Doping anno dazumal

Von Fliegenpilzen, Krötenhaut und Stierhoden

„Citius, altius, fortius: schneller, höher, stärker“ – so lautet die olympische Devise der Neuzeit. Doch der Gedanke scheint dem Menschen in die Wiege gelegt worden zu sein.
Text: Edith Zuschmann | Fotos: Jean-Leon Gerome

Dass dieses Streben nicht immer nur auf dem rechten Wege erreicht wurde und wird, ist allseits bekannt. Begeben Sie sich mit uns auf eine Reise durch jene Zeit, als der Leistungsschub durch geheime Mittelchen und Möglichkeiten ausschließlich aus der Natur kam. Denn eines steht definitiv fest: Doping ist keine Erfindung der Neuzeit. Bereits bei den panhellenischen Spielen zu Ehren der griechischen Götter wurde beim und zum Siegen nachgeholfen.

„Hätten die Athleten und Ärzte der Antike das Wissen und den Zugang zu effizienten Mitteln gehabt, so wären sie auch zur Anwendung gekommen,“ ist Prof. Dr. Jütte vom Institut für Geschichte der Medizin an der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart überzeugt und erklärt weiter, dass „althistorische Quellen Indizien dafür liefern und so drei Arten von Doping angenommen werden: Nahrungsmanipulation zur Muskelbildung, Leistungssteigerung durch abführende Mittel und die Einnahme von Asche, Alkohol und anderen Mitteln, um den Körper unempfindlicher gegen Schmerzen zu machen.“

Geheimniskrämerei

Die Empfehlungen kamen wie auch heute oft von Medizinern und Trainern. Der griechische Sophist Philostratos berichtet in seinem Werk über die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele von Pilzen und besonderen Brotsorten, welche die Betreuer ihren Schützlingen verabreichten. Griechischen Läufern gaben sie spezielle Kräuterteemischungen, um ihre Ausdauer zu verbessern. Die Ingredienzien hüteten die Vertrauten als großes Geheimnis.

Die Gerstenfresser

Weitaus offener ging der bekannteste Experte der damaligen Zeit, der römische Mediziner Galen, mit seinen Athletenrezepten um. Der Gladiatorenarzt schien von speziellen Diäten überzeugt zu sein. So kamen unter anderem Schweinefleisch sowie Stierhoden auf die Athletenteller, um den Muskelaufbau zu fördern und Kraft zu verleihen. Den Gladiatoren dürfte Galen Gerste verabreicht haben, denn in Überlieferungen werden sie als „Gerstenfresser“ bezeichnet. Der Sporthistoriker Jütte fand Hinweise darauf, dass in der Antike Schlaf ebenfalls als Geheimwaffe galt.

Wie die Berserker

Um im Vergleich unbesiegbar zu sein und keine Schmerzen und Wunden zu verspüren, griffen die altnordischen Kämpfer laut mittelalterlichen skandinavischen Quellen zu Bufotenin, einer Substanz, die in den Hautsekreten von Kröten und im Fliegenpilz vorkommt. Die eine Ekstase auslösende Wirkung machte sie rasend und brachte ihnen den Namen Berserker ein. Die Frage nach dem Wohlergehen der Kämpfer im Anschluss an den Wettstreit bleibt unbeantwortet.

Berauschte Inkas

Zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert herrschten in Südamerika die Inkas. Um die Botschaften schnellstmöglich durch das riesige Reich zu bringen, griffen die Inka-Boten zu wirkungsvollen Mittelchen. Während die Boten liefen, kauten sie Koka-Blätter, die ihnen als Nahrungsmittel und Droge dienten. Das Kauen verursacht nicht nur eine Stimmungsaufhellung und subjektive Leistungssteigerung, sondern macht den Körper tatsächlich leistungsfähiger. So verbessert es die Sauerstoffaufnahme, was wiederum das Laufen in den hohen Andenregionen erleichtert. Zudem wirkt es regulierend auf den Blutzuckerspiegel, betäubt die Magennerven und unterdrückt so das Hungergefühl.

Frühe Tierversuche

Zudem griffen sie zu Guarana. Die geschälten und getrockneten Samen des Strauches wurden zu einem hellbraunen Pulver zermahlen, in Wasser aufgeschwemmt und mit Honig gesüßt getrunken. Das Getränk wirkt ähnlich anregend wie Kaffee und dämpft Hungergefühle. Missionare und Ärzte brachten die Substanz sowie das Wissen über deren Anwendung nach Europa. Doch ehe es am Menschen Anwendung fand, kam es im Pferdesport zum Einsatz.

Giftmischen für den Sieg

Bereits aus dem 15. Jahrhundert gibt es Rezeptüberlieferungen zur Leistungssteigerung von Pferden. Stimulanzien wie Eberwurz (als Mastmittel) und Meisterwurz, ein harn- und schweißtreibender Stoff, waren dabei noch harmlos. Unterschiedliche Giftsorten sollten die Tiere an ihre absoluten Grenzen bringen, um den Sieg im Pferderennen davonzutragen. Was mit ihnen nach dem Zieleinlauf passierte, war dann nur noch zweitrangig.

Erlaubte Förderung

Durch die Forcierung von Sportwettbewerben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen leistungsfördernde Mittel schlussendlich auch bei Athleten zur Anwendung. Und wieder waren es Mediziner und Trainer, welche die Substanzen verabreichten. Wobei erwähnt werden muss, dass es zu dieser Zeit den Ärzten erlaubt war, Sportler mit Hilfsstoffen zu versorgen. Koffein gehörte schon damals zu einer der beliebtesten Stimulanzien. In Kombination mit Theobromin, das aus der Kolanuss gewonnen wird, ermöglichte es einen wahren Leistungsschub. Erstmalig kam es bei Bahnradrennen in Mode.

Geläufiger Drogenkonsum

Dass die Extrakte der Koka-Pflanze die Ausdauer steigern, wusste man bereits von den Inkas. Dem daraus gewonnenen Kokain gelang so der Einzug in den Sport. Doch dem nicht genug: „Der Begriff ‚Doping‘ ist seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im englischen Slang als ‚Drogen nehmen‘ geläufig“, weiß Prof. Dr. Jütte aus seinen Nachforschungen. „Dope“ wurde zudem in den USA, vor allem in den Südstaaten, als Synonym für das stimulierende Getränk, das bis heute unter dem Namen Cola weltweit bekannt ist, verwendet.

Offiziell gedopte Olympiasieger

Bei den Ausdauersportlern der damaligen Zeit erfreute sich Strychnin, das unter anderem in der Brechnuss vorkommt, großer Beliebtheit. Es war schon lange als eines der kräftigsten Reizmittel bekannt und kam hauptsächlich bei Schwächeleiden zum Einsatz. Im Laufsport erlangte es durch den Olympischen Marathon von St. Louis 1904 Berühmtheit. Der US-Athlet Thomas Hicks erhielt von seinem Arzt zunächst ein Strychnin-Eiweiß-Gemisch. Fünf Meilen vor dem Ziel gab es erneut eine Dosis. Dieses Mal in Kombination mit einem Schluck Brandy. Die Mischung trieb ihn ins Ziel, er wurde Olympiasieger. Und das alles ganz offiziell – laut dem damaligen Reglement.

Wie ein Stier

Griechische Athleten hatten bereits zu Stierhoden gegriffen. Ende des 19. Jahrhunderts versuchte man, die durch Kompression aus tierischen Hoden gewonnene Flüssigkeit, Sportlern zu injizieren. Der Weg in Richtung Verabreichung von Hormonen war getan. „Berichtet wurde von einer revitalisierenden Wirkung“, so Jütte. Alleine der Gedanke, stark wie ein Stier zu sein, scheint die Athleten angetrieben zu haben.

Die leider andere Geschichte

Gemischt wurde alles – kreuz und quer. Eindeutige Beweise, Rezepturen und Dokumentationen gibt es kaum. Doch das scheint mit der heutigen Zeit einherzugehen. Wer will schon seine Wunderwaffe verraten und als Lügner enttarnt werden? Doch das ist eine andere Geschichte.

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