Davonlaufen hilft

Neue Therapien gegen Depression

Forschungen zeigen, dass Laufen ein fester Platz in der Therapie gegen seelische Probleme zusteht. Damit kann der Sport vier bis fünf Millionen Betroffenen in Deutschland helfen und zugleich vor schweren gesundheitlichen Folgen schützen.
Text: Anne Kirchberg | Fotos: Redaktion

Die Voraussetzungen, erfolgreich gegen Depressionen anlaufen zu können, sind gut: Das unterwegs produzierte Glückshormon Serotonin hebt die Stimmung, die Bewegung lenkt von belastenden Empndungen oder Wahrnehmungen ab und hilft Ärger sowie Aggressionen abzubauen. Zudem verleiht der Sport ein besseres Körpergefühl, steigert das Ego, verhilft zu Erfolgserlebnissen – die Liste der Vorteile ist endlos lang.

MIT DEM THERAPEUTEN EIN PAAR RUNDEN DREHEN

In dem Modellprojekt „Laufen gegen Depression – der Depression Beine machen“ bewiesen die Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland- Pfalz e.V. (LZG) gemeinsam mit der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz und diversen anderen Projektpartnern, wie hilfreich deshalb ambulante Laufgruppen für Menschen mit Depressionen sein können: Vom September 2015 an liefen ein Jahr lang rund 100 Menschen an den Standorten Koblenz, Landau und Mainz einmal wöchentlich in Begleitung von erfahrenen Übungsleitern sowie Psychotherapeuten für je eine Stunde. „Knapp 40 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die bis zum Projektende mitmachten, waren vorher gar nicht oder wenig körperlich aktiv und blieben trotzdem motiviert dabei“, erzählt Susanne Herbel-Hilgert, stellvertretende Geschäftsführerin der LZG.

IM AMBULANTEN BEREICH FEHLEN ANGEBOTE

Die Wirkung der gemeinsamen Aktivität war äußerst positiv: Die Teilnehmer fühlten sich besser, empfanden eine gestärkte Widerstandskraft, erhöhte Lebensfreude und mehr Selbstvertrauen. Einige waren von der neuen Beschäftigung sogar so begeistert, dass sie sich in den Ferien ohne Übungsleiter gemeinsam zum Sport trafen. Zudem wurden ebenfalls positive Veränderungen der körperlichen und psychischen Bendlichkeit, der Depression und der Selbstwirksamkeitserwartungen verzeichnet. Doch bisher existieren in Deutschland aus organisatorischen und finanziellen Gründen noch keine flächendeckenden Angebote. „Im stationären Bereich gehören Laufgruppen zum therapeutischen Angebot und werden daher von den Kliniken organisiert und finanziert. Im ambulanten Bereich gibt es keine Zuständigkeit“, erklärt Susanne Herbel-Hilgert. Immerhin werden die Laufgruppen in Landau, Mainz und Koblenz fortgesetzt.

EIGENINITIATIVE LÖST EINE EVENT-REIHE AUS

Selbst die Initiative ergriffen hat Sebastian Burger aus Bremen: 2016 und 2017 fand der von ihm initiierte „MUT-Lauf “ in Berlin statt, der seit letztem Jahr auch in Kiel durchgeführt wird. Als Ziel hat dieser Event die Entstigmatisierung von Depression und seelischer Erkrankung. „Wir wollen eine breite Öffentlichkeit für dieses sensible §ema erreichen und zeigen, dass gemeinsame Bewegung der Seele gut tut“, erklärt Burger. Mit seinen Lauf-Veranstaltungen möchte er Menschen mit und ohne Handicap zusammenbringen und lokalen Vereinen sowie Institutionen die Gelegenheit bieten, durch den Sport eine Verbindung von Erkrankten und Gesunden zu schaffen sowie über Beratungs- und Hilfsangebote zu informieren. Mittlerweile hat sich der Event in der Hauptstadt zu einem zweitägigen Festival mit über 50 Organisationen ausgeweitet, das den Namen „Der Lauf & der Markt für seelische Gesundheit“ trägt.

DEPRESSIVE LEBEN OFT EIN SCHLECHTES LEBEN

Auch Prof. Dr. Kai G. Kahl und Prof. Dr. Uwe Tegtbur von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) forschen an den positiven Auswirkungen, die Sport bei der Behandlung von Depressionen haben kann. Ausgangspunkt für ihre Untersuchungen war die Frage, weshalb Menschen mit Depressionen oft an Herzerkrankungen und Diabetes leiden. „Dieses Problem ist weit größer als allgemein bekannt, denn Herz-Kreislauferkrankungen gehören zu den häugsten Krankheitsrisiken und Todesursachen bei Depression – und zwar acht bis 15 Jahre früher als in der nicht-depressiven Normalbevölkerung“, erklärt Kahl. Das liegt vor allem am Lebensstil der Patienten, die sich zu wenig bewegen, sich ungesund ernähren, rauchen, Alkohol konsumieren und vieles mehr. „All das führt zu einer früh einsetzenden Veränderung der Körperzusammensetzung Inklusive Verfettung innerer Organe, Knochenschwund und einer Verringerung der Muskelmasse, die schon ab dem 40. Lebensjahr nachweisbar ist“, so der Psychiater. Bei der Überlegung, welche Maßnahmen dem entgegenwirken könnten, kamen die Wissenschaftler auf den Sport. Kahl, der an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie arbeitet und Tegtbur vom Institut für Sportmedizin, brachten ihre Kompetenzen zusammen und entwickelten eine strukturierte Sporttherapie, deren Wirksamkeit jetzt in einer Studie überprüft wurde.

NACH SECHS WOCHEN GAB’S GUTE ERGEBNISSE

42 Patienten stellten sich für die Untersuchung bereit und die Wissenschaftler fanden beim Eingangscheck unter anderem heraus, dass die Probanden durchschnittlich eineinhalb Mal mehr Herzfett besaßen als gesunde Menschen. Die sonstigen Werte waren bei vielen ebenfalls nicht gut – doch die Resultate nach nur sechs Wochen verblü.ten: „Herzverfettung und Faktoren für Herz-Kreislauferkrankungen wie Bauchfett, Cholesterinwerte oder die Sauersto.sättigung des Blutes veränderten sich bei Patienten mit Depression durch die gezielte und begleitete Sporttherapie deutlich positiv“, sagt Tegtbur. Das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen lässt sich also gezielt senken. Daneben waren Patienten, die zusätzlich eine Psychotherapie sowie eine medikamentöse Behandlung erhielten, bei Abschluss der .erapie weniger depressiv. „Überrascht hat uns vor allem, dass die Empfehlungen auch von sehr kranken Patienten richtig gut angenommen wurden. Es ist ja ein weithin verbreiteter Glaube, dass man Menschen mit Depression nicht zur Bewegung motivieren könne. Wir hingegen gehen davon aus, dass Sporttherapie dann gerne angenommen wird, wenn das Programm individuell dosiert, begleitet, in ausreichender Intensität und in Gruppen durchgeführt wird,“ so der Experte.

DER MIX MACHT’S – AUCH KRAFTTRAINING HILFT

Allerdings empfehlen die Forscher aus Hannover eine Kombination aus Kraftund Ausdauertraining, die idealerweise mit Übungen zur Schnellkraft, Mobilität und Flexibilität kombiniert wird. Die Frage weshalb die Sporttherapie und das Laufen bei all diesen nachgewiesenen Vorteilen nicht häu.ger angeboten wird, liegt laut Kahl auch daran, dass die Zusammenhänge zwischen den schweren psychischen Erkrankungen und den vorzeitig einsetzenden Herz-Kreislauferkrankungen noch nicht überall bekannt sind. Zudem gilt die Sporttherapie bisher nicht als unverzichtbarer Behandlungsbaustein. „Ein Fortschritt ist immerhin, dass in der neuesten ,Nationalen Versorgungsleitlinie Depression‘ Sport für depressive Menschen empfohlen wird“, meint Kahl. „Darüber hinaus sollten Strukturen gescha.en werden, um Patienten mit Depression und anderen schweren psychischen Erkrankungen zur Sporttherapie hinzuführen.“ Aktive Läufer pro.tieren nach Einschätzung der Wissenschaftler de.nitiv von allen körperlichen Vorteilen und vielleicht haben sie durch ihn sogar ein geringeres Risiko an psychischen Erkrankungen wie Depressionen zu erkranken. Doch bislang wurde nicht untersucht, ob Läufer generell seltener von Depressionen betro.en sind. Wir tippen auf ja.

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