Flucht in die Natur

Der Waldläufer von Schweden

Einfach wegrennen – vor der kranken Mutter, den anderen Jungs und von der geplatzten Profi-Sportler-Karriere. Im Alter von 20 Jahren zog es Markus Torgebyin die Abgeschiedenheit des Waldes. Und machte ihn zu einem neuen Menschen.
Text: Edith Zuschmann | Fotos: Thanner Elrim, Horst von Bohlen

Zehn Jahre – älter war Markus Torgeby nicht, als seine Mutterschwer erkrankte und er zu ihrem Pfleger wurde. Und gleichzeitig zum Verantwortlichen für den Haushalt. Durch den Sport fand er ein Ventil, um den seelischen Schmerz zu vergessen. „Ich ärgerte andere Jungs. Damit ich keine Prügel kassierte, rannte ich ihnen einfach davon“, erinnert sich Torgeby. Irgendwann endete der Schwede im lokalen Hockeyteam. Doch das mangelnde Interesse am Teamspirit ließ ihn im Alter von 16 Jahren zum läuferischen Einzelkämpfer werden.

LAUFEN, UM DEN KOPF AUSZUSCHALTEN UND DIE BEINE MACHEN ZU LASSEN

Das, was Markus in dieser Zeit brauchte, fand er im Leichtathletikverein: einen gnadenlosen Coach, der ihn an seine körperlichen Grenzen trieb. Das Talent schloss rasch zur nationalen Spitze auf, scheiterte aber in Rennen an seinem ungestümen Gemüt. Gleichzeitig stieg der Druck seitens seines Betreuers, der wegen der guten Trainingsergebnisse entsprechende Wettkampfresultate erwartete. Doch Markus lieferte nicht ab und erklärt das so: „Heute weiß ich, dass ich damals nur mit den Beinen rannte, nicht mit dem Kopf. Ich schaltete meinen Verstand aus, um ja nicht nachdenken zu müssen.“

900 KILOMETER – DIESEN ABSTAND BRAUCHTE ER ZU SEINEM ALTEN LEBEN

Er überforderte seinen Körper über das Erträgliche hinaus – angetrieben von der inneren Verzwei_ung, hinein ins Übertraining samt einer langwierigen Fußverletzung. Nach all den frustrierenden Erfahrungen und dem schmerzvollen Ende seiner Laufkarriere wollte der damals 20-Jährige raus aus seinem alten Leben, weg vom täglichen Anblick seiner leidenden und depressiven Mutter, weg vom ständigen Leistungsdruck, der den sensiblen Teenager regelrecht erdrückte. Als Knirps las Markus Klassiker „Walden oder Leben in den Wäldern“, in dem der Autor Henry €oreau sein Selbstexperiment als Einsiedler schildert. Das Ausstiegsszenario hatte er ständig im Hinterkopf und gab ihm schlussendlich nach. Er kaufte sich ein Zugticket und fuhr 900 (!) Kilometer gen Norden. Im Wald von Jämtland, in der Nähe der Stadt Åre, fand er ein Zuhause. Mitten im Wald baute er ein Tipi und begann sein neues Leben. Die Natur gab Markus seinen Rhythmus vor. Er fand nun die Zeit, über das Erlebte nachzudenken und sich selbst zu .nden. Die vermeintliche Droge Sport verwandelte sich vom Zerstörer zum Überlebensmittelpunkt. Es hielt den Skandinavier vor allem in den Wintermonaten warm, gesund und kraftvoll. Jeden Tag streifte er stundenlang laufend durchs Gehölz, sammelte Beeren und Pilze. „Das Laufen .el wieder so einfach, fern von Distanzen, Zeiten und Vergleichen“, schildert der mittlerweile 40-Jährige heute. An die Einsamkeit gewöhnte sich Markus rasch. Einzig die Dunkelheit machte ihm anfangs zu scha.en. „Erst als ich meine Angst vor dem Dunklen akzeptierte, genoss ich die ersehnte Ruhe in den Tiefen des Waldes.“

DIE LIEBE ZUM OPA UND ZU EINER FRAU FÜHRTEN ZURÜCK INS ZIVILE LEBEN

Zurück in die Zivilisation kehrte er einmal pro Monat, um im nächsten Dorf Lebensmittel, hauptsächlich Haferflocken, zu kaufen. Zudem verrichtete er dort Arbeiten, für die er ein wenig Taschengeld erhielt. „Ich entwickelte mich zu einem sehr bescheidenen Menschen. Die Jahre im Wald lehrten mich: Wenn du mehr von deinem Leben spüren willst, dann musst du etwas Materielles weggeben.“ Um seinen todkranken Großvater noch einmal zu sehen, verließ er den Forst und fuhr nach vier Jahren wieder zu seiner Familie. „Opas letzter Rat an mich lautete, mir eine Frau zu suchen, die sich um mich kümmert.“ Es sollte erneut eine entscheidende Wendung in seinem Leben sein. Markus traf Frida – und gab sein Einsiedlerleben auf. „Wäre sie nicht gekommen, hätte ich den Sprung zurück nicht mehr gescha.t.“ Knapp 15 Jahre später ist er Vater von drei Töchtern, lebt auf einer Insel vor Göteborg, führt nach wie vor ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben – und läuft. „Laufen ist der einzige fixe Bestandteil in meinem Leben, nur die Motive ändern sich über die Jahre. Gegenwärtig laufe ich für mich – ganz ohne Leistungsdruck.“ Das Erlebte teilt Markus in seinem Buch „The Runner: Four Years Living and Running in the Wilderness“, das demnächst in englischer Sprache erscheint. „Dieses Werk macht den Leser nicht zu einem besseren Läufer, hoffentlich aber zu einem weiseren. Es ist klar, dass die läuferische Entwicklung etwas Positives hat, aber vielleicht wäre es noch besser, einen Zugang zum Laufen zu .nden, der fern von Druck und Stress liegt“, erklärt Markus. Auch durch Vorträge macht er auf diese neue Seite des Laufens aufmerksam.

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