100 Meilen gegen das Vergessen

Der Mauerweglauf in Berlin

Manchmal muss man gegen das Vergessen anrennen. Grenzen laufend überwinden. Erinnerungen wach halten. Beim 8. Mauerweglauf passierte genau das: Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen und Möglichkeiten, aber auch mit der deutschen Geschichte.
Text: Tabitha Bühne | Fotos: Bettina Mecking und Mauerweglauf.de

Am 17. und 18. August fand wieder der Berliner Mauerweglauf in Erinnerung an die Teilung Berlins und an die Mauertoten statt. Bis zur Wende wurde der Weg entlang der Berliner Mauer für Kontrollfahrten der DDR-Grenztruppen verwendet. Bis zum Mauerfall im Jahr 1989 verloren hier fast 140 Menschen bei Fluchtversuchen ihr Leben.

„Da fallen auch die Grenzen zwischen den Menschen!“

Beim Mauerweglauf sind in diesem Jahr alle Kontinente vertreten, Läufer aus 32 Nationen gehen an den Start, um 100 Meilen laufen und zwischendurch innezuhalten.

Es ist früh am Morgen in Berlin. Um 6 Uhr versammeln sich 423 Einzelkämpfer im Stadion am Prenzlauer Berg, um ein geschichtsträchtiges und sportliches Abenteuer zu erleben: 100 Meilen in Berlin. Diese Meilen sind nicht nur eine körperliche und mentale Herausforderung. Sie konfrontieren die Teilnehme mit der Geschichte der Berliner Mauer. 100 Meilen voller Emotionen. Eine Heldenreise. Das wollen insgesamt 1.124 Läufer und 182 Radbegleiter erleben.

Grenzenlos laufen

Nicht nur Einzelläufer stellen sich den 100 Meilen. Mit 123 Staffeln gibt es jede Menge Teams am Start und damit einen neuen Teilnehmerrekord. Erst ist es angenehm frisch. Doch das ändert sich im Verlauf des Tages. Die Temperaturen steigen und die Luftfeuchtigkeit nimmt zu. Die Läufer kämpfen. In der Nacht kühlt es ab und am Morgen folgt etwas Regen. Alle sind durchnässt. Viele erleben eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Auch Bettina Mecking, eine leidenschaftliche Ultra-Läuferin, genießt den Mauerweglauf gerade wegen der damit verbundenen Emotionen: „Ich liebe die eigene mentale Challenge und zugleich die Verbundenheit mit allen, die an diesem Wochenende auf dem Pfad unterwegs sind. Da sind alle Affektiertheiten plötzlich wie weggewischt. Die lange Zeit auf dem Weg verlangsamt alles – man läuft und spaziert mit Menschen, die man sonst nie kennengelernt hätte und ist offen zueinander in der Erschöpfung und dem gemeinsamen Willen, die Herausforderung zu schaffen und das Ziel zu erreichen. Miteinander und nicht gegeneinander – das empfinde ich hier in Berlin auf dem Mauerweg auf ganz besondere Weise. Stell dir vor: Da sagen Dir zwei gestandene italienische Mannsbilder: „Let’s Finish together!“ – einfach so. Wenn wir uns das in den Alltag mitnehmen- fallen da auch die  Grenzen zwischen Menschen!“

Laufen und Ehren

Nicht nur das Laufen, auch das Innehalten und Gedenken an Maueropfer gehört zum Event dazu. Besonders ergreifend ist für Bettina der Stopp an der Gedenkstätte für Dieter Wohlfahrt bei Kilometer 55. Eine Gedenktafel erinnert an den mutigen Mann, der als Student in Westberlin anderen Menschen bei ihren Fluchtversuchen half. Er wurde von Grenzsoldaten erschossen.

Läufer halten kurz an. Einige schreiben ihre Gedanken auf kleine Karten. „Da wird dir mitten in einem Rennen nochmal klar, welch Glück Du doch hast, Dich überall frei bewegen zu dürfen und diesen Wunsch nicht mit dem Leben bezahlen zu müssen!“, sagt Bettina.

Bei diesem Lauf kriegt man auf geschichtsträchtigen Pfaden alles zu sehen: „Die schönen und weniger schönen Facetten von Berlin – Parks, Seen und Mauerreste – und nachts dann das Brandenburger Tor, den Reichstag … eine Fülle von Eindrücken“, schwärmt die Ultra-Läuferin. Ein Lauf voller unterschiedlicher Gefühle und Erinnerungen.

Siegestaumel, Frauenpower und Rekorde

Der 61-jährige Niederländer und Sieger des Berliner Mauerweglaufs 2017 Jan-Albert Lantink führt lange, muss aber bei Kilometer 108 aufgeben. So bekommt der Lokalmatador Sascha Dehling die Chance, das Rennen für sich zu entscheiden. Er hat damit gar nicht gerechnet – eigentlich wollte er hier nur ein langes Vorbereitungsrennen für den Spartathlon (246 Kilometer) in Griechenland bestreiten. Nach grandiosen 14:37:44 Stunden kommt er als überglücklicher Sieger ins Ziel.

Bei den Frauen sorgt die 27-jährige Eleonora Rachele Corradini aus Italien für große Begeisterung: sie ist schneller als fast alle Männer und kommt als Gesamtdritte ins Ziel. Sie gewinnt die Frauenwertung mit über drei Stunden Vorsprung. Ein neuer Streckenrekord.

Rückblick und Ausblick

Mehr als 400 Freiwillige am Wochenende mitgeholfen, dass der 8.Mauerweglauf ein solch erfolgreiches und schönes Erlebnis für alle Beteiligte geworden ist. Der familiäre Charakter der Veranstaltung begeistert auch dieses Jahr und bei der Siegerehrung wird jeder Teilnehmer auf die Bühne geholt und geehrt.

Am 15. und 16 August 2020 findet der nächste Mauerweglauf statt. Und es werden sicher auch dann Läufer aus der ganzen Welt anreisen, um 100 Meilen allein oder gemeinsam zu erleben. Die Laufrichtung wechselt jährlich.

Redaktion
Tabitha Bühne
Tabitha Bühne ist Autorin, Ernährungsberaterin und Systemischer Coach, liebt sportliche Herausforderungen wie Ultra-Läufe oder Etappenrennen und probiert gerne neue Trainingsmethoden aus.
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