Laufen in Ladakh

Dünne Luft und Glücksgefühle

Der Flieger wackelt etwas, als er sich durch Wolkenfetzen und an schneebedeckten Bergketten vorbei in Richtung Leh bewegt. Die Passagiere schauen staunend aus den Fenstern. Neben mir sitzt eine französische Filmregisseurin.
Fotos & Text: Tabitha Bühne

Sie wusste gar nicht, dass in Ladakh ein Marathon stattfindet. „Aber das ist doch so hoch, da kriegt man doch gar keine Luft!“

„Höchster Marathon der Welt? Da muss ich hin!“

Tatsächlich frage ich mich auch, wie es sich anfühlen wird, 3500 Meter über dem Meeresspiegel zu laufen. Nicht nur wegen der ungewohnten Höhe – ich habe seit zwei Jahren keinen Wettkampf mehr bestritten und bin, seit ich in Delhi lebe, so wenig gelaufen wie nie. Aber beim „höchsten Marathon der Welt“ will ich so gerne dabei sein! Ladakh grenzt an China, Pakistan und Kaschmir und gehört zu Indien, ist kulturell aber tibetisch-buddhistisch geprägt. Die Landschaft und das Klima sind recht wüstenhaft. Am ersten Tag habe ich starke Kopfschmerzen und ruhe aus. Am nächsten Tag geht es besser und ich spaziere in die kleine Innenstadt von Leh. Beladene Esel laufen vorbei, Frauen verkaufen Gemüse auf Tüchern und ich hole meine Unterlagen in einem kleinen Häuschen ab.

Im Umkreis der Marathonstrecke sind zahlreiche Klöster zu sehen wie das Hemis Gompa, das noch von vielen Mönchen bewohnt wird.

Start bei Morgendämmerung

Um vier Uhr geht der Wecker. Ich habe kaum geschlafen und bekomme etwas Panik. Kann ich das mit so wenig Vorbereitung überhaupt schaffen, bin ich verrückt geworden, mich hier anzumelden? Ich fahre ins Stadion, wo sich bereits zahlreiche Läufer tummeln. Keiner weiß, wo es losgeht – aber alle sind fröhlich und gelassen. Das Morgenrot breitet sich hinter den Bergen aus. Etwas außerhalb stehen die Toiletten: kleine Einmann-Zelte mit zwei Steinen als Trittfläche und einem gegrabenen Loch. Beim Start stehen direkt vor mir die zierlichen einheimischen Läuferinnen. „In ein paar Jahren werden die schnellsten Läufer der Welt aus Ladakh kommen!“, meint der Veranstalter.

Weiterlaufen: RUNNING-Autorin Tabitha Bühne auf der Strecke.

Laufen wie im Film

Die ersten Kilometer geht es bergab, die Versuchung, schnell zu laufen, ist groß. Schon nach zwei Kilometern stehen Läufer nach Luft schnappend am Wegesrand. Ich bekomme Angst, dass es mir auch noch so gehen wird. Die Luft ist dünn und es läuft sich schwerer als sonst, aber das Morgengrauen, die Stille und die wunderschöne Gebirgslandschaft lenken mich ab. Wir überqueren einen Fluss und erreichen urige Dörfer. Von den Herdfeuern steigt Rauch auf. Felder rascheln im Wind, Kloster schauen aus den steinigen Landschaften hervor. Frauen waschen in einem Bach Töpfe. Ein freundlicher alter Mann kommt aus seinem kleinen Strohdachhaus, reicht Bonbons und wünscht eine gute Reise.

Unter Gebetsflaggen hindurch geht es auf das letzte Drittel der Strecke.

„Komm, ich zieh’ dich“

Nach 15 Kilometern hole ich eine Polin ein. „Dieser Marathon hier ist härter als alle, die ich je gemacht habe! Ich spüre meine Hände und Füße kaum und die Luft reicht irgendwie nicht zum Atmen!“, schnauft sie. Es geht über eine mit Gebetsfahnen geschmückte Brücke auf die Halbmarathonmarke zu. Mittlerweile bin ich ganz alleine – naja, nicht ganz: eine Eseltruppe trabt vor mir auf die Straße. Ansonsten ist es ein einsam, still und surreal – inmitten dieser gewaltigen Natur. Ein Gefühl von Freiheit macht sich breit, gleichzeitig fühle ich mich, als würde ich schleichen. Kinder winken aus kleinen Hütten. Frauen tragen Körbe mit Wolle. Kühe und Ziegen stehen mitten auf dem Weg. Nun sind es nur noch etwa fünf Kilometer, doch es geht nur bergauf. Militärleute stehen mit Zitronensaft am Straßenrand. Dieser lange Anstieg saugt an meinen Kräften.

Ziel im Land der hohen Pässe

Auf den letzten drei Kilometern treffe ich eine junge Ladakhi. Sie war lange Zeit zweitschnellste, doch jetzt humpelt sie. „Knie tut weh!“, sagt sie traurig. Wir gehen und laufen abwechselnd. Ich ziehe sie an der Hand den Berg hinauf und bin einfach nur dankbar, dass ich doch noch heile und munter bin. Die letzten Meter laufen wir Hand in Hand ins Ziel. Ich habe eine Stunde länger gebraucht als bei „normalen Marathons“, aber ich freue mich sehr, drittschnellste Nicht-Ladakhi geworden zu sein. Dieser Marathon war ein herausforderndes Abenteuer und ein Eintauchen in eine fremde Welt. Für die Menschen vor Ort geht die Touristensaison und Einnahmequelle nun zu Ende. Sie schauen dem harten Winter entgegen. Ich würde gerne länger bleiben im Land der hohen Pässe, aber es geht zum Flughafen. Der Fahrer singt ein fröhliches Lied und im Herzen singe ich mit.

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