1.200 Kilometer über die Alpen

Der Versuch, von Innsbruck nach Nizza zu laufen

Große Projekte erfordern eine genaue Planung, viel Mut, Kraft und Herz. Ich habe versucht, innerhalb von 21 Tagen die Alpen laufend zu überqueren – es blieb beim Versuch. Warum dieser für mich fast genauso viel wert ist wie das Ziel, erzähle ich nun.
Fotos & Text: Adrian Niski

Ich schaue immer wieder auf mein Smartphone, um die Distanz und die noch kommenden Stationen bis zum Treffpunkt abzuschätzen. Dabei bewege ich mich ständig an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz – an der Grenze bin ich nicht nur geographisch, sondern auch physisch. 60 Kilometer und  4.000 Höhenmeter stecken schon in meinen Beinen und die finale Alpe Corwetsch ist noch nicht in Reichweite. Wie schon seit vielen Kilometern auf dem Fernwanderweg GTA (Grande Traversata delle Alpi) sehe ich nur verfallene Ruinen. Eigentlich träumte ich beim Planen davon, dass hier Milch und Honig fließen würden. Auf der achten Etappe Richtung Alpe Corwetsch ist dies sogar der Fall – meine Partnerin Anna wartet kurz vor der Alpe auf mich – sie ist von Innsbruck aus zu Besuch hergefahren, um mit mir die letzten 1.000 Höhenmeter nach Gondo, einem kleinen Schweizer Dorf, abzulaufen.

Tiefe Täler, weite Herzen

Während wir uns innig begrüßen, kommen bald zwei junge Mädels auf uns zugerannt. „Zwöllets mit üs z`abend esse?“ So zumindest klingt die freundliche Einladung, die wir beide nicht auf Anhieb verstehen, bis die zwei in Richtung Alpe zeigen, wo sich ein paar bunt gekleidete Personen befinden. Dort angekommen, werden wir festlich empfangen und dürfen Spaghetti, Parmesan und Schweizer Schokolade inmitten von lebenslustigen Hippies genießen. Ein bunter, netter Abend mit Schweizern – wo sich die Täler tief und eng, die Herzen jedoch offen und groß zeigen. Immer wieder werde ich  gefragt, wieso ich mich auf diesen langen Weg mache. Innsbruck – Nizza, was laut Kartendienst etwa 1.200 Kilometer mit etwa 60.000 bis 80.000 Höhenmetern (je nach Streckenwahl) bedeuten. Schon einzelne Momente, wie Läufe durch die hohen Sommerwiesen der Schweiz, in denen sich die Insekten nur so tummeln und unwahrscheinlich laut zirpen, belohnen die Anstrengung. Das sind Augenblicke, in denen es mir wieder auffällt, wie sehr sich unsere Natur in den letzten Jahren verändert hat –  früher in der Kindheit waren solche Wiesen im Sommer Normalität. Ich fühle mich verbunden mit  der Natur, und während ich in diesen malerischen Gegenden laufe, beschäftigen mich keine Alltagssorgen mehr. Ich bin im Hier und Jetzt, bewege mich nur aus eigener Kraft fort und spüre  Freiheit.

BLAU UND GRAU: Bleibt bei aller Anstrengung Zeit, die Farben der Berge zu genießen?
Foto: Adrian Niski

Drei Kilo Gepäck

Das Ziel innerhalb von 21 Tagen zu erreichen, habe ich mir nicht nur wegen meiner Vorliebe für ungerade Zahlen vorgenommen, sondern auch, weil ich mich auf meinem von mir selbst so betitelten Alpengrenzgang an die absoluten Grenzen meines psychischen und physischen Leistungsvermögens bringen will. Draußen, auf mich alleine gestellt, gilt es, ohne jegliche Hilfe von anderen zurechtzukommen. Das Nötigste zum Überleben in meinem Rucksack habe ich dabei. So wenig wie möglich, so viel wie notwendig – so bringt es mein Rucksack auf drei Kilogramm. Eine Regen- und leichte  Daunenjacke, Wechselklamotten in Form von einer zweiten Unterhose, Socken, Shirt und kurze Laufhose, welche ich  nach jedem Tag wechsle, wasche und trockne. Eine Stirnlampe, Hüttenschlafsack, Kamera, etwas Kosmetik und das Handy – mehr brauche ich für meinen „Sommerurlaub“ nicht.

Unerwartetes meistern

Begonnen hat das Abenteuer jedoch weniger nach Plan. Auf so einer Tour muss man flexibel sein und sich von Tag zu Tag neu orientieren und anpassen. Aber so nass und kalt wie auf den ersten 200 Kilometern habe ich mir meinen  Sommerurlaub nicht vorgestellt. Gerade der erste Anstieg auf meinen Hausberg, die Brandjochspitze, fordert mir alles ab, da ich beim Klettern nach kurzer Zeit meine Gliedmaßen nicht mehr spüre. Doch gerade die unvorhersehbaren oder harten Dinge sind es, über die man im Nachhinein oft schmunzeln kann. Wie auf der Etappe, bei der wir festlich speisen dürfen und ich mich im Hotel schon auf das frische Kleider- und Schuhpaket freue, das Anna mir aus Innsbruck  mitbringen würde. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass der Beutel zwar genauso wie der gepackte aussieht, aber der mit dem falschen Inhalt ist. Insgesamt fünf Jacken fische ich aus der Tasche heraus – von Schuhen, frischer Hose und Shirt keine Spur – nur blöd, dass meine Schlappen schon im Müll gelandet sind. So geht es vor Etappenstart noch barfuß in das nächste Sportgeschäft, was vor allem die Mitarbeiter dort amüsiert.

Aller Anfang ist schwer

Im Nachhinein stellt sich der kalte und regnerische Etappenstart als gar nicht so schlecht heraus, da durch das wärmer und trockener werdende Wetter das Laufen trotz der schon spürbaren Ermüdung auf den folgenden Etappen deutlich leichter und genussvoller wird. Es folgen traumhafte Sonnenunter- und Sonnenaufgänge, Postkartenpanoramen und einige erfrischende Seen, die zum Baden und Schwimmen einladen, oder ruhige Morgenstunden, die von einer Alphornbläserin in eine unglaubliche Stimmung gehüllt werden.

MOMENTE WIE DIESE: Für einzigartige Augenblicke ist es die Mühe wert.
Foto: Adrian Niski

Eine-Million-Sterne-Hotel

Die tägliche Schlafplatzsuche ist bei der fünften Etappe improvisiert – ich baue mir mein Nachtlager mithilfe einer  Regenjacke als Isomatte, gesammelten  Ästen als provisorischem Zelt und meiner frisch gewaschenen Klamotten als Zeltwand auf – die relativ unkomfortable Nacht wird am nächsten Morgen nicht nur mit zwei Schnecken auf meinen Gesicht belohnt, sondern auch mit einem unvergesslichen Sonnenaufgang, der den von Bergen umhüllten See in ein tiefes Rot hüllt. Meinen Weg in Richtung des ersten Zwischenziels, des Starts des Weitwanderwegs GTA, erreiche ich planmäßig innerhalb der ersten Woche – der ausgewiesene Weg soll nicht nur die Navigation erleichtern,  sondern verspricht auch eine gute Infrastruktur für mich. Dies stellt sich im Folgenden jedoch als falsche Hoffnung heraus, da die von mir geplante Route an einigen Alpen vorbeiführt, die allesamt verlassene Höfe und über die Jahre verfallen sind. Immer schwieriger gestaltet sich für mich die Versorgung mit  Nahrung. Dies zeigt sich auch immer stärker an meiner Verfassung. Auf der  neunten Etappe kann ich mich kaum versorgen, was dazu führt, dass ich  benommen, schummrig und orientierungslos durchs Gelände torkele.

Wissenswertes

Tipps für Etappen-Touren

Für mehrtägige Etappentouren spielt nicht nur die Essenszufuhr eine wesentliche Rolle, entscheidend sind viele kleine Komponenten, die ein solches Abenteuer zum Scheitern verurteilen können. Gerade die Routinen des Alltags sollten schnell von der Hand gehen – Schlafplatz suchen, Abendessen organisieren, die Klamotten und Material für den nächsten Tag vorbereiten und bei Bedarf/Möglichkeit der Körperhygiene nachgehen. Dinge, die im normalen Alltag keine anspruchsvolle Herausforderung darstellen, bei einer extremen Belastung jedoch überfordern können, da man körperlich und mental schon zu ausgezehrt ist. Kommt man in eine Routine und perfektioniert diese Abläufe, kann man sich nach Erledigung die nötige Ruhe geben, die Körper und Geist dringend benötigen.

Die wohl noch größere Hürde, bevor man sich der Regeneration widmen kann, stellt die Streckenplanung dar. Diese muss oft täglich wegen verschiedener Umstände, wie zum Beispiel schlechtem Wetter, geändert werden. Auch dies sollte nach der Etappe schnellstmöglich erledigt und abgespeichert werden, um mit befreitem Kopf auszuspannen. Die größte Hürde ist und bleibt die Nahrungszufuhr. Diese sollte man bestenfalls 24 Stunden im Kopf haben, da während eines langen Tages oftmals mehr Kalorien verbrannt werden, als man zu sich nehmen kann. Jede Möglichkeit, um größere Mahlzeiten zu sich zu nehmen, sollte deshalb genutzt werden. Bestenfalls hat man einige Notrationen an Nahrung im Rucksack dabei, um für Notfälle gerüstet zu sein – und natürlich trinken, trinken, trinken!

Wann ist man gescheitert?

Am nächsten Morgen starte ich meinen Weg Richtung Passo di Mottone, doch auch dieser Tag  beschränkt sich wieder auf eine Schwankerei durch das Gelände. Am Pass angekommen muss ich  mich setzen und schaffe es einfach nicht mehr aufzustehen. Eine Müdigkeit, die ich noch nie erlebt habe, überfällt mich – nach über einer Stunde Sitzen mache ich mich weiter auf den Weg über die  Alpe Lavarezzo, auf dem ich mich für den Abbruch meiner Tour entscheide. Ich habe das Gefühl,  keinen Meter weiter zu schaffen, als ich an der Bushaltestelle in Pontegrande ankomme. Auf dem Weg
im Bus Richtung Domodossola spüre ich keine Enttäuschung, ich bin froh um die neu gewonnenen Erfahrungen und Erlebnisse und muss über meinen Sommerurlaub schmunzeln. „Nächschtes Jahr machschs hald nochmal …“ Denn gescheitert wäre ich, wenn ich gar nicht erst losgezogen wäre.

FOKUS: Trotz aller Anstrengung behält man das Ziel immer im Auge.
Foto: Adrian Niski
RUNNING-EXPERTE

Adrian Niski

Die in Innsbruck ansässigen Trampelpfad-Liebhaber Kirra Balmanno und Adrian Niski leben und lieben das Leben in den Bergen und genießen es, diese Leidenschaft mit anderen zu teilen. Gemeinsam haben sie einen großen Teil der schönsten Trails der Welt in Laufschuhen erkundet, und geben diese Erfahrungen an Gleichgesinnte mit ihren Reisen von typetworun.com weiter.

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