Laufen befreit

Wie ein straffälliger junger Mann in ein neues Leben rennt

Wenn er läuft, fühlt er sich frei. Das war nicht immer so. Früher ist Mario höchstens gerannt, wenn er spät dran war. Laufen gehörte nicht zu seinem Leben, das früh auf eine schiefe Bahn geriet.
Text: Tabitha Bühne | Fotos: Tabitha Bühne

Schon in der zweiten Klasse wird Mario auffällig, schwänzt immer wieder die Schule. Sein Elternhaus ist zerrüttet, die Mutter kümmert sich nicht um ihn, hat mit sich selbst bereits genug Probleme. Mit acht Jahren zieht Mario zu seinem Vater, einem Polizisten. Auch der hat kaum Zeit, arbeitet viel und ist selten zu Hause. Mario landet im Internat. Mit 14 Jahren wird er alkoholabhängig, bald greift er regelmäßig zu Cannabis, was ihm irgendwann auch nicht mehr reicht. Mario beginnt, Crystal Meth zu nehmen. Diese euphorisierende Rauschdroge unterdrückt Hungergefühle, Müdigkeit und Schmerzen. Aber vor allem verleiht sie kurzfristig ein Gefühl der Stärke, gibt Selbstvertrauen und dem Leben vermeintlich Geschwindigkeit. Mario bricht kurz vor der Abschlussprüfung seine Ausbildung ab. Die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin geht in die Brüche. Er landet auf der Straße. Dort lebt er drei Jahre. Fängt an zu stehlen. Dann, kurz vor seinem 21. Lebensjahr, kommt es zu der Tat, die ihn hinter Gitter bringt: ein bewaffneter Raubüberfall.

Straftat und Wende

Mario weiß noch, wie er seinem Opfer ein Messer an die Kehle hielt und Geld forderte. Er kann sich genau daran erinnern, wie er geschnappt, festgenommen, verhört und ins Krankenhaus gebracht wurde. In seinem Blut wurde ein Promillewert von 3,5 festgestellt. Mario wird nach Jugendstrafrecht zu einer Freiheitsstrafe von 1,5 Jahren verurteilt. Er landet in der JSA-Regis-Breitlingen. Dort geht es brutal zu. Ihm wird gedroht. Gewalt und Drogen sind an der Tagesordnung. Doch Mario will nicht in diesem Sumpf gefangen bleiben. Um sich wehren zu können, beginnt er im Knast mit Kraftsport und will eine Ausbildung beginnen.

Neustart Seehaus

Dann hört er vom „Seehaus“ in Leipzig. Hier gibt es einen alternativen Strafvollzug. Junge Häftlinge leben zusammen mit ganz normalen Familien in einer Art WG. Mario führt zwei Gespräche und wechselt dann in den „Vollzug in freien Formen“. Dass es dort nicht einfach werden wird, ist ihm klar: Er hat die Seehaus-Ordnung gelesen, weiß um den straffen Tagesablauf und die knallharten Regeln. Dennoch ist der junge Mann fest entschlossen. Das hier ist vielleicht die große Chance, seinem Leben eine Wende zu geben und neu anzufangen.

Leben in einer Familie

Mario ist ein willensstarker Kerl, wirkt sympathisch und intelligent, ist handwerklich begabt und kann sich gut ausdrücken. Aber das war nicht immer so, sagt er selbst. Auf seine Worte zu achten, hat er hier im Seehaus gelernt, genau wie viele andere Dinge. Er wohnt zusammen mit Familie Viehweger. Sie haben zwei Jungen, neun und zehn Jahre alt. Für Mario, der selbst keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern hat und auch die meisten seiner Halbgeschwister nicht kennt, ist das eine ganz neue Situation. Überhaupt ist das Familienleben für ihn neu. Zusammen kochen und gemeinsam essen, das kannte er bisher nicht. Tischregeln und Pflichten müssen eingehalten werden. Kloputzen und Wäschewaschen gehören dazu. Konstruktives Feedback übt man jeden Abend in der „Hilfreiche-Hinweise-Runde“. In der Berufsschule, die sich auch auf dem Gelände befindet, können die jungen Männer ihren Hauptschulabschluss nachholen. Außerdem eignen sie sich im hiesigen Betrieb handwerkliche Fähigkeiten für eine Ausbildung in den Bereichen Holz oder Bau an. Mario will nach der Verbüßung seiner Haftstrafe eine Ausbildung zum Tischler machen. Sein erstes „Meisterstück“ hat er gerade fertiggestellt: eine wunderschöne Bank, die auf dem Seehausgelände steht und seinen Namen trägt.

Mario und die Seehaus-Jungs
Mario und seine selbstgebaute Bank. Nach der Haftentlassung will er Tischler werden.

Regeln und Verantwortung

Mario ist ein willensstarker Kerl, wirkt sympathisch und intelligent, ist handwerklich begabt und kann sich gut ausdrücken. Aber das war nicht immer so, sagt er selbst. Auf seine Worte zu achten, hat er hier im Seehaus gelernt, genau wie viele andere Dinge. Er wohnt zusammen mit Familie Viehweger. Sie haben zwei Jungen, neun und zehn Jahre alt. Für Mario, der selbst keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern hat und auch die meisten seiner Halbgeschwister nicht kennt, ist das eine ganz neue Situation. Überhaupt ist das Familienleben für ihn neu. Zusammen kochen und gemeinsam essen, das kannte er bisher nicht. Tischregeln und Pflichten müssen eingehalten werden. Kloputzen und Wäschewaschen gehören dazu. Konstruktives Feedback übt man jeden Abend in der „Hilfreiche-Hinweise-Runde“. In der Berufsschule, die sich auch auf dem Gelände befindet, können die jungen Männer ihren Hauptschulabschluss nachholen. Außerdem eignen sie sich im hiesigen Betrieb handwerkliche Fähigkeiten für eine Ausbildung in den Bereichen Holz oder Bau an. Mario will nach der Verbüßung seiner Haftstrafe eine Ausbildung zum Tischler machen. Sein erstes „Meisterstück“ hat er gerade fertiggestellt: eine wunderschöne Bank, die auf dem Seehausgelände steht und seinen Namen trägt.

Projekt Halbmarathon

Anna ist 35 Jahre alt, Mutter von zwei Töchtern und arbeitet als Krankenschwester in der Dialyse. Sie hat das Seehaus durch eine Lesung und das Adventscafé kennengelernt. „Anfänglich war mir der Gedanke sehr befremdlich, junge straffällig gewordene Männer in den Kreis der Familie aufzunehmen. Mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, dass nur das zur Resozialisierung beitragen kann.“ Marios Art und sein Ehrgeiz, einen Halbmarathon absolvieren zu wollen, hat sie begeistert. Deshalb hat sie sich auch bereit erklärt, ihn auf diesem Weg zu begleiten „Er wird das meistern. Das Joggen ist ein guter Ausgleich. Und die Glückshormone nach einem guten Lauf sind ja auch ein deutlich besserer Ersatz für die Drogen!“ Sie selbst ist in einer sportlichen und naturverbundenen Familie aufgewachsen und könnte sich ein Leben ohne Laufen gar nicht mehr vorstellen: „Es ist die schönste Zeit für mich zum Auftanken. Ich genieße jeden Kilometer!“ Anna hofft, dass Mario auch nach seiner Entlassung den neu gewonnenen Ehrgeiz beibehalten kann und das Laufen ihm als Konstante im Leben helfen wird. „Er ist eine ganz tolle Person und er kann es schaffen!“

„Es“ schaffen – das wäre schön. Mario wird, wenn alles gut geht, im Juli aus der Haft entlassen und ein neues Kapitel als freier Mann beginnen. Nicht rückfällig werden – das ist sein größter Wunsch. Denn dass es schnell gehen kann, hat er schon oft gesehen. Mancher hat schon am Tag der Entlassung wieder zu Drogen gegriffen. Gegen diese Angst und Tücken will er anrennen. Und die Vergangenheit endgültig hinter sich lassen.

 

Redaktion
Tabitha Bühne
Tabitha Bühne ist Autorin, Ernährungsberaterin und Systemischer Coach, liebt sportliche Herausforderungen wie Ultra-Läufe oder Etappenrennen und probiert gerne neue Trainingsmethoden aus.
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