Alleingang mit Anschluss

Der Chicago Marathon

Die Teilnahme am legendären Chicago Marathon ist schon ein Highlight für sich. Doch was dieses Mal im Vorfeld, unterwegs und zum Schluss der Veranstaltung alles passierte, grenzt an einen Sechser im Lotto.
Text: Jochen Schmitz | Fotos: Bank of America Chicago Marathon

Die Leser des Reisemagazins Condé Nast Traveler wählten 2018 die Stadt Chicago zum wiederholten Male zur „Best Big City in the U.S.“. In dieser Metropole wird einer der prestigeträchtigsten Marathons der Welt ausgetragen. Dieser Event sollte der gemeinsame Abschluss einer tollen Laufsaison werden. Eigentlich. Die Reise begann dann doch als Single-Trip und endete als sportlicher Ausflug mit jeder Menge Begegnungen, bei denen der Zufall gehörig seine Finger im Spiel hatte. Aber der Reihe nach:

Die Vorgeschichte lief nicht ganz optimal an

Der Chicago Marathon zählt zu den sogenannten World Marathon Majors. Das ist ein Zusammenschluss der sechs größten und renommiertesten Marathons der Welt. Dazu gehören neben Chicago die Rennen in Berlin, New York, Boston, Tokio, London. Im Gegensatz zu diesen genannten Läufen ist es in Chicago mit etwas Glück gut möglich, über das übliche Anmeldeprozedere via Homepage einen Startplatz zu ergattern. Meinem Freund Christian, dem Läufer-Doc, war dieses Glück hold und er erhielt einen solchen Slot.

Christan musste mich nicht lange dazu überreden, unsere Laufsaison 2018 in Chicago gemeinsam stilvoll ausklingen zu lassen. Also kümmerte ich mich ebenfalls um einen Startplatz. Nachdem wir in den touristischen Planungen sowie Trainings-Vorbereitungen ziemlich weit fortgeschritten waren, machte Christians Achillessehne uns einen Strich durch die Rechnung. Somit flog ich also leider alleine in die drittgrößte Stadt der USA am Südwestufer des Michigansees im Bundesstaat Illinois.

Unverhofftes Treffen mit zwei alten Profis

Neugierig zog es mich am Freitag des Wettkampf-Wochenendes zur großen Pressekonferenz ins Media Center. Wo ich bereits im Vorraum auf Prof. Helmut Winter traf. Seit Jahren schreibt der Berliner Akademiker Fachartikel für RUNNING – Das sportliche Laufmagazin. Des Weiteren zählt er bei großen Marathons zum Team der Zeitnahme. Das fährt direkt vor der Führungsspitze des Teilnehmerfeldes in einem Wagen, ermittelt die Time-Splits und zeigt diese an. Eine höchst verantwortungsvolle Aufgabe, schließlich orientieren sich die Athleten an diesen Angaben. Außerdem sind die Werte bei eventuellen Rekorden unerlässliche Nachweise.

Prof. Winter besitzt einen riesigen Erfahrungsschatz und prognostizierte mir, dass der Brite Mo Farah beim bevorstehenden Marathon am Sonntag in der Lage ist, Europarekord zu laufen. Während wir so fachsimpelten, gesellte sich ein dynamischer, untersetzter Herr zu uns, der freudig den Professor begrüßte. Es war niemand Geringeres als die Lauflegende Khalid Khannouchi. Der gebürtige Marokkaner und heutige US-Bürger gewann den Chicago Marathon mehrmals. Im Jahr 1999 sogar in der Weltrekordzeit von 2:05:42 Stunden. Schließlich galt der Kurs von Chicago lange Zeit als einer der schnellsten, bevor ihn Parcours wie Berlin und Dubai ablösten. Zahlreiche Rekorde – unter anderem vier Weltrekorde – wurden am Michigansee aufgestellt. Kein Wunder, die topfebene Strecke ist mit ihren vielen Geraden einfach zu bezwingen. Lediglich eine kleine Rampe kurz vor dem Ziel stellt einen spürbaren Anstieg dar. Wer auf Bestzeitenjagd gehen will, ist hier also absolut richtig.

Während seiner aktiven Zeit imponierten mir Khannouchis energiegeladener Laufstil und sein sympathisches Wesen. Er war einer der ersten großen Weltklasse-Sportler, die ich als RUNNING-Redakteur an eben dieser Stelle vor vielen Jahren interviewen durfte. Wie schön, mich nun locker mit ihm unterhalten zu können.

Plötzlich standen da Buddys aus Hamburg

Nach der Pressekonferenz ging es zur Messe im größten Kongresszentrum der Vereinigten Staaten – das McCormick Place. Bis auf die Schlangen am Security-Check wegen der gestiegenen Sicherheitsvorkehrungen gab es in der Weitläufigkeit der Hallen keinerlei Gedränge. Trotzdem zog es mich erstmal in einen der Seitengänge, wo ich prompt Chris und Paul in die Arme lief. Paul ist das zwei Meter große hanseatische Maskottchen der Chicago-Hamburg-Sister City-Connection. Ein Förderprogramm, durch das unter anderem Läufer aus Hamburg und Chicago in die jeweilige Partnerstadt reisen, privat untergebracht werden und gemeinsam am Marathon teilnehmen. Eine super Sache!

Chris selbst ist ein deutsches Nordlicht, das es vor vielen Jahren nach Chicago verschlagen hat und der sich nun ehrenamtlich sehr für dieses Projekt einsetzt. Im Rahmen einer Story durfte ich 2007 an dem Programm teilnehmen und lernte ihn dabei kennen. Chris zeigte uns damals Chicago vom Wasser aus per Boat Ride auf dem Michigansee, aus der Luft vom damaligen Sears Tower (heute heißt er Willis Tower) und aus den silbernen Waggons der Hochbahn. Wir blieben stets locker in Verbindung und standen uns nun wieder gegenüber. Seine Haare sind länger geworden, vielleicht auch eine Nuance grauer, ansonsten ist er immer noch der plietsche Hamburger Jung. Nach einem ausgedehnten Schnack verabredeten wir uns für Sonntag am Cheering Point der City-Connection.

Das Essen besser nicht dem Zufall überlassen

Nach der Messe fand ich direkt an der Metrostation Cermak-McCormick Place die wunderbare Sportsbar Windy City Ribs & Whiskey. Mein Tipp: Einfach an der Bar ein Pulled-Pork-Sandwich bestellen, genießen und währenddessen mit den Einheimischen über die im TV laufenden Sportarten diskutieren. Dabei ist es unwichtig, ob es um Football, Eishockey, Baseball, Basketball oder Fußball geht, Chicago ist mit mindestens einem Team in den Profiligen vertreten. Am Marathon-Wochenende gibt es in der ganzen Stadt in allen möglichen Restaurants Vergünstigungen. Das funktioniert so, dass Läufer ihre Startnummer vorzeigen und entsprechende Rabatte bekommen. Meist sind das 26,2 Prozent auf den Preis des Gerichtes oder Getränks. Die Zahl existiert deshalb, weil 42,195 Marathon-Kilometer ziemlich genau 26,2 amerikanischen Meilen entsprechen.

Vor dem Lauf empfiehlt sich dazu ein Besuch im Restaurant The Florentine, wo mit diversen Pasta-Varianten die Kohlenhydratspeicher aufgefüllt werden können. Nach erfolgten Wettkampf-Taten lässt sich in Benny’s Chop House der angegriffene Proteinhaushalt mit fabelhaften Steaks auf Vordermann bringen. Für den Augenblick wählte ich jedoch die Erlebnisgastronomie Punch Bowl Social. Zwischen Vorspeise und Hauptgang dürfen die Gäste dort mal fix auf der Bowlingbahn verschwinden oder können Giant-Jenga-Holzklötze stapeln.

Carbo-Support: Die Unterstützung vom Streckenrand bewies vollen Einsatz.
Foto: Jochen Schmitz

Beim Sightseeing auf Nummer sicher gehen

Der Samstag fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins (Regen-)Wasser. In einer City dieser Größenordnung stellt das kein Problem dar. Da ich jedoch nicht durch eines der zahlreichen Museen latschen beziehungsweise in den unendlichen Weiten der Shoppings-Mall verloren gehen wollte, entschied ich mich für eine Crime Tour. Gemütlich im trockenen Bus sitzend, klapperte unsere kleine Touri-Gruppe die einstigen (S)hot-Spots von Al Capone, John Dillinger und Hymie Weiss ab. Da sich die Zeiten glücklicherweise geändert haben, bereitete der sichere Weg zurück ins Hotel keine Problem. Und der Weg zu meiner nächsten Verabredung gestaltete sich noch ungefährlicher, denn ich musste nur einmal über die Straße in das gegenüberliegende Hotel gehen.

Das deutsche Laufpaar wohnte gegenüber

Im Jahr 2017 lernte ich bei der legendären Nudelparty des New York Marathon das deutsche Pärchen Kathrin und Chris kennen. Im Big Apple wandelten die beiden auf den Spuren von Kathrins Vater, der 24 Jahre vor ihnen den New York Marathon finishte. Zu seiner Überraschung liefen die beiden nicht nur dort mit, sondern fertigten für ihn auch eine Fotocollage an. Anschließend überraschte Chris dann noch Kathrin, indem er ihr im Zielkanal einen Heiratsantrag machte. All das ist in einer Reportage in der RUNNING-Ausgabe 6/2018 nachzulesen. Im Nachgang zu jenem Artikel erwähnte Chris in einem Telefongespräch, dass ihr nächster Marathon in Chicago sein wird.

Ich wusste also, dass sie vor Ort sind. Als ich mich vor meiner USA-Abreise bei den beiden nach ihrer Unterkunft erkundigte, nannten sie mir ein Hotel, vis-à-vis von meinem. Ein (weiterer) ausgesprochener Zufall bei einer unüberschaubaren Anzahl an Quartieren in dieser Stadt. So trafen wir uns also wieder. Leider hatte sich Kathrin einen Ermüdungsbruch zugezogen und musste ihren Start kurzerhand streichen. Auf meine Frage, warum es denn nun nach New York ausgerechnet Chicago als nächster Marathon sein darf, entgegnete mir Chris: „Wir haben uns zusammen das Ziel gesetzt, einmal alle World-Marathon-Majors-Rennen zu laufen und die spannenden Städte mit einer schönen Reise zu verbinden.“

Auf ihren Fuß blickend fügte Kathrin hinzu: „Deshalb hoffe ich, meine offene Rechnung mit Chicago so bald wie möglich begleichen zu können.“ Bevor wir uns zum privaten Teil des Abends an die Bar verfrachteten, interessierte mich noch, welche Unterschiede zu New York die beiden erkennen. Kathrin sah eher die Gemeinsamkeiten: „Die Mentalität der Läufer und Zuschauer in New York und Chicago ist vergleichbar und allgemein sehr, sehr unterschiedlich zu Deutschland. Es kommen so viele Zuschauer an den Streckenrand, die gar nichts mit Laufen am Hut haben“. Für Chris ergaben sich hingegen Differenzen: „Chicago ist im Vergleich wie die ruhige, kleine Schwester. Deutlich entspannter und lebenswerter und man steht weniger unter Strom. Trotzdem hat man auch in Chicago riesige Hochhäuser und eine lebhafte Künstlerszene.“

Die Sister-Connection hielt mich über Wasser

Das Geräusch von kräftig auf die Fensterscheibe klatschenden Regentropfen schreckte mich am Sonntagmorgen auf. Es waren zwar noch einige Stunden bis zum Rennbeginn, doch ein Blick gen Himmel verhieß nichts Gutes. Seit 2006 hatte es beim Chicago Marathon nicht mehr geregnet. Das sollte wohl heute alles nachgeholt werden. Bevor es dann tatsächlich losging, wurde aus den Schauern Nieselregen. Im Startareal am Columbus Drive präsentierte sich die Crowd entsprechend präpariert, mit Mützen, Regencapes und tatsächlich auch Einweg-Gamaschen für (Lauf-)Schuhe. Ich stand in der zweiten von insgesamt drei Wellen. Die Skyscraper vor uns waren wolkenverhangen, der Michigansee zur Rechten türmte immer größer werdende Wellen auf und die City zur Linken konnte man durch den nun doch wieder stärker werdenden Regen kaum ausmachen.

Zum Glück ertönte bald das Auftaktsignal und der Pulk schob langsam los. Ziemlich genau bis Kilometer zwölf führte die Strecke stets in Richtung Norden, ausgenommen von einem kleinen Schlenker durch Downtown. Dabei flitzten wir vorbei am Zoo, dem Botanischen Garten und durch den Lincoln Park, bevor der Parcours dann entgegengesetzt kehrt macht. Genau an diesem Wendepunkt öffnete der Himmel alle Schleusen. Das zuvor praktizierte Umlaufen von Pfützen ergab keinen Sinn mehr. Wir wurden nass bis aufs Knochenmark.

Egal. „Erstmal durchhalten bis Kilometer 15“, dachte ich mir. Dort stand die Community der Chicago-Hamburg-Sister-City-Connection. Schon von Weitem erkannte ich sie an der Fahne mit der Raute. Dietrich Stegert empfing mich mit einem heißen Cappuccino. Wir kennen uns seit Jahren von diversen Laufevents, er ist so etwas wie das Pendant zu Chris auf Hamburger Seite – auch wenn er das nicht gerne hört. Ich freute mich selten so über seinen Anblick wie in diesem Moment. Die Herzlichkeit der Jungs, komplettiert durch das Heißgetränk (nochmals danke Dietrich!) spornten an für die noch bevorstehenden Kilometer.

Unter 45.000 Läufern gibt es ein Wiedersehen mit Vincent

Ungefähr auf Höhe der Startlinie, ein paar Blocks nach Süden versetzt, knickt der Kurs bei der Halbmarathon-Marke ab nach Westen. Langsam, ganz langsam verzogen sich die dunklen Wolken. Typisch für die Strecke in Windy City sind die diversen Stadtteile mit ihren ethnischen Charakteren. Wo eben noch die Regenbogenfraktion ein lautes „Y.M.C.A.“ in bester Village-People-Manier schmetterte, ertönte im nächsten Moment Mariachi-Musik. Kurz: Das miserable Wetter konnte der Stimmung nichts anhaben. Einfach unglaublich. Nun verstand ich, warum die Hamburger Chicago als Sister City wählten – dort ist das Durchhaltevermögen des Publikums bei Schietwetter genauso ausgeprägt … Wir verließen die westliche Route, durchquerten in südlicher Richtung Little Italy und Chinatown.

Dann geschah das erhofft Unmögliche: Auf einmal stand er tatsächlich neben mir, mein ehemaliger Nachbar und guter Kumpel Vincent aus Berlin! Uns war zwar klar, dass wir beide vor Ort sein würden, wir hatten aber unterschiedlich gebucht und starteten in verschiedenen Wellen. Aus Spaß beschlossen wir vorab, die finalen Marathon-Kilometer gemeinsam zu bestreiten. Das war bei einem Teilnehmerfeld von über 45.000 Sportlern natürlich nicht ernst zu nehmen. Umso verdatterter fielen wir uns in die Arme. Kurz danach erreichten wir Kilometer 37, wo die Strecke einen U-Turn machte. Zu zweit gestaltete sich der Heimweg gen Norden spielend. Passend zu unserem Wiedersehen riss sogar der Himmel etwas auf. Selbst die besagte Rampe zum Ende hin stellte kein Hindernis dar.

"You are everywhere!" Marathon-Weltrekord-Halterin Paula Readcliffe teilte Medaillen aus ... auch Jochen Schmitz, der sie kurz zuvor mehrfach getroffen hatte.
Foto: Vincent Dornbusch

Meister Zufall setzte noch einen drauf

Ziemlich zufrieden passierten wir beide die Ziellinie. Nun könnte die Story an dieser Stelle mit all ihren unerwarteten Begegnungen ebenso am Ziel sein, jedoch setzte Meister Zufall noch einen drauf: In den Tagen vor meiner Chicago-Reise führte ich innerhalb von kürzester Zeit zwei Interviews mit der Marathon-Weltrekord-Halterin Paula Radcliffe. Und wer stand da nun im Finisher-Kanal und teilte Medaillen aus? „You are everywhere“, sagte sie lachend und hing auch mir einen Tätigkeitsnachweis um. Zufälle gibt es … Wahnsinn! Kein Zufall war hingegen der neue Europarekord von Mo Farah in 2:05:11 Stunden, mit dem er das Rennen gewann. Prof. Winter hatte mal wieder Recht behalten. Und ich halte abschließend fest: Als Läufer bist Du nie allein, ganz gleich ob mit oder ohne Wink(e) vom Schicksal.

Redaktion
Jochen Schmitz
Jochen Schmitz, Chefredakteur, Ökotrophologe und Buchautor, leitet unser Magazin mit Leidenschaft und Unermüdlichkeit. Bevor er Sportjournalist wurde, arbeitete er am Institut für Sporternährung, wo er unter anderem internationale Spitzensportler betreute.
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