Das Beste kommt zum und am Schluss

„Schnelles Laufen sieht wunderschön aus. Aber es macht auch anders Spaß!“ Diese Erkenntnis wurde zum Motto der Buchautorin Lisa Jackson. Sie fand ihren Platz in der Sportlerwelt am Ende des Teilnehmerfelds, und genau dort fühlt sich Lisa am wohlsten.
Text: Edith Zuschmann | Fotos: privat

Wenn Lisa über das Laufen spricht, strahlen ihre Augen und ihre Mundwinkel wandern steil nach oben. Es beginnt ein Feuer in ihr zu brennen, das jeden Zentimeter des Körpers und jeden ihrer Gedankengänge einnimmt. Sie ist kein Profi und verdient ihr Geld nicht mit dem Laufen. Lisa ist schlichtweg eine begeisterte Hobby-Athletin, die all die schönen und harten Seiten dieses Sports bedingungslos liebt.

Dass es einmal so kommen würde, das hätte sich die heute knapp 50-Jährige in ihren kühnsten Jugendträumen nicht vorzustellen gewagt. Denn beim Schulsport war sie immer unter den Letzten, und ihr Interesse konnten nur Bücher und passive Tätigkeiten wecken. Als jedoch Arbeit, Gewicht und Stress ihr Leben beherrschten, wollte, ja musste sie etwas ändern. Ein Fünf-Kilometer-Charity-Rennen in London sollte ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen – und ebenso ihre Definition von Sport. „Dort ging es plötzlich nicht um das Gewinnen, sondern darum, ohne Bewertung Teil des Ganzen zu sein und Spaß zu haben“, schildert Lisa. Obwohl sie alles andere als fit war, genoss sie diese Erfahrung.

Es sollte die Initialzündung sein, die sie mit dem Laufvirus ansteckte. Mit einem Schlag sog sie alle Informationen rund um den Sport auf und erhielt mit ihrer Tante, die trotz reifen Alters regelmäßig an Rennen teilnahm, eine unterstützende Mentorin. Es folgte eine unerwartete Halbmarathon-Teilnahme. Frei nach dem Motto „Wer 21 Kilometer schafft, der packt auch einen ganzen Marathon“ finishte sie zwei Jahre später die volle Distanz. Dass sie niemals auf dem Siegertreppchen stehen würde, das war ihr klar. Das interessierte sie auch nicht. Schlichtweg das Gefühl, die Distanz bewältigt zu haben, gab ihr eine unendliche Befriedigung. Es folgte ein Marathon nach dem anderen – einfach so aus Freude. Damit war sie in der Szene angekommen.

Lisa kennt man. Sie lacht, sie redet unentwegt – sie ist voller Emotionen. Während die Britin niemals auf die Trophäen der Schnellsten neidisch ist, kam beim Anblick der 100-Marathon-Club-T-Shirts, die immer wieder Starter bei diversen Rennen trugen, doch so etwas wie Begierde auf. „In mir stieg dieses unbändige Verlangen hoch, Teil dieses erlauchten Clubs zu werden. Nach 17 Marathons gab ich mir schlussendlich selbst die Erlaubnis, dieses Abenteuer zu wagen“, erzählt Lisa stolz. 15 Jahre später – am 16.04.2016 – querte sie in Brighton (England) zum 100. Mal eine Marathon-Ziellinie. „Es war ein sehr emotionaler Moment und eine unbeschreiblich schöne Reise, auf der mich viele meiner Freunde begleiteten.“ Wie bei jeder Teilnahme trug sie eine auffällige Kopfbedeckung und kam wie immer mit zahlreichen Mitstreitern ins Gespräch.

In den meist fünf bis sechs Stunden, die Lisa unterwegs ist, bleibt ihr viel Zeit, über das Leben und ihre Erfahrungen zu plaudern. So gewinnt sie „laufend“ neue Freunde. Zudem genießt sie das gegenseitige Motivieren und Vorantreiben der Aktiven in den letzten Reihen. Gegenseitig pushen sie sich durch Hochs und Tiefs und geben einander alles, damit sie zusammen ankommen. Dass dabei die verrücktesten Dinge passieren, bedarf keiner weiteren Erklärung. „Die Laufzeit ist am Ende des Tages zweitrangig. Viel wichtiger ist, dass Du da draußen eine gute Zeit verbringst, dass Du richtig Spaß hast. Außerdem nutzen wir am Ende des Feldes den maximalen Wert unseres Startgeldes aus“, scherzt sie.

Obwohl sie in mehr als 20 Rennen als Letzte ins Ziel kam, dachte die robuste Natur niemals ans Aufgeben. „Ich laufe immer mit meinem Kopf und meinem Herzen. Und wenn es wirklich hart wird, dann sage ich mir: Ich will es, und daher kann ich es. Faul sein darf ich morgen. Außerdem möchte ich unbedingt diese Finishermedaille.“ Wer auf der ganzen Welt lief, hat nicht nur viele Freunde gewonnen, sondern weiß ebenso unzählige Geschichten zu erzählen. Damit ihr Erfahrungsschatz nicht verloren geht, fasste sie das Erlebte in ihrem neuesten Buch „Your pace or mine“ zusammen. Das Schreiben ist sie gewohnt, immerhin verdient sie ihren Lebensunterhalt unter anderem als freischaffende Journalistin. Dementsprechend unterhaltsam fällt das Werk aus.

Das Fazit ihres bisherigen Sportlerinnen-Lebens? „Nur weil ich im 100 Marathon Club angekommen bin, bedeutet das noch lange nicht das Ende meiner Karriere. Im Gegenteil. Laufen ist meine Fun-Time, die ich mir nach einem harten Arbeitstag redlich verdient habe. Außerdem möchte ich noch viele Orte erlaufen und neue Menschen kennenlernen“, so das unermüdliche Energiebündel, und sie fügt den wohl entscheidendsten Punkt hinzu: „Durch das Laufen lernte ich, an mich zu glauben. Heute weiß ich, dass ich alles schaffe, was ich beginne – gleich, wie lange ich dafür brauche!“

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