Wow, ein Wolf!

Begegnung mit dem wilden Tier

Trail-Runner sagen nicht nur Hase und Igel gute Nacht, sondern sehen unterwegs auch mal Rehe oder Rotwild. Doch seit etwa 15 Jahren ist der Wolf zurück in Deutschland – höchste Zeit also, sich mit seiner Wirklichkeit auseinanderzusetzen.
Text: Zita Zengerling | Fotos: GettyImages/Nicholas Roemmelt

Hätte Rotkäppchen der Begegnung mit dem Wolf entgehen können, wenn sie den Rat der Mutter befolgt hätte? „Schwachsinn“, sagt Moritz Klose, Wolfsexperte des Naturschutzbundes Deutschland (NABU). „Vorbeugen kann man einem Treffen nicht wirklich.“ Lehren aus Sagen und Märchen zu ziehen, ist demnach völlig unberechtigt. Die Wahrscheinlichkeit, bei einer Trainingseinheit einen waschechten Wolf zu sehen, ist außerdem verschwindend gering. „Es gibt nicht in ganz Deutschland Wölfe. Von Polen kamen sie vor 15 Jahren zurück in die Lausitz. Im nordöstlichen Sachsen und südlichen Brandenburg gibt es auch heute noch die meisten Rudel und von dort haben sie sich dann in sieben weitere Bundesländer ausgebreitet“.

Wirklich ein Wolf oder ein herrenloser Hund?

„Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen“, warnt die Mutter ihre sieben Geißlein im berühmten Grimm-Märchen. Sollte es in den betroffenen Gegenden Deutschlands zu einer Begegnung kommen, ist die Bestimmung des Gegenübers als Canis Lupus, wie das wissenschaftlich heißt, allerdings schwierig. „Für den Laien ist der Wolf gar nicht so leicht erkennbar“, erklärt Klose. Eine Verwechslung mit Hunden, die auf Wolfsaussehen gezüchtet seien, liegt sehr nahe. „Wölfe sind in etwa schäferhundgroß und haben einen dunklen Sattelfleck auf dem Rücken“, so der Experte. Ob tatsächlich ein Exemplar vor Ihnen steht, erkennen Sie an seinem hellen Schnauzenbereich und an seiner Gestalt: Gerade im Sommer wirkt er sehr dünn und hochbeinig. Zudem ist sein Rumpf im Vergleich zum Haushund länger und der schmalere Brustkorb liegt höher als bei Wuffi oder Bello. Und die Ohren eines Wolfes sind kleiner, dreieckig und aufgestellt.

Wilde Tiere sind und bleiben wilde Tiere

Doch welche Gefahr geht tatsächlich von Isegrim aus? Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband betont: „Der Wolf ist ein großes Raubtier, da gibt es keine angeborene Scheu wie bei klassischen Beutetieren, beispielsweise Rehen.“ Deshalb sei es für alle Waldnutzer eine große Herausforderung, den Wolf als Raub- und Wildtier zu akzeptieren. Fall Sie sich sorgen, noch während des Laufs auf der Speisekarte zu landen, gibt Wolfsbeauftragter Klose Entwarnung: „Der Mensch gehört nicht ins Nahrungsspektrum der Wölfe.“ Vielmehr ernährt sich Canis Lupus von Säugetieren des Waldes und Nutzvieh, wie Schafen und Ziegen. Dennoch ergänzt der Naturschützer: „Bei allen Wildtieren gibt es nie eine 100-prozentige Sicherheit.“

Füttern verboten! Viel Abstand ist erlaubt

Angst ist trotz allem unangebracht. Die wenigen bekannten Übergriffe von Wölfen sind nach einer Studie des norwegischen Instituts für Naturforschung auf Tollwut oder menschliches Fehlverhalten zurückzuführen. Reinwald warnt daher ausdrücklich davor, die Wildtiere anzufüttern: „Es gibt noch nicht viele Wölfe in Deutschland, und sie lernen noch, was wir machen und geben dementsprechend ihr Verhalten an den Nachwuchs weiter. Wenn man zu füttern beginnt, ist das natürlich gefährlich, die Distanz und Scheu nimmt ab und dadurch steigt das Konfliktpotenzial enorm.“ Eine Verhaltensänderung wie bei den Wildschweinen in Berlin, bei denen sich die Fluchtdistanz durch menschliche Einflüsse bis auf fünf Meter verringert habe, wäre im Fall des Wolfs fatal. Ein Rudel in der Nähe von Munster (Niedersachsen) ist davon vermutlich bereits betroffen.

Für eine Begegnung gibt es feste Regeln

Wer auf seiner Runde also tatsächlich auf ein Exemplar trifft, dem sei geraten, sich ihm auf keinen Fall aktiv zu nähern, es nicht zu füttern und ihm unter keinen Umständen nachzulaufen. Reinwald vom Jagdverband rät zudem dazu, sich bemerkbar zu machen, „Werden Sie laut, machen Sie sich groß und zeigen Sie ihm, dass bei Ihnen nichts zu holen ist.“ Sollte sich das Tier dennoch nicht entfernen oder der Läufer sich weiterhin unwohl fühlen, gilt es, sich langsam zurückzuziehen und in eine andere Richtung weiterzulaufen. Angst oder gar Panik seien dabei völlig unberechtigt, sagt Naturschützer Klose. Nur wenn Sie einen Hund mitführen, sei im Wolfsgebiet Vorsicht geboten. Um konfliktträchtige Begegnungen der artgleichen Tiere zu unterbinden, wird daher geraten, den Hund an der Leine beziehungsweise in Blickweite und Abrufbereitschaft zu halten. Die Sichtung eines Wolfs sollte überdies dem regionalen Beauftragten gemeldet werden. Kontaktdaten lassen sich über die jeweiligen Landesumwelt- oder Naturschutzämter ermitteln.

Die Angst vorm Wolf rührt von früher

Wenn Sie alles hier Genannte beachten, dürfte ein Aufeinandertreffen von Wolf und Ihnen folglich selten und distanziert, darüber hinaus aber ungefährlich ausfallen. Die Gründe der generellen Verteufelung dieser Tierart sehen sowohl Klose als auch Reinwald in der Vergangenheit. „Als die Menschen noch völlig abhängig von den eigenen Nutztieren und Wölfe weit verbreitet waren, gefährdete ein einziges gerissenes Schaf die Existenz ganzer Familien“, erläutert Klose. Reinwald führt außerdem die Kriege als entscheidenden Faktor an. „Gerade aus solchen Zeiten gibt es Berichte über Wölfe, die sich auf den Schlachtfeldern auf Menschen spezialisierten.“ Mit der richtigen Portion Respekt stellt ein Zusammenleben aber heute keinerlei Problem mehr dar, sind sich die Experten einig. Der Laufeinheit im Wald steht demnach selbst für Rotkäppchen kein böser Wolf im Wege. Höchstens ein anderes gemeines Tier – der innere Schweinehund –, aber das ist eine andere Geschichte.

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema?
HINWEIS: Um den Artikel zu kommentieren, melden Sie sich einfach mit Ihrem persönlichem Facebook-Account an.