„Eine Verletzung wäre schlimmer!“

Interview mit Alina Reh über die verschobenen Olympischen Spiele

Die Olympischen Spiele in Tokyo 2020 waren Alina Rehs großes Ziel - nun verschiebt es sich um ein Jahr. RUNNING sprach mit der Nachwuchshoffnung und fünffachen Deutschen Meisterin über die Verschiebung und ihre Reaktion darauf.
Text: Maike Hohlbaum | Fotos: Alina Reh

Alina, nach einer langen Zeit des Wartens wurden die Olympischen Spiele vor wenigen Tagen schließlich auf das Jahr 2021 verschoben. Wie hast du dich gefühlt, als du das erfahren hast?

Das Thema war in den letzten Tagen vor der Verschiebung natürlich noch präsenter als in den Wochen zuvor. Ich finde, die Nachricht hatte sich aber schon ein bisschen angebahnt. Es wäre nicht tragbar gewesen, wenn der Veranstalter gesagt hätte, die Olympischen Spiele finden im Juli und August 2020 statt wie vorgesehen. Ich glaube, dass es die beste Lösung ist, sie zu verschieben – und ich bin froh, dass sie nur verschoben und nicht ganz abgesagt wurden. Ein Trostpflaster!

Das Verschieben ist also deine präferierte Möglichkeit?

Auf jeden Fall, die letzten Tage vor der Absage hat sich die Situation ja so zugespitzt. Da finde ich, sind im Moment auch andere Dinge wichtiger als eine solche Mega-Veranstaltung.

Wie trainierst du aktuell? Hat sich etwas geändert?

Bei mir hat sich gar nichts geändert! Ich mache sowieso die meisten Trainings draußen auf der Straße, also außerhalb von Stadion und Halle. Bei uns wäre das Stadion auch noch offen, die Bahn betretbar. Weiter zu trainieren fällt mir also leicht, ich habe keine Einschränkungen.

Die Trainingslager, die du und dein neuer Trainer für dieses Jahr geplant hatten, müssen wahrscheinlich ausfallen. Wie geht ihr damit um?

Was die Trainingslager angeht, sind wir noch in der Planung. Aktuell ist das natürlich schwer, sicher planen kann man im Moment nicht. Ich war letzte Woche (Mitte März, Anmerkung der Redaktion) noch im Trainingslager in Südafrika, und wir haben das eine Woche vor Ende abgebrochen. Wir hatten Bedenken, dass wir wegen der Corona-Krise nicht mehr zurück nach Deutschland kommen. Das nächste Trainingslager wäre Mitte April auch in Südafrika geplant gewesen, das haben wir natürlich gecancelt. Jetzt müssen wir abwarten, wie sich die Situation entwickelt und wie wir weitermachen können.

Foto: privat

Vor derselben Situation stehen ja nun viele Läufer. Glaubst du, dass sich durch die Verschiebung der Olympischen Spiele die Karten noch einmal neu mischen werden?

Ja, es kann durchaus sein, dass es 2021 mehr Olympiateilnehmer geben wird. Wir hatten ja doch im Laufbereich einige Verletzungsfälle. Wenn sich die nun erholen, kann es sein, dass wir mehr Teilnehmer haben.

Kommt es dir die Verschiebung entgegen, oder wärest du in Hochform gewesen?

Ja klar: Alles war auf 2020 ausgerichtet, auch der Trainingsplan. Ich habe mich einfach extrem auf die Olympischen Spiele gefreut. Ich träume schon lang davon und wollte dieses Jahr unbedingt dabei sein. Ich habe aber im Oktober auch den Trainer gewechselt. Unter diesem Aspekt kommt mir das Jahr nun auch etwas entgegen, denn ich habe mehr Zeit, mich an die neuen Trainingsreize zu gewöhnen. Wir können jetzt noch ein paar Sachen ausprobieren, ohne ein zu großes Risiko einzugehen. Ich versuche es einfach positiv zu sehen!

Sprichst du auch mit den anderen Athleten, und wie sie die Verschiebung sehen?

So viel Kontakt hatte ich nach dem Trainingslager nicht mehr, aber während des Trainingslagers war das Thema natürlich sehr präsent. Wir haben lange gehofft, dass die Situation nicht so schwerwiegend ist, wie sie in den Medien dargestellt wurde. Die anderen sind wie ich traurig, dass Olympia dieses Jahr nicht stattfindet – aber jeder findet, dass es genau die richtige Entscheidung ist.

Dein großer Traum, dein großes Ziel für dieses Jahr ist nun weggefallen. Was macht das persönlich mit dir, wie findest du die Motivation, weiter zu trainieren?

Die Motivation war letzte Woche einen Tag etwas geschmälert – als wirklich absehbar war, dass es dieses Jahr mit den Olympischen Spielen nichts mehr wird. Ich habe mich dann aber ganz gut und ganz schnell aufgerappelt und mir gesagt: Okay, es wurde mir ein Jahr mehr Zeit geschenkt, in der ich mich verbessern kann. Das Jahr möchte ich nutzen, kein Tag soll verstreichen, an dem ich nicht alles gebe. Denn ich habe das Privileg, dass ich eine Disziplin betreibe, die man nun richtig gut weiter betreiben kann.

Wie geht es weiter?

Alles ist im Moment ein bisschen kompliziert, aber das hat ja wirklich jeder. Eine Verletzung wäre schlimmer! Es ist deutlich schlimmer, verletzt zu sein und die Olympischen Spiele finden ohne einen statt. Es trifft ja jeden, da braucht man nicht in Selbstmitleid oder Trauer versinken. Ich bin gesund, nicht betroffen von dem Virus – anderen geht es deutlich schlechter!

Olympia-Athletin Alina Reh in ihrem vorerst letzten Trainingslager in Südafrika.
Foto: privat
Redaktion
Maike Hohlbaum
Maike Hohlbaum ist Redakteurin, Trainerin und immer auf der Suche nach den neusten Trends im Laufsport. Auf Veranstaltungen vom Team-Staffellauf bis zum Marathon sucht sie im In- und Ausland nach spannenden Menschen und ihren Geschichten.
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