Die Heldenschmiede bei Wolverhampton

Das Ende vom Ende der Tough-Guy-Ära

Der Tough Guy wird gerne als Mutter aller Hindernisläufe bezeichnet. Seine Erstaustragung feierte das Rennen mit 103 Abenteuerhungrigen 1986. Mit dem heute als physische und psychische Grenzerfahrung bekannten Event hatte dies wenig gemeinsam.
Text: Anne-Katrin Leich | Fotos: Toughguy.co.uk, Phil O’Connor

Mehr als 200 Fälle von Unterkühlung wurden 2017 behandelt, dazu zwei Schulterverletzungen. Sebastian Ortmanns, Finisher 2014, 2016 und 2017, berichtet sehr eindrücklich vom körperlichen Zustand im Ziel: „Man bekommt eine Aluminiumdecke, seine Medaille und das für den Augenblick Wichtigste: Kekse und warmen Kakao. Besser gesagt: heißen Kakao. Das macht sich vor allem daran bemerkbar, dass man den ersten Becher meist komplett verschüttet und der heiße Kakao ziemlich unangenehm auf der kalten Haut landet oder im Gesicht oder eigentlich überall, nur nicht im Mund.“

In den Geschichtsbüchern sticht ein Jahr besonders hervor. 1998 versorgte das medizinische Zentrum 475 unterkühlte Sportler, und die Ambulanz sah sich mit 27 Brüchen, insbesondere am Fußgelenk, konfrontiert. In der Big Margaret St. Johns Ambulance soll übrigens jemand gerufen haben: „Hey, Ihr mit den Knochenbrüchen, hört auf zu stöhnen, ein gebrochener Knöchel kann Euch nicht umbringen, eine Unterkühlung hingegen schon!“ Die zahlreichen Frakturen sind nicht zuletzt ein Indiz dafür, dass die Teilnehmer ihre Trainingshinweise entweder nicht zur Notiz nahmen oder aber nicht beherzigten, sagt Veranstalter Billy Wilson.

Die hohen Hindernis-Wände erfordern eine saubere Bewältigungs-Technik. Versuchten die Läufer auf nur einem Fuß zu landen, zogen sie sich einen Bruch zu. „Also habe ich die Mauern danach flacher gebaut und dahinter Wassergräben platziert“, erzählt Wilson über die Konsequenzen der zahlreichen Verletzungen. Tatsächlich gab es 2017 keine Frakturen unterhalb des Knies.

Nicht nur die Installation der Wassergräben zählt zu den Modifikationen der Vergangenheit. Die sogenannten „Tiger Traps“ (Tiger-Fallen) und „Elephant Pits“ (Elefanten-Gruben) strich der Organisator sogar komplett aus dem Repertoire der Hindernisse – zu gefährlich. Billy Wilson erklärt warum: „Diese großen ausgehobenen Gruben wurden mit Schotter, Ästen und Farnkraut abgedeckt. Doch als diese Hindernisse fertig waren, realisierte ich, dass die eifrigen Läufer wie Lemminge über den Rand gehen würden. Mir wurde klar, dass auf ebenjene, die bereits mitten im Hindernis stecken, hinaufgesprungen wird und schon bald ein Haufen von Körpern entsteht, den alle Nachfolgenden als Tritthilfe nutzen. Also habe ich diese Hindernisse rausgeworfen.“

Zu den Hits der Nervenkitzel-Gadgets zählten die baumelnden Drahtkabel, die etwa in den unterirdischen „Vietcong Torchure Tunnels“ vorzufinden waren. „Wir haben den Strom allerdings die letzten zwei Jahre nicht eingeschaltet. Das wissen die Starter natürlich nicht“, sagt Billy Wilson. Der Kick geht also keineswegs verloren. Im Premiere-Jahr 1986 gehörten Finisher-Medaillen im Übrigen noch längst nicht zur bestandenen Tough-Guy-Prüfung. Der Veranstalter erinnert sich noch, wie einer der Teilnehmer seinen Kumpel an der Ziellinie erwartete und rief: „Du glaubst nicht, was das Erinnerungsgeschenk ist!“ Es handelte sich um einen kleinen Beutel stinkender Pferdeäpfel und ein frischgelegtes Ei.

Erst bei seiner zwölften Austragung 1997 bekam der Tough Guy den ersten deutschen Starter zu Gesicht. Als ausgebildeter Soldat mit fünf Jahren Fallschirmjäger-Erfahrung schien Stefan Schlett prädestiniert für die Strapazen des Hindernisrennens. „Ich war sogar auf Kursen der Special Forces in den Vereinigten Staaten unterwegs“, erzählt Extremsportler Schlett und blickt auf seine Erfahrungen zurück. „Zudem betrieb ich seit über einem Jahrzehnt Eisbaden und diverse Kaltwassertherapien, sodass mich die eiskalten Wasserhindernisse und Tauchgänge nicht sonderlich schreckten.“ Mit besonderer Vorbereitung reiste Schlett daher nicht an. Im Gegenteil: Kurz vorher hielt er sich für zwei Monate in Südamerika bei Temperaturen über 30 Grad auf.

Wenn sich hingegen „Normalsterbliche“ den Strapazen des Tough Guy stellen, mag dies schon ganz anders aussehen. Selbst Veranstalter Billy Wilson gibt zu, dass allein ein Special-Force-Soldat mit monatelangem Training geschult genug ist, mit solch einer Tortur routiniert umzugehen. Die äußersten Grenzen der physischen wie mentalen Ausdauer reize das Event aus: „Tough“ stände für körperliche Fähigkeiten, sich dem Bösen und den Bösen sowie schmerzvollen und angsteinflößenden Erlebnissen zu stellen. „Tough“ hieße auch, die schlimmsten persönlichsten Verluste aus- sowie schrecklichen Katastrophen standzuhalten. Der Tough Guy erfordert Ausdauer und Standhaftigkeit gegenüber Schmerzen und Selbstmitleid – „Das ist es, warum die Teilnehmer zurückkommen!“

Zu den „Fun-Facts“ zählt, dass ein Friedhof für Menschen und ihre Haustiere etwa 40 Hektar der insgesamt 600 Hektar großen Farm in der Nähe von Wolverhampton, unweit von Birmingham, ausmacht. Das Präparieren des Kurses nahm für gewöhnlich mehrere Tage, gar Wochen, in Anspruch. Jede Austragung erforderte einen kompletten Unbedenklichkeitscheck. Vier Männer suchten jeden Zentimeter des Kurses ab, eliminierten Nägel, zersplittertes Holz und ausgefranste Seile. Unerwünschte Löcher von Hasen, Füchsen und Dachsen galt es, aufzuspüren, Dornsträucher wegzuschneiden, umgestürzte Bäume gegebenenfalls zu beseitigen und zu guter Letzt die Route mit Band und Schnur zu markieren. Die Toiletten, Waschräume und Umkleidekabinen mussten von vorherigen Events ebenfalls gereinigt werden.

Sebastian Ortmanns gibt zu: „Der Tough Guy ist wirklich furchteinflößend.“ Als erfahrener und wettkampferprobter Kampfsportler dürfte ihm eine gewisse psychische Stabilität ohne Frage gegeben sein. Trotzdem sagt er: „Jedes einzelne Mal hatte ich Angst, es nicht zu schaffen.“ Als ganz besonders hart erachtete Ortmanns die Killing Fields: „Während auf der ersten Hälfte des Laufes noch die Kondition und Konzentration die Hauptbelastung erfahren, ist es spätestens in den Killing Fields die Kälte, die einen zermürbt.“ Zumal der britische Januar nicht zu schlammigen Tauchgängen einlädt. „Ab diesem Zeitpunkt kommt man ständig bis zur Brust und teilweise sogar mit dem Kopf unter Wasser, und die eintretende Erschöpfung gibt den Rest“, erzählt der Hobby-Athlet.

Stefan Schlett schätzte sich trotz erprobter Abhärtung bei seiner Erstteilnahme glücklich, denn mit milden fünf Grad herrschten im Vergleich zu 1996 mit minus zehn Grad und scharfem Ostwind vergleichsweise angenehme Bedingungen. Ein Flyer im A5-Format machte ihn damals auf das Rennen aufmerksam. „Im analogen Zeitalter lagen bei den diversen Veranstaltungen immer Hunderte von Broschüren aus, die für andere Wettkämpfe warben“, sagt er. Als er 1993 an der Tour de Tameside, einem einwöchigen Etappenlauf bei Manchester, teilnahm, sah er auf einem jener Flyer wie „eine Horde Verrückter über ein Holzgerüst kletterte.“ Schlett: „Das war meine erste Berührung mit dem Tough Guy und begeisterte mich sofort. Das Blatt kam in meinen To-do-Ordner, und das Projekt wurde vier Jahre später realisiert.“

Nach seinem Debüt kehrte Stefan Schlett in den beiden Folgejahren zum Wettkampfgelände nahe Wolverhampton jeweils mit Journalisten zurück, die Reportagen fürs Fernsehen produzierten, 1999 sogar eine 30-minütige Reportage für ProSieben. Ganz besonders im Gedächtnis blieben Schlett die herzerwärmenden und motivierenden Zurufe „Schlappschwanz“ und „Warmduscher“, mit denen die Streckenposten die Teilnehmer zu Höchstleistungen anspornten.

Eins veränderte sich von den frühen Jahren bis zur Gegenwart kaum. Während Schlett sich an die „riesengroße Party“ im Jahr 1997 erinnert, nicht ohne den besonderen britischen Humor zu erwähnen, äußert Ortmanns über die „letzte“ Veranstaltung: „Die Stimmung beim Tough Guy 2017 war wie immer fantastisch, obwohl deutlich zu spüren war, dass die eingefleischten Fans schon vor dem Lauf ein bisschen melancholisch waren.“ In Sachen Extremsport steht der Tough Guy sicher bei vielen weit oben auf der Härte-Skala der erlebten Wettkämpfe. „Die letzte halbe Stunde hatte ich meist solchen Schüttelfrost, dass es mir schwerfiel, zu laufen oder zu gehen“, erinnert sich Ortmanns. „Aber genau das macht es zu einem so intensiven Erlebnis und ist der Grund für das Gefühl, das ich Wochen später immer noch in mir hatte.“

Woran lag es nun, dass das geschichts -trächtige, traditionsreiche und so beliebte Kultrennen eigentlich fortan nicht mehr stattfinden sollte? „Da draußen gibt es eine dreckige, schmutzige Welt der Gier“, sagt Billy Wilson, der sich Mr. Mouse nennt. Ein Spitzname, dem jeder seine Empörung, sein Seufzen, seine Ängste oder aber auch seinen Dank und seine Freude entgegenbringen kann. Er selbst bleibt Facebook,

Instagram und Co. fern. Nichts davon kostet ihn einen Schweißtropfen, doch seine Familie leidet unter gemeinen Kommentaren und Nachrichten. 1993 habe er das Urheberrecht und Markenzeichen in jedem Land der Welt eintragen lassen. „Ich habe das komplette Copyright aller Obstacle Runs“, sagt Billy Wilson und beklagt, wie schamlos andere Events von der International Obstacle Course Runners Associated Federation Ltd. kopieren und kopiert haben. „Ich kann beweisen, dass sie alle kopiert haben“, sagt er. „Traurigerweise ist es jetzt an der Zeit, für Ordnung zu sorgen. Ich weise derzeit einen führenden Rechtsanwalt an, jedes Obstacle-Running-Event anzuschreiben und ihnen eine Mitgliedschaft anzubieten.“ Wilson favorisiert im Übrigen für jeden Sport das Non-Profit-Modell.

Was bleibt, sind die Heldentaten, die Leistungen der Frauen und Männer, die wenige Stunden oder Tage später wieder in ihren Alltag zurückkehren und berechtigterweise ein Superman-Shirt unter dem Hemd oder der Bluse tragen dürften, wenn sie wollten. Und es wird bald einige mehr von ihnen geben. Mit einem Teilnehmerlimit von 2.500 Startern setzt der mittlerweile 80-jährige Mr. Mouse das Kultrennen nun doch im Frühjahr 2018 fort.

Redaktion
Anne-Katrin Leich
Anne-Katrin Leich, erfahrene Athletin, ist bei uns Expertin für Produkttests und Reportagen.
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