Braveheart Battle mit Spezialprothese

Auf einem Bein durch die Hölle

Den 06.06.2003 wird Michael Kilian nie vergessen. Es ist der Tag des großen Unglücks. Seines großen Unglücks. Als der damals 32-Jährige an jenem Morgen in seinen Traktor steigt, kann er nicht ahnen, dass die folgende Fahrt sein Leben verändern wird.
Text: Ibrahim Naber | Fotos: Gerhard Reichert

Michael ist wie unzählige Male zuvor in seinem Heimatort Güntersleben unterwegs, um Materialien für den familiären Landwirtschaftsbetrieb abzuholen. Nach einer kurzen Fahrt parkt er seinen Bulldog am Straßenrand und beginnt, Maurerdielen auf seinen Anhänger zu laden. Eine Alltagssituation. Unspektakulär und ungefährlich. Eigentlich.

Dann passiert das Unbegreifbare: Ein Auto knallt von hinten frontal in den Anhänger. Michael, der sich zwischen seinem Anhänger und dem Auto befindet, hat keine Chance mehr,  zu reagieren. Er wird durch die Wucht des Aufpralls in die Frontscheibe des Unfallverursachers geschleudert. Eine scharfe Eisenkante des Anhängers trennt dabei seinen rechten Unterschenkel ab. „Ich lag so auf der Motorhaube des Autos, dass ich meine Beine gar nicht sehen konnte. Ich schrie nur: ‚Hilfe! Mein Bein ist gebrochen. Das tut höllisch weh! Hilfe!’“, erinnert sich Michael. Der über 60-jährige Unfallverursacher ist zum Zeitpunkt des Unglücks selbst Prothesenträger. Er wohnt ebenfalls in Güntersleben und kennt Michael und dessen Familie persönlich. Beim Unfall leistet der Senior erste Hilfe, er wählt dann die 112. Der Verletzte wird ins Krankenhaus eingeliefert. Im Glauben, dass sein Bein lediglich gebrochen ist. Im Unwissen, dass sein Leben in großer Gefahr ist.

Münnerstadt, Unterfranken, 3.928 Tage später. Michael Kilian steht im Startpulk der rund 2.800 Teilnehmer der Braveheart Battle 2014. Das Event ist auch in diesem Jahr eine kuriose Ansammlung von Männer und Frauen zwischen 17 und 66 Jahren. Einige Läufer sind verkleidet, tragen Schottenröcke oder schlichtweg knappe Superman-Unterhosen. Michael wirkt in seinem neongelben Outfit tiefenentspannt. Kurz zuvor hat er mit seinen Begleitern Birgit und Alfred noch ein Glas Wein getrunken. Jetzt macht er Späße mit anderen Sportlern, lacht und strahlt wie die Sonne am Himmel. Knapp 15 Grad sind es an diesem Morgen. So warm war es in den letzten Jahren nie. Es ist Michaels dritte Teilnahme. Er weiß mittlerweile, auf was er sich da einlässt. Er weiß, dass er sich auf seine 8.500 Euro teure Spezialprothese aus Aluminium und Karbon verlassen kann, die sein rechtes Bein ersetzt. Plötzlich ein kollektives Niederknien. Andächtige Stille. Organisator Joachim von Hippel, ein ehemaliger Soldat, ruft mit dem Braveheart-Gebet die Grundtugenden der Veranstaltung in Erinnerung ‒ Tapferkeit und Mut. Die Sportler strecken ihre Fäuste gen Himmel und johlen. Dann ist es so weit. 28 Kilometer, 50 Hindernisse und mehr als 1.000 Höhenmeter: Die Läuferhölle öffnet ihre Tore.

Das Rennen beginnt vergleichsweise harmlos. Auf den ersten Kilometern sind kleine Barrikaden und ein Waldanstieg zu erklimmen, die ersten flachen Gewässer sind zu durchwaten. Michael und seine Begleiter walken die gesamte Strecke in zügigen Schritten. Denn Laufen ist für den Prothesenträger nur noch sehr eingeschränkt möglich. Bei Kilometer vier wartet das erste Highlight. Vorsichtig wagt sich das Trio in die vollkommene Dunkelheit unterhalb einer Brücke. Künstliche Nebelschwaden machen die Sicht unmöglich. Langsam tasten sich die drei weiter. Durchqueren gemeinsam den Bach, der auf einmal in der Dunkelheit auftaucht. Bis schließlich wieder Sonnenstrahlen am Ende des Tunnels erkennbar werden.

Als Michael nach seinem Umfall ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist ihm vollkommen schwarz vor Augen. Er hat das Bewusstsein bereits an der Unfallstelle verloren und wird auf der Intensivstation behandelt. Von nun an befindet er sich im künstlichen Koma. Sein Leben steht auf dem Spiel. Es werden vor allem für seine Familie zwei quälende Wochen der Ungewissheit und Sorge. Doch Michael kämpft. Dank seiner ehemaligen Arbeit beim Bundesgrenzschutz ist er gut trainiert – das hilft. Schließlich erwacht der junge Mann aus dem Koma. Dann der große Schock: „Als ich aufgewacht bin, habe ich sofort gemerkt, dass ich mein Bein verloren habe. Das war einfach nur schlimm“, sagt Michael. Es wird ein harter Weg zurück ins Alltagsleben für ihn. Kur. Rehabilitation. Es steht zunächst offen, ob er überhaupt jemals wieder laufen kann. Michael: „In der Anfangszeit nach dem Unfall bin ich schon richtig auf den Hintern gefallen. Ich wusste: Das Rad dreht sich weiter, mit mir oder ohne mich. Ich habe gelernt, dass man einfach nur Gas geben muss. Dann kann man wieder fit werden.“ Er schafft es. Zwei Jahre braucht der Franke, um wieder Muskeln aufzubauen und „richtig auf den Dampfer zu kommen“.

Kilometer fünf des Braveheart Battles. Über eine sechs Meter hohe Strohwand kraxeln Michael und sein Team in die Altstadt von Münnerstadt. Die einzige längere Teerpassage überhaupt. Es ist quasi ein Heimspiel für die drei. Alle 50 Meter ein neuer Michaeeeeel-Ruf der Zuschauer. Sie kennen ihn fast alle. Von den Teilnahmen im letzten Jahr. Von den vielen Weinproben, die der Hobby-Winzer in der Region regelmäßig organisiert. Und durch seine Frau, die aus Münnerstadt kommt und bei der Battle die Startnummern verteilt. Seine Töchter, Elen und Klara, feuern ihren Vater an und reichen ihm immer wieder Getränke und Energieriegel. Michael ist, wenn man so will, einer der heimlichen Stars des Laufes. Auch unter den Läufern. „Respekt!“ ist das Wort, das ihm seine Mitstreiter an diesem Tag zigfach anerkennend zurufen. Michael genießt die Anerkennung sichtlich. Die Frohnatur hört nicht mehr auf, zu strahlen. Nach der Passage durch die Stadt ist die Aufwärmphase endgültig vorbei. Zunächst warten mehrere metertiefe Matschgruben. Die Schlammlöcher sind so klitschig und nass, dass sie ohne Hilfe anderer Sportler nicht zu bewältigen sind. Ein Umstand, der den Geist des Events ausmacht. Ein jeder hilft hier dem anderen.

Michael baut eine Räuberleiter mit seinen Händen und wuchtet drei Läufer nacheinander aus den Gruben heraus. Dann wird er an seiner Prothese gepackt und den Matschhang hochgeschoben. Geschafft. Im Anschluss geht es bergauf. Und wie. Serpentinenartig für jeweils 400 Meter die Wälder hoch und runter. Es ist das Alpe d’Huez der Braveheart-Battles. Michael stapft hinter Hunderten anderen schnaufend die Wälder hoch. Das haben sie zu dritt in den Wochen zuvor trainiert. Zuhause in Güntersleben, die eigenen Weinberge hinauf. „Auf gehts Alfred, auf gehts. Die Uhr tickt“, animiert Michael seinen Begleiter. Unter sechs Stunden wollen sie am Ende bleiben, das ist das Ziel. Wenig später erreicht das Trio „Loch Ness“, den legendären Schlammsee, das Hindernis aller Hindernisse. 40 Meter durch das eiskalte Wasser der Lauer. Von allen Seiten ertönen Stöhnen, Prusten und Schreie des Leidens. Mit bibbernden Zähnen erreicht Michael das andere Ufer.

Der Akku ist bei den meisten Teilnehmern bereits im roten Bereich, als das finale große Kriechhindernis bevorsteht. Gut 50 Meter müssen robbend unter einem geladenen Elektrozaun zurückgelegt werden. Keiner hat es dabei so schwer wie Michael. Der Prothesenträger kann nicht auf dem Bauch robben, muss sich seitwärts mit purer Muskelkraft den Rand hinaufziehen. Bergauf. Über Feldwege und Wiesen wanken die drei dem Finish entgegen. Der letzte Berg ‒ „Killing Hill“ mit 45 Grad Steigung ‒ verlangt ihnen noch einmal alles ab. Dann winkt endlich das Ziel. Auf der abschließenden Runde durchs Stadion wird Michael frenetisch empfangen. Der Blick auf die Stoppuhr verrät: 5 Stunden, 49 Minuten. Michael Kilian hat ihn wieder einmal geschafft: den Ritt durch die Hölle Münnerstadts. Das Unglück vom 06.06.2003 wieder ein Stück weiter hinter sich zu lassen.

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