Das Átjan Wild Islands Festival

Trailrunning auf den Faröer-Inseln

Erst 2018 wurden die Färöer-Inseln fürs Trailrunning entdeckt. RUNNING-Autor und Ultraläufer Stefan Schlett war beim Átjan Wild Islands Festival dabei und hat die Trails der Inseln unter die Lupe und die Laufschuhe genommen.
Text: Stefan Schlett | Fotos: Veranstalter

Benannt nach dem altgermanischen Donnergott Thor ist die Hauptstadt Tórshavn (Thor’s Hafen) mit 20.000 Einwohnern eine der kleinsten und angenehmsten Hauptstädte der Welt. Hier stehen auch die einzigen drei Verkehrsampeln des Landes. Das historische Stadtviertel mit seinen alten Holzhäusern besteht aus einem Wirrwarr von Gassen und schmalen Durchlässen, von Stufen und Felsen, sowie niedrigen, schwarz geteerten Häusern mit weißen Fensterrahmen und grünen Grasdächern. Was man sieht, ist in der Tat ein echter, aus dem Mittelalter erhaltener Stadtkern, der niemals einer vernichtenden Feuersbrunst zum Opfer gefallen ist, wie es sonst mit fast allen skandinavischen Städten aus jener Zeit der Fall war.

Schroffes Land: Laufen auf den Faröer-Inseln heißt forderndes (aber wunderschönes) Trailrunning.
Foto: Veranstalter

Thorshavn: Grüne City

Eine weitere Besonderheit sind Grünflächen mitten in der Stadt, auf denen ganze Schafherden weiden. Tórshavn ist alt und modern zugleich. Hier gibt es das Gleiche wie in der großen Welt, nur in kleinerem Umfang und konzentrierter. Von Henry Kissinger kursiert ein böser Witz über die Färöer-Inseln. Damals war er nicht mehr Diplomat mit Pflicht zur Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten. Auf einer Pressekonferenz sinnierte er über die Färöer, nachdem ein Journalist gesagt hatte, er käme von dort: „Ach ja, das sind doch die Inseln, wo die Wikinger auf dem Weg nach Island ihre Seekranken abgesetzt haben…“ Neben einer Handvoll lokaler Volksläufe war der seit 2003 ausgetragene Tórshavn-Marathon, der als kleinster Hauptstadt-Marathon der Welt gilt, die einzige Laufveranstaltung des Landes mit internationalem Charakter. Hier setzte der Deutsche Raoul Jankowski, der sich auf seiner Facebook-Seite als „Weltreisender Marathonläufer“ bezeichnet, in den letzten Jahren seine Duftnote. Von 2017 bis 2019 gelang dem für Hannover Athletics startenden Läufer ein Hattrick, wobei er jeweils mit neuem Streckenrekord siegte.

Átjan Wild Islands Festival: Eine wilde Mischung

Das Átjan Wild Islands Festival, das nun zum zweiten Mal dem Globus der Trailrunner hinzugefügt wurde, ist ein hybrides Event, bei dem Trail-Laufen mit Outdoor-Aktivitäten vermischt und mit Kunst, Kultur und Musik gekreuzt werden. Von Mittwoch bis Sonntag bieten fünf spannende Tage sportliche Abenteuer, Partys mit einheimischen Top-DJs und Künstlern, Nachtrennen in den Bergen, einen „Pub-Crawl-Run“ (im übertragenen Sinne ein Rennen von Kneipe zu Kneipe), Mini-Filmfestival, Workshops und Vorträge sowie viel gute Laune. Dazu gibt es jeden Morgen ein Kaltwasserschwimmen im zehn Grad kalten Atlantik in einer kleinen geschützten Bucht am Rande Tórshavns, mal mit, mal ohne einen künstlichen Heißwasserpool, um die schockgefrosteten Glieder wieder ins Leben zurückzuholen. Das tolle Gefäßtraining kann optional mit einer Yoga-Session zur Kontemplation verbunden werden. Nicht zu vergessen sind natürlich die vier traumhaft schönen Trails über 10, 21, 42 und 60 Kilometer mit unzähligen Höhenmetern. 400 Anmeldungen aus 25 Ländern und vier Kontinenten bedeuteten schon mal eine Verdoppelung gegenüber der Premiere. Sieben Teilnehmer, die sich auf alle vier Rennen aufteilten, waren sogar extra aus Hongkong angereist! Átjan bedeutet übrigens in der färöischen Sprache die Zahl 18 und steht für die 18 Hauptinseln, aus denen der Archipel besteht.

Im Hafen findet am Morgen eine Yoga-Session statt.
Foto: Veranstalter

Trailrunning in purer Natur

Weit weg vom Staub der Kontinente, ohne Massenauflauf, schreiendes Publikum und sonstiges Halligalli konnte der Trailpilger in der sauberen und klaren Luft des Nordatlantiks die wilden und archaischen Landschaften der Färöer genießen. Auch wenn Kissingers Anspielung nur scherzhaft gemeint war, hier muss jeder Kranke in kurzer Zeit genesen, vor allem Allergiker fühlen sich auf diesen Inseln wohl. Alle vier Parcours starteten am Samstag zu unterschiedlichen Zeiten im kaum besiedelten äußersten Norden der Hauptinsel Streymoy, eine knappe Fahrstunde von Tórshavn entfernt. Gemeinsames Ziel war Tjørnuvík, das nördlichste Dorf der Insel, mit nur 65 Einwohnern. Weitgehend autonom, mussten die beiden kürzeren Strecken ohne Verpflegungsstellen auskommen, beim Marathon und Ultra hingegen waren ein halbes Dutzend Labestellen aufgebaut. Zudem stand jederzeit Quellwasser aus sauberen Gebirgsbächen zur Verfügung.

Pflichtausrüstung beim Trailrunning: Auf Wetterwechsel vorbereitet

Eine Pflichtausrüstung war für jeden Teilnehmer penibel vorgeschrieben. Schon in eigenem Interesse. Auch bei schönstem Wetter kann innerhalb kürzester Zeit die Hölle los sein. Auf den Färöern ist es möglich, alle vier Jahreszeiten an einem Tag zu erleben. Das Seeklima bedingt sehr wechselhaftes Wetter. Strahlender Sonnenschein, Nebelbänke und Regenschauer lösen einander in rascher Folge ab. Der die Inseln umspülende warme Meeresstrom bewirkt ein mildes Klima. Es bildet sich niemals Meereseis und auch die Wintertemperaturen sind mit durchschnittlich drei Grad Celsius angesichts der recht nördlichen Lage ziemlich hoch. Im kurzen Sommer beträgt der Schnitt elf Grad Celsius. Wie in den meisten Regionen des Nordens gibt das Land seine Schönheit und natürliche Ästhetik nur in homöopathischen Dosen preis. Dicke Nebelschwaden und rund 280 Regentage im Jahr lassen die Landschaft oft hinter einen grauen Schleier fallen. Am Renntag war der nordische Wettergott gut gelaunt und genehmigte seinen laufenden Gästen einen der restlichen 85 Tage.

Schuss und los: Der Startschuss erfolgt beim Átjan Wild Islands Festival aus dem Gewehr.
Foto: Veranstalter

Strahlender Start für das Trailrunning-Rennen

Ein brillanter Tag, wie es ihn nur im hohen Norden gibt, mit stahlblauem Himmel und unendlichem Weitblick, läutete um sechs Uhr morgens den Start der Ultraläufer ein. Die kürzeren Strecken folgten wenige Stunden später. Am Start des Halbmarathons, der auf einem Sandstrand am Fuße des Koppenni stattfindet, des mit 790 Metern höchsten Bergs der Insel, treffe ich die beiden einzigen deutschen Teilnehmerinnen. Katharina und Frauke haben sich beruflich in Dubai kennengelernt, die eine lebt und arbeitet mittlerweile in Kopenhagen, die andere in Zürich. Sie nutzen diesen Trip für ein sportliches Wiedersehen und sind total begeistert von der herben Schönheit und Abgeschiedenheit der Inseln. Eingerahmt wird der pittoreske Startplatz am Ende eines langen fruchtbaren Tals, dem Saksunardalur, von sattem Grün auf steilen Hängen von denen mehrere Wasserfälle herabstürzen. Darüber erheben sich die Berge, vom Gräsungsland ansteigend zu den langen, schwarzen Felsbändern, die sich stockwerkartig auftürmen. Die Felsbänder sind Kanten gewaltiger Basaltschichten, die unterseeische Vulkane hier im Tertiär vor bis zu 60 Millionen Jahren aufgebaut haben. Auf butterweichen, feuchten und saftigen Trails dringen wir nun in diese hoch gelegenen Regionen ein.

Rennverpflegung vom Sternekoch

Mittlerweile gab es am ersten Versorgungsposten für die Ultra- und Marathonläufer KOKS. Wer jetzt zuerst an dieses weise Pulver denkt, kennt nicht die Gourmet-Branche. KOKS ist das erste und bisher einzige Restaurant auf den Färöern, das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. 2019 kam sogar noch ein zweiter Stern dazu. Chefkoch Poul Andrias Ziska, der die einzigartige Landschaft der Färöer-Inseln sowie deren Geschmack, Aromen und Gerüche in seine Gerichte überträgt, unterhält hier eine Außenstelle mitten auf der grünen Wiese. Eine Verpflegungsstelle mit zwei Michelin-Sternen dürfte einzigartig auf der Welt sein! Nicht wenige verweilten hier erheblich länger als geplant und genossen den unerwarteten Luxus.

Vom Craftbier bis zur Gourmetküche können sich die Teilnehmer des Átjan Wild Islands Festival über beste Verpflegung freuen.
Foto: Veranstalter

Die Skyline des Langafjall

Höhepunkt der Strecke war die Passage über die „Skyline-Ridge“ des Langafjall, einem ausgesetzten Felsgrat. Ein saukalter Wind hielten Geist und Konzentration wach und bei ansonsten perfekten Bedingungen eröffnete sich ein außerirdisches Landschaftskino. Wenig später, beim finalen Abstieg, tauchte der 880 Meter hohe Slættaratindur auf. Als dann noch tief unten der Zielort Tjørnuvík mit seinen beiden markanten, am Ende der Meeresbucht liegenden Felsnadeln Risin und Kellingin ins Bild rückte, wurden sämtliche Emotionen frei gesetzt. Das war eine Outdoor-Messe, die keinen unberührt ließ. Diese Landschaft nahm schon fast religiöse Züge an und die Färöer wirkten wie ein einziges großes Oratorium. Ein göttlicher Tag in der färöischen Bergwelt – hier wollte man gar nicht mehr runter!

Speis und Trank

Aber irgendwann war man dann doch unten. Beim Zieleinlauf am schwarzen Lavastrand gab’s neben obligatorischer Holzmedaille eine Dose leckeres Craftbier zur Stärkung und beim Bad im eiskalten Meer wurde dem müden Body wieder Leben eingehaucht. Zum Aufwärmen ging’s in die Gemeindehalle, wo die köstlichste Gemüsecremesuppe im Nordatlantik serviert wurde und die Dorfköchinnen gar nicht glauben konnten, welche Mengen diese verrückten Trailläufer verschlingen können. Als dann nach 14 einhalb Stunden der letzte Ultraläufer sicher das Ziel erreicht hatte, konnte der finale Shuttlebus zurück nach Tórshaven zum Start der zünftigen Post-Race-Party fahren. Bei der Kaltwassertherapie am nächsten Morgen, nach dem Frühschwimmen im Meer, treffe ich im Hot Pool doch noch auf eine Deutsche – na ja, zumindest eine deutschsprachige Teilnehmerin. Maria aus Darmstadt, ausgewanderte Schweizerin, scheiterte zwar bei ihrem ersten Ultratrail und musste wegen einer Verletzung nach 25 Kilometern aufgeben, war aber mitnichten enttäuscht, sondern total begeistert von dieser magischen Location.

Kalt, einsam, wunderschön: Selbst im Sommer kann das Wetter auf den Faröer-Inseln herausfordernd sein.
Wissenswertes

Die Faröer-Inseln

Die Färöer-Inseln – das sind achtzehn grüne Juwelen, die steil aus dem kobaltblauen Wasser des Nordatlantiks ragen. Bevölkert von 52.000 Menschen und 70.000 Schafen liegt die zu Dänemark gehörende, aber autonome Inselgruppe auf halbem Weg zwischen Schottland und Island, am 62. nördlichen Breitengrad inmitten des Golfstroms. Im Mittelpunkt des färöischen Archipels, dessen Gesamtfläche kleiner ist als die von London, liegt die Hauptstadt Tórshavn. Die Färöer sind nicht Teil der EU und bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft mit Island. Die ältesten Siedlungsspuren stammen aus der Spätantike. Wichtigster Erwerbszweig ist die Fischerei und fischverarbeitende Industrie sowie die Schafzucht. Es gibt auf den Färöern zudem eine ausgeprägte Kulturszene, die reich an literarischen, musikalischen und künstlerischen Produktionen ist.

Reise-Tipps

Zur Einreise genügt ein gültiger Reisepass. Der Zeitunterschied beträgt eine Stunde zur Mitteleuropäischen Zeit. Währung ist die Färöische Krone, die der dänischen Krone (DKK) gleichgestellt ist. Die Einheimischen sprechen das Färöische, eine selbständige nordgermanische Sprache, Dänisch, skandinavische Sprachen und Englisch. Die Färöer sind nur zwei Flugstunden vom europäischen Festland entfernt. Die färöische Fluggesellschaft Atlantic Airways fliegt mehrmals täglich von Kopenhagen auf die Färöer und unterhält regelmäßige Verbindungen von England, Norwegen, Island, Frankreich und Spanien.

Auch mit dem Schiff sind die Färöer ganzjährig zu erreichen. Die Reederei Smyril Line bietet mit einer Passagier- und Autofähre fahrplanmäßige Verbindungen zwischen Dänemark, Färöer und Island. Die zweitägige Überfahrt ist zugleich eine gute Adaption an das Nordlandklima.

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