Der Petra Desert Marathon

Im Reich der Nabatäer

Einige Marathon-Veranstaltungen präsentieren sich schon als Erlebnis, bevor die Läufer überhaupt auf die Strecke gelassen werden.
Fotos & Text:

So chauffiert man beim Boston Marathon die Teilnehmer in unzähligen quietschgelben Schulbussen aus der City hinaus zum Startpunkt im Städtchen Hopkinton. Wer in New York antritt, der muss erst mal irgendwie nach Staten Island kommen und verweilt dann dort für Stunden mit mehr oder weniger Aussicht auf die Verrazano-Narrows Bridge. Vom Kristallmarathon untertage in einem Erlebnisbergwerk mal ganz abgesehen.

Zu diesen Läufen über 42,195 Kilometer mit einer speziellen Auftaktzeremonie zählt ebenso der Petra Desert Marathon in Jordanien. Seit 2009 wird das Event in und um die Felsen-Stadt Petra ausgetragen. Als Veranstalter fungiert das Unternehmen Albatros Travel, das vor Ort von der Agentur Jordan Experience tatkräftig unterstützt wird. Die Startlinie dieses Rennens liegt nur einen Steinwurf vom legendären Al-Khazneh, dem sogenannten Schatzhaus der Nabatäer, entfernt, doch dahin müssen die Teilnehmer erst mal gelangen.

Mit diesem Vorhaben stehen am 26.08.2017 früh morgens um 5.00 Uhr etwa 200 Sportler aus aller Herren Ländern vor dem Eingang des Petra Visitor Center. Von Norwegen über die Philippinen bis nach Neuseeland sind zahlreiche Nationen vertreten. Der Marathon respektive Halbmarathon lässt sich nur im Paket (Flug sowie Reiseaktivitäten) buchen und ist besonders bei „Sammlern“ beliebt. Lediglich die Einheimischen besitzen die Möglichkeit, sich direkt anzumelden, was in diesem Jahr gut 20 Jordanier taten.

Nach einer kurzen Ansprache des Renndirektors entert der bunte Trupp den eigentlich noch geschlossenen Park. Bei den Aktiven ist der Eintrittspreis im Startgeld enthalten, die wenigen „Zuschauer“ dürfen mit sogenannten Spectator-Bibs ihre Lieben kostenfrei begleiten und später im Resort verweilen. Nach dem Passieren der Drehkreuze ändert sich die Stimmung schlagartig. Die allmählich aufgehende Sonne taucht alles in ein blau-graues, unwirkliches Licht. Rosa-ockerfarbene Sandsteinformationen strahlen die gespeicherte Wärme des Vortages ab. Fledermäuse kehren von der Jagd in ihre Behausungen zurück. Fast greifbar scheint die Mystik der Stätte. Langsam gewinnen die nun beige-gelb erscheinenden Felswände an Höhe, bis wir vor dem Eingang des großen Siq stehen. Dieser schmale Schlauch führt uns auf einer Länge von etwa anderthalb Kilometern direkt auf Petra zu. Teilweise ist der Pfad durch die bis zu 100 Meter hohen Wände lediglich zwei Meter breit. Bedächtig schreiten wir staunend immer weiter. Später stehen an diesen Stellen Hunderte von Touristen mit ihren Kameras. Dazwischen werden junge Jordanier im Jack-Sparrow-Look umherwuseln, um ein paar Dollar einzustreichen. Dass aus ihren Smartphones dazu „Life In The Streets“ dudelt, macht die Sache nicht besser.

Doch noch herrscht hier Ruhe. Gerade in dem Moment, in dem man denkt, alles Staunenswerte des Siqs halbwegs begriffen zu haben, öffnet sich der „Vorhang“. Bühne frei für das 30 Meter breite und 43 Meter hohe Herz der Anlage: das sogenannte Al-Khazneh (das Schatzhaus). Ob das aus dem Fels geschlagene zweistöckige Gebilde als Schatzkammer, Tempel oder Grabkammer den Nabatäer diente, ist noch nicht endgültig geklärt. Jedoch diente es ganz eindeutig Hollywood als Kulisse für den Streifen „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“. Sogar die jordanische Königsfamilie soll den Dreharbeiten beigewohnt haben.

Dort wo damals Harrison Ford und Sean Connery schauspielerten, stehen nun beeindruckte Sportler. Doch bei aller Besonderheit, die dieses Marathon-Startareal bietet, bleibt in dieser Situation eine weltweit generelle Frage die immer gleiche: Wo sind die Toiletten? Nachdem die Antworten darauf gefunden sind, sammelt der Renndirektor persönlich alle seine Schäfchen ein, damit pünktlich um 6.30 Uhr das Startsignal ertönt. Das dürfte so ziemlich selten bei Lauf-Wettkämpfen praktiziert werden.

Es knallt und ein Offizieller sprintet voraus, der auf den ersten Kilometern im Park nicht überholt werden darf, da ansonsten die Disqualifizierung droht. Des Weiteren eskortieren berittene Polizisten den Staub aufwirbelnden Sportler-Tross. Diese Maßnahmen sollen das Feld zusammenhalten und dem Ganzen einen würdigen Anstrich geben. Schließlich befinden wir uns in einer zu den sieben neuen Weltwundern zählenden UNESCO-Weltkulturstätte. An dieser Stelle schon Tempo zu bolzen, wäre ziemlich unangebracht, schließlich gibt es für die Augen Reichliches zu entdecken (Theater, Urnengräber, Königsgräber …).

Wir verlassen Petra und gelangen serpentinenartig über eine asphaltierte Straße zu einem kleinen Bergdorf. Immer wieder finden sich rechts und links der Fahrbahn irre Felsformationen in fantastischen Farben. Am Eingang des Ortes kommen uns auf Eseln reitende Einheimische auf dem Weg zu ihrer Arbeit entgegen. Plötzlich flankieren Hunde meine Läufergruppe. Beim Briefing am Vorabend hieß es dazu: „Ihr werdet auf viele Hunde treffen, sie werden bellen, aber nicht beißen, es sei denn, ihr klaut ihren Herrchen eine Ziege, dann sieht es düster für Euch aus.“ Und da keiner von uns die Absicht besitzt, einen Wiederkäuer zu stehlen, bleibt es weiterhin hell. Sehr hell sogar, die Sonne steigt immer höher, und bis später der letzte Marathoni finisht, werden es etwa 35 Grad sein.

Weiter geht es nun auf einem Schotterweg hinein in die Wüste. Hier trennen sich Lang- sowie Halbdistanzler für eine Weile und kämpfen sich an merkwürdig dreinschauenden Kamelen vorbei in Richtung Gebirge. Bevor dies erklommen wird, treffen die Streckenführungen wieder zusammen. Der folgende Ausflug ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass die Marathonis abschließend etwa 1.600 und die Halbmarathonis circa 1.300 Höhenmeter in den Beinen spüren werden. Nur selten findet sich am Wegesrand etwas Grün, obwohl die Anzahl der Pflanzenarten denen in Deutschland entspricht. Lediglich ein Prozent des Landes bedeckt Wald, den Rest holzte man systematisch ab, jedoch sind Aufforstungen im Gang.

Ähnlich erging es der Flora. Löwen und Geparden bekommt der Besucher nicht mehr zu Gesicht. Die Oryxantilope lebt nur noch in Reservaten. Allerdings sind gerade in den Wüstenregionen Schakale sowie Hyänen anzutreffen, und auch der Wolf fühlt sich hier langsam wieder heimisch. Jedoch sieht keiner der Läufer einen Isegrim, wahrscheinlicher wäre an dieser Stelle die Sichtung eines Steinbockes gewesen. Auf dem Scheitelpunkt des Panoramaweges lädt einer der zahlreichen gut ausgestatteten Verpflegungspunkte zum Verweilen ein. Ein herrliches Panorama auf das bisher Geleistete bietet sich dabei den Läufern.

Es folgt die Kür. Ziemlich steil bergab rasen wir auf das Ziel in Wadi Musa zu. Dort wartet ein geschmückter Finisher-Bereich mit Flatterband und goldenen Absperrpfosten. Jeder Athlet wird namentlich begrüßt, bevor er seine Medaille in Empfang nimmt. Rundherum liegen hier nun im Schatten die erschöpften Sportler auf Teppichen und spähen in die Berge, um zu erkennen, wer sich wohl als Nächstes neben ihnen wohlig ächzend niederlässt.

Redaktion
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