufen bin. Ansonsten sind wir ja mit einer großen Reisegruppe hier, von denen 25 diese Extra-Medaille bekommen haben. Und angeblich bekamen 400 von allen Tokio-Startern heute diese Auszeichnung.

RUNNING: Die Serie zu beenden, war somit der Anlass für Dich, den Tokio Marathon in Angriff zu nehmen?

Kobler: Wenn ich ehrlich bin schon. Das machen wir jetzt voll, habe ich mir gedacht. Es war halt ein guter Anlass, sonst wäre ich wahrscheinlich nicht gekommen. Außerdem möchte ich etwas von diesem Land, von dieser spannenden Kultur erleben. Wir haben uns in den vergangenen Tagen viel von der Stadt angesehen.

RUNNING: Zu dieser Marathon-Majors-Serie gehört der Lauf in Boston. Du bist in jenem Jahr vor Ort gewesen, als der Anschlag stattfand. Wie ist das für einen Mann Gottes – was hast Du damals empfunden?

Kobler: Für mich als Pfarrer war es nicht viel anders als für alle anderen. Der Schock darüber, dass eine Veranstaltung, die eigentlich der Inbegriff einer friedlichen Veranstaltung ist, herhalten muss für einen Terror-Anschlag, ist für alle gleich groß. Traurig zu erleben, zu was der Mensch auch fähig ist. Auf so was fehlt mir eine Antwort.

RUNNING: Gestern wurde hier ein neues, umfassendes Sicherheitssystem erprobt, um jegliche Gefahr im Keim zu ersticken. Wie stehst Du zu einer nahezu kompletten Überwachung?

Kobler: Ich habe das gestern nicht negativ erlebt. Ich denke, in diesem Fall erlebe ich es auch nicht als ein Überwachen. Ich finde die Kontrollen gut und habe mich dadurch auch sicher gefühlt. Außerdem waren die Kontrolleure alle supernett und sehr freundlich.

RUNNING: Eine Frage noch zu Boston, dann hören wir mit dem Thema auf. Wie oft gehen Dir diese traurigen Geschehnisse durch den Kopf? Insbesondere, wenn Du bei solchen Großevents bist?

Kobler: Es kommt schon manchmal noch hoch. Aber nicht nur wegen Boston, sondern auch wegen der ganzen Entwicklung der Terroranschläge in der nahen Vergangenheit. Das prägt schon mehr meine Stimmung, vielleicht sogar mehr als der eine Anschlag in Boston.

RUNNING: Zurück zum Rennen von gestern. Ich habe lediglich zwei Kirchen am Streckenrand gezählt. Fällt Dir so was auf? Hast Du dafür beim Laufen ein Auge?

Kobler: Also, ich habe einen Shinto-Schrein gesehen und fotografiert und auch den Skytree, aber eine Kirche ist mir nicht aufgefallen. Obwohl ich schon mal danach Ausschau halte.

RUNNING: Japan gilt mit seinen zwei Prozent Christen als das Land der Atheisten. Machst Du Dir zu so etwas Gedanken, wenn Du ein Land bereist, in dem Du an einem Wettkampf teilnimmst oder ist Dein Fokus dann nur auf den Sport gerichtet?

Kobler: Ja, da mache ich mir schon Gedanken darüber, das ist ein Thema. Ich will schon wissen, wie die Menschen leben, dort wo ich starte. Letztendlich ist bei einem großen Wettkampf aber immer der Sport der gemeinsame Nenner, bei aller Unterschiedlichkeit. Das ist toll, das ist dann das Wichtigste.

RUNNING: Welche großen Unterschiede oder Gemeinsamkeiten sind Dir hier zu den anderen Marathons, die Du schon absolviert hast, aufgefallen?

Kobler: Ich habe es so ein wenig empfunden wie den Marathon in Berlin. Ganz einfach deshalb, weil es so gut lief, weil die Strecke recht einfach ist. Und das wider Erwarten, da ich ja im Vorfeld verletzt und krank war. Somit war der Gesamteindruck einfach gut, wie in Berlin halt. Ich war happy. Die Stimmung empfand ich auch als gut, somit war es insgesamt eine tolle Veranstaltung.

RUNNING: Nun bist Du auch schon den Marathon des Sables gelaufen, ein Etappenrennen in der Wüste, bei dem die Teilnehmer überwiegend auf sich gestellt sind. Alleine, kaum Zuschauer. Wie empfindest Du den Kontrast zu so einem City-Marathon?

Kobler: Das sind zwei vollkommen verschiedene Welten. Beim Marathon des Sables ging es bei mir viel weniger um den sportlichen Aspekt, sondern vielmehr um das Wüstenerlebnis. Gerade das Alleinsein, diese Stille in dieser tollen Natur. Hier in Japan ist es ja immer laut. Hier wird man von allen Seiten beschallt, jeder schreit noch ein bisschen lauter – auch beim Marathon. Aber der Marathon in Tokio ist ja auch ein Lauffest, darauf stellt man sich dann ein und kann es genießen.

RUNNING: Anderes Thema. Wissen Deine Mitreisenden eigentlich, wie Du Dein Geld verdienst?

Kobler: Ich glaube nicht. Eher die wenigsten.

RUNNING: Dann sucht hier keiner Deinen geistlichen Rat? Gab es das schon mal bei anderen Laufreisen, bei denen Du dabei warst?

Kobler: Das gibt es schon, aber eher selten. Wer mitbekommt, dass ich Pfarrer bin, spricht mich auch mal darauf an. Meist entwickeln sich daraus dann interessante Gespräche.

RUNNING: Und holst Du Dir beim Laufen Hilfe von oben?

Kobler: Da bin ich doch eher bodenständig. Bei mir drückt es sich eher in der Dankbarkeit aus, dass ich froh bin, überhaupt gesund an einem Ort laufen zu können. Das empfinde ich als Geschenk von oben. Ich bin nicht so, dass ich denke: Jetzt spreche ich ein Gebet und die Sache hier ist geritzt.

RUNNING: Du reist jetzt mit diesem riesigen Klopfer von Medaille nach Hause. Hängt die dann demnächst neben dem Kreuz in Deinem Wohnzimmer?

Kobler: Nicht direkt neben dem Kreuz, sondern neben meinen anderen Medaillen. Sie bekommt einen besonderen Platz.

RUNNING: Hat sich eigentlich schon jemand aus Deiner Gemeinde nach Deinem Ergebnis hier erkundigt?

Kobler: Wir haben Läufer in der Gemeinde, sind sogar schon zusammen zum Marathon beim Chef, also nach Rom, gefahren. Wenn ich morgen wieder daheim bin, werden sie sicherlich fragen. Aber derzeit hat noch niemand fragen können, da mein Steinzeithandy hier kein Netz hat.

RUNNING: Abschließend: Kommt das Erlebnis Tokio Marathon demnächst in einer Deiner Predigten vor?

Kobler: Direkt in einer Predigt weniger. Aber es wird sich die Gelegenheit ergeben, zum Beispiel im Pfarrblatt, das hier Erlebte als Thema aufzugreifen.

Achim Wricke

Gerhard Kobler nahm für den Tokio Marathon einen Laufreise-Anbieter in Anspruch. Die Gruppe wurde von Achim Wricke betreut. Für Tokio-Interessierte hat der erfahrene Tourismusexperte Wricke folgende Tipps:

Worauf müssen deutsche Läufer beim Tokio Marathon achten?

  • frühzeitig anmelden, da die Startplätze sehr begehrt sind
  • rechtzeitig anreisen, um den Jetlag zu bewältigen
  • beim Hotel die Nähe zum Startort berücksichtigen
  • keine Experimente beim Essen vor dem Wettkampf
  • hohes Verkehrsaufkommen am Marathontag einplanen
  • die U-Bahn ist in der City das schnellste Verkehrsmittel
  • das Wetter in Tokio kann launisch sein

Was gibt es neben der Marathonstrecke zu entdecken?

  • Frühaufsteher besuchen den größten Fischmarkt der Welt in Tsukiji
  • Überblick per Bahnlinie Yamanote, 35 km auf erhöhtem Niveau durch Tokio
  • tagsüber Shopping-, abends Vergnügungsviertel: in Ginza tobt das Leben
  • Tokio Skytree, atemberaubende Aussicht auf 634 Metern Höhe
  • der Senso-ji-Tempel, zu finden im Asakusa-Viertel
  • die Shibuya-Kreuzung, im Meer Tausender Fußgänger
  • die Ruheoase der Millionenstadt: der Hybia-Park
  • Schlemmen in einem der Sushi- Restaurants, Fisch per Fingerzeig
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