Der Osten - Das Läuferland

30 Jahre Einheit - Entdeckungstour für Aktive

Ich hatte bisher eher wenig mit dem „Osten“ zu tun. Von den „Kaffeesachsen“, der Mecklenburger Seenplatte oder dem Dresdner Christstollen hatte ich noch nie etwas gehört. Mein erster Berührungspunkt war meine Mitbewohnerin im Studentenwohnheim.
Text: Tabitha Bühne | Fotos: Tabitha Bühne

Bärbel kam aus Sachsen und ich verstand zunächst kein Wort. Wir wurden trotzdem Freunde fürs Leben. Seit einem Jahr lebe ich nun selbst in der Nähe von Leipzig und komme mit jedem Monat mehr ins Schwärmen. Rügen und die sächsische Schweiz, das Erzgebirge, den Thüringer Wald, das Vogtland, die Lausitz. Überall warten herrliche Wälder, Berge, Burgen und unzählige schicke Städtchen mit viel Geschichte. In diesem Jahr feiern wir 30 Jahre Einheit und passend dazu möchte ich euch an ein paar wundervolle Orte entführen. Denn für natur-und kulturliebende Läufer ist Ostdeutschland ein echtes Paradies.

Nicht nur landschaftlich, sondern auch kulturell hat der Osten Deutschlands Einiges zu bieten. Die unzähligen Städte sind lebendige Geschichtsbücher und entführen Läufer in die Vergangenheit.

100 Meilen gegen das Vergessen

Manchmal muss man gegen das Vergessen anrennen. Laufend Grenzen überwinden. Erinnerungen wach halten. Beim Berliner Mauerweglauf passiert genau das: Eine Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen und Möglichkeiten, aber auch mit der deutschen Geschichte. Die Veranstaltung erinnert an die Teilung Berlins und an die Mauertoten. Bis zur Wende wurde der Weg entlang der Berliner Mauer für Kontrollfahrten der DDR-Grenztruppen verwendet. Bis zum Mauerfall im Jahr 1989 verloren hier fast 140 Menschen bei Fluchtversuchen ihr Leben. Beim Mauerweglauf waren im letzten Jahr alle Kontinente vertreten – Läufer aus 32 Nationen gingen an den Start, um 100 Meilen zu laufen und zwischendurch innezuhalten. Besonders ergreifend war für viele Teilnehmer der Stopp an der Gedenkstätte für Dieter Hildebrandt. Er half als Student in Westberlin anderen Menschen bei ihren Fluchtversuchen und wurde von Grenzsoldaten erschossen. Läufer halten kurz an. Einige schreiben ihre Gedanken auf kleine Karten. Es wird mitten in einem Rennen klar, welch Glück es ist, sich überall frei bewegen zu dürfen. Bei der Siegerehrung wird jeder Teilnehmer auf die Bühne geholt und geehrt, das verleiht dem Lauf einen fast familiären Charme. Die Laufrichtung wechselt übrigens jedes Jahr.

Kult Rennsteiglauf

Er ist ohne Frage der kultigste und auch der größte Crosslauf Europas: Der GutMuths-Rennsteiglauf. Jedes Jahr zieht es Zehntausende Laufbegeisterte ins Mittelgebirge auf den berühmtesten Weitwanderweg Deutschlands, den Kammweg auf den Höhen des Thüringer Waldes. Ich war vor ein paar Jahren auch am Start und ganz begeistert von all den urigen kleinen Orten und der märchenhaften Natur. Diese Gegend versprüht einen ganz eigenen Zauber. Die reizvolle Landschaft im UNESCO-Welterbe ist aber nur ein Erfolgsfaktor. Viele Teilnehmer kommen Jahr für Jahr wieder. Einige von ihnen betrachten den Lauf wie eine Kur, die sie regelmäßig brauchen. Eine Frau meinte gar, der Rennsteig habe sie von Depressionen geheilt. Es gibt verschiedene Streckenlängen und Startpunkte und lokale Delikatessen vor, während und nach dem Lauf wie Brühe, Schmalzbrote und Haferschleim. Thüringen ist bekannt für seine deftige Küche wie Klöße mit Bratwurst oder Rouladen. Und natürlich warten Mengen an Schwarzbier im Ziel. Einzigartig und unübertroffen ist die Stimmung auf der Party am Abend nach dem Lauf. Das „Rennsteig-Lied“ hat sich ungefragt bis heute in mein Gedächtnis gebrannt. Ein Ohrwurm, den man nie wieder loswird.

Wichtel, Helden und Riesen

Der Thüringer Wald bietet aber noch ein anderes, kleineres aber nicht weniger wundervolles Laufereignis: den Südthüringentrail. Um die sagenhafte Welt vor ihrer Haustür auch anderen Läufern schmackhaft zu machen, haben vor ein paar Jahren der Ultra-Läufer Mirko Leffler und seine Frau Tina diesen Lauf ins Leben gerufen. Er verläuft querfeldein rund um ihre Heimatstadt Suhl. Drei Strecken stehen zur Auswahl: Für Einsteiger ist der „Wichteltrail“ perfekt. Die 17,4 Kilometer mit ihren 559 Höhenmetern sind trotzdem nicht zu unterschätzen. Es geht ordentlich hoch und runter, mitten im Wald sitzt ein als Wicht verkleideter Motivator und feuert die Teilnehmer an. Man entdeckt immer wieder Perlen der Natur, läuft an einem jüdischen Waldfriedhof vorbei und bekommt an den idyllischen Pflegestationen eine große Auswahl an Köstlichkeiten angeboten. Mir hat es so gut geschmeckt, dass ich dort gern etwas mehr Zeit verbracht habe. Beim „Riesentrail“ gilt es, 47,5 Kilometer und fast 2.000 Höhenmeter zu bewältigen. Die Cracks stellen sich einer echten Herausforderung: dem „Heldentrail“ mit 64,9 Kilometern und fast 2.500 Höhenmetern. Der Südthüringentrail ist eine Abenteuerreise auf verschlungenen Wegen mit einer ansteckenden herzlichen Atmosphäre. Wer mit Wichteln, Helden und Riesen unterwegs sein will, muss sich aber beeilen – die Startplätze sind meist schon nach wenigen Wochen ausverkauft.

Laufen mit Kultur

„Sport macht Schwache selbstbewusster, Dicke dünn, und macht Dünne hinterher robuster, Gleichsam über Nacht.“ Dieser Reim stammt aus der Feder des humoristischen Lyrikers Joachim Ringelnatz, der 1883 in Wurzen geboren wurde. Hier findet seit neun Jahren der „Ringelnatzlauf“ statt, für den auch Menschen aus weitentfernten Orten in die hübsche Domstadt reisen. Dass es einen Lauf in Wurzen gibt, habe ich nur durch einen Zufall erfahren. Und ich war schwer begeistert! Die Kreisstadt mit ihren zwei mächtigen Mühlentürmen liegt in der Nähe von Leipzig im pittoresken Muldental. In der schnuckeligen Altstadt versammelten sich viele kleine und große Läufer, um sich ganz in der Nähe des Ringelnatz-Brunnens auf verschiedene Strecken zu begeben. Von 3 bis 90 Jahren sind alle Altersgruppen vertreten. Herzlichkeit und Gastlichkeit machen den Lauf zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Es scheint, als sei die ganze Stadt auf den Beinen, um Wurzen mit vollem Einsatz eine Liebeserklärung zu machen. Alle Straßen und Häuser sind herausgeputzt. Graffitis sind verschwunden und Unkraut und Unrat beseitigt. Ein heimischer Gastwirt sorgt für Makkaroni mit Tomatensoße, ein Möbelhaus gibt Getränke aus, ein Optiker spendiert 500 Päckchen Brillennudeln, ein Bäcker 200 Müslistangen und ein Hofbetrieb steuert 70 Kilogramm Äpfel bei. Nach dem Lauf spaziert man gerne nochmal durch die schönen Gassen, schaut am alten Ringelnatz-Wohnhaus vorbei und knabbert Kekse, für die Wurzen auch berühmt ist. Ein Geheimtipp – vor allem für Familien und Kulturliebhaber.

Redaktion
Tabitha Bühne
Tabitha Bühne ist Autorin, Ernährungsberaterin und Systemischer Coach, liebt sportliche Herausforderungen wie Ultra-Läufe oder Etappenrennen und probiert gerne neue Trainingsmethoden aus.
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