Die geheime Bruderschaft der Ultras

Der Barkley Marathon

Seit fast 30 Jahren quälen sie sich Tage und Stunden durch das unwegsame Gelände des Frozen Head State Parks im US-Bundesstaat Tennessee, um schlussendlich doch zu scheitern: die Teilnehmer des Barkley Marathons.
Text: Edith Zuschmann | Fotos: Geoffrey Baker

Er gilt als das schwierigsten Ultrarennen der Welt mit 100 Meilen und 18.000 positiven Höhenmetern, die in einer Zeit von unter 60 Stunden bezwungen werden müssen. Um diesen Lauf ranken sich Legenden, Tatsachenberichte sind rar, Fotos selten – wir werfen einen Blick auf den (fast) unbezwingbaren Mythos.

Sein durchtrainierter Körper und sein kantiges Gesicht verraten den Amerikaner Jason Poole beim ersten Hinsehen: Er ist ein Ausdauerathlet – um genauer zu sein: ein ganz harter Knochen. Mehrfach wurde er zum besten US-amerikanischen Orientierungsläufer gekürt, bei zahlreichen Ultras platzierte er sich in den Top-Rängen. Wenn Jason beginnt, über den Barkley zu erzählen, verschwindet sein gewinnendes Lächeln. Mit einem Schlag ist er wieder dort, auf den Hängen des Frozen Head State Parks, und scheint erneut die zermürbenden Schmerzen zu erleben – ebenso wie das unerträgliche Scheitern. Sechs Mal trat er an, sechs Mal warf ihn der Barkley erbarmungslos ab.

Mit dem „Stempel“ DNF ist der 41-Jährige in guter und großer Gesellschaft. Seit der ersten Austragung 1986 traten über 1.000 Läufer an, gerade einmal 14 Männer schafften es, die fünf Runden zu jeweils 20 Meilen innerhalb der Karenzzeit zu beenden. Mehrheitlich stiegen die Teilnehmer bereits nach der ersten Runde aus. Keine der gestarteten Frauen kam über die dritte Runde hinaus. „Dass sie scheitern, gefällt Laz, dem Organisator und Renndirektor“, erklärt Jason mit einem Seufzer und fügt hinzu: „Er hat eben eine sehr merkwürdige Art von Humor.“

Idee basiert auf einem Gefängnisausbruch

Der Hang zum Außergewöhnlichen brachte Gary „Laz“ Cantrell und seinen Freund Karl Henn auf diese verrückte Idee, die auf einem Gefängnisausbruch berht. James Earl Ray, dem Mörder von Martin Luther King Jr., gelang die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis Brushy Mountain in den Bergen von Tennessee. Die Freiheit blieb nur von kurzer Dauer: Nach 54 Stunden fasste man ihn völlig entkräftet nur 13 Kilometer vom Gefängnis entfernt. Dem Ultrasportler Laz kostete das Ereignis genau einen trockenen Kommentar: „Ein Läufer kann mindestens 100 Meilen in drei Tagen schaffen.“ Den Beweis dafür sollte der Barkley Marathon durch das gefürchtete Terrain des Frozen Head State Parks liefern.

Weil es sich um etwas Verrücktes handelte, legten Laz und Karl den Renntermin auf Anfang April. Ein läuferischer Aprilscherz mit viel Schmerz sollte es werden. 14 Starter erschienen zur Premiere. Alle scheiterten. Auch wenn seine Beweislieferung misslang, schien Laz mit dem neuen Rennimage zufrieden. Als beim dritten Anlauf ein Teilnehmer tatsächlich das Ziel des damals noch 55 Meilen langen Bewerbs sah, reagierte Laz kurzerhand mit einer Verlängerung der Strecke. Ein Jahr später galt es, 100 Meilen, aufgeteilt auf fünf 20-Meilen-Loops, gespickt mit satten 18.000 Höhenmetern innerhalb von 60 Stunden zu bewältigen. Mr. Cantrell wollte wieder alle scheitern sehen.

Strengen Karenzzeiten

So ist es heute noch: Kaum scheint ein Athlet die Aufgabe zu meistern, legen Laz und Karl während des Rennens nach, bauen willkürlich Hindernisse ein oder ändern die Regeln. Zusätzlich überraschen sie jedes Jahr mit Kursadaptierungen. „Wiederholungstäter“ sollen sich nicht in Sicherheit wiegen. Was bleibt, sind die strengen Karenzzeiten. Die ersten 20 Meilen müssen innerhalb von zwölf Stunden gelaufen werden, die ersten 60 Meilen in 40 Stunden. Minimalismus gilt beim Barkley als oberstes Credo. Keine farbenprächtige Eventarena, keine Expo, keine Markierung, keine Streckenbetreuung – nichts. Der Waldplatz am Eingang des Parks wirkt eher wie ein kleines Pfadfinderlager. Nur die Autoschilder aus allen Teilen der Welt bringen Farbe an den Ort des Leidens. Sie sind Teil der Startgebühr: jeder Teilnehmer muss ein Schild mitbringen und zur Sammlung hinzufügen.

Spartanisch mit einer Landkarte, einem Kompass und einer Wegbeschreibung ausgestattet begeben sich die Ultras auf die Strecke. Auf dem Rücken trägt jeder seine Verpflegung mit sich. Elektronische Geräte und GPS-Uhren sind strengstens untersagt. Damit jeder Teilnehmer tatsächlich den vorgegebenen Kurs absolviert, verstecken die Organisatoren elf Bücher an neuralgischen Punkten. Entsprechend seiner Startnummer muss der Läufer die jeweilige Seite herausreißen. Nach Abschluss jeder Runde übergibt er die gesammelten Stücke zur Kontrolle an Laz. Von ihm erhält er im Gegenzug eine neue Nummer, damit die Prozedur auch auf dem nächsten Loop funktioniert. Wer zu wenige Seiten vorbeibringt, ist aus dem Rennen.

Auf sich selbst gestellt

Mehr als die Hälfte der Strecke führt durch Dickicht, fern eines erkennbaren Weges. Nur selten ist rhythmisches Laufen möglich. Tiefe Schürfwunden stehen auf der Tagesordnung. Selbsthilfe ist angesagt, denn medizinische Betreuung gibt es nicht. Das ist mit einer Anmeldegebühr von 1,60 US-Dollar pro Teilnehmer nicht finanzierbar, ebenso wenig wie organisierte Verpflegung. Gerade einmal zwei verwaiste Wasserstationen gibt es entlang der Strecke. Jeder ist auf sich selbst gestellt. Betreuung durch Dritte führt unweigerlich zur Disqualifikation. Zu den harten Regeln kommt noch das unwirtliche, regnerische und oft neblige Aprilwetter Tennessees erschwerend hinzu.

Doch das Zermürbendste für Jason ist „der Versuchung zu widerstehen sich nach einer geschafften Runde einfach hinzulegen und zu schlafen. Wäre es ein Punkt-zu-Punkt-Rennen, hätten bereits mehr Läufer gefinisht. Der Gedanke, nochmals den Wahnsinn zu laufen, killt dich.“ Den Widrigkeiten zum Trotz: Der Barkley macht süchtig. Wer einmal scheitert, begehrt noch mehr. Es braucht weitaus mehr als Ausdauer und Orientierungsfähigkeit. Wissen über die Natur, extreme mentale Stärke und Kontrolle über sich selbst sind die geforderten Fertigkeiten, um in Richtung Ziel zu kommen. All das scheint Brett Maune zu besitzen, der als einziger Teilnehmer den Barkley zwei Mal erfolgreich bezwang. Bei seinem Sieg 2012 stellte er mit 52 Stunden, 3 Minuten und 8 Sekunden einen neuen Streckenrekord auf.

Das etwas andere Rennen

Der Preis für die Strapazen? „Laz sagt zum Sieger: du musst nicht mehr hinaus auf eine sechste Runde“, witzelt Jason. Das war es auch schon. Wobei der tiefe Respekt der Mitstreiter und die Aufnahme in eine der erlesensten Reihen des Ultrasports weitaus mehr wiegt als Trophäen und Preisgelder. Dieses Rennen ist eben anders.

Auch Jason träumt davon. Wann er den nächsten Versuch startet, weiß er noch nicht. Fix ist, dass er sich dafür nur an einem einzigen Tag im Jahr anmelden kann. Es ist die Weihnachtsnacht, in der Punkt Mitternacht das dafür vorgesehene Anmeldeformular an Laz zu schicken ist. Die E-Mail-Adresse muss jeder Antrittswillige selbst herausfinden. In der Barkley-Community wird nicht viel geredet. Der aufkommende, weltweite Hype widerstrebt so manchen Barkley-Veteranen.

Es ist diese Sehnsucht, in den erlesenen Kreis zu gelangen, die Hunderte Abenteurer aus aller Welt anzieht. Wer schlussendlich in den schmerzhaften Genuss kommt, entscheidet der Zufall oder eben einfach Laz. Die Glücklichen erhalten ein persönliches Schreiben. Eine amtlichte Teilnehmermeldung gibt es nicht. Ebenso wenig, wie eine offizielle Homepage. Wer es nicht auf Anhieb in die Starterränge schafft, landet auf der Warteliste, die übrigens an alle Interessenten versendet wird. Ob Jason Laz zu Weihnachten kontaktieren wird, behält er für sich. Er verrät nur so viel: „Wenn ich antrete, dann will ich die fünf Runden beenden. Mit einer noch gezielteren Vorbereitung – mental und körperlich – werde ich es schaffen“, meint er selbstbewusst. Und doch weiß er aus leidvoller Erfahrung: Es ist ein erbarmungsloser Weg.

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