Wie geht Glück?

Happy zu sein – dieses Gefühl entsteht aus diversen Gründen. Oft hat es mit dem Laufen zu tun, aber auch andere Auslöser spielen eine Rolle. Was uns glücklich macht und warum, zeigt die Wissenschaft. Und das alltägliche Leben.
Text: Dr. Stefan Graf | Fotos: Redaktion

Laufen hebt die Stimmung, das steht fest. Aber nur wenn sich unterwegs auch das sogenannte Runners High blicken lässt. Schade, dass sich dieser Zusammenhang so hartnäckig hielt und viele Einsteiger abschreckte. Hintergrund für diese überambitionierte Annahme ist ein Nachweis aus dem Jahr 2008. Ein tomografisches Schnittbildverfahren zeigte, dass während langer Läufe tatsächlich körpereigene Opioide (Endorphine) ausgeschüttet werden und mit subjektiven Glücksempfindungen korrelieren. Damit galt die in den 70er-Jahren formulierte Endorphin- .eorie als bestätigt und das Rätsel des Runner’s High gelöst. Zumindest für acht Jahre. Laufexperimente bewiesen 2016, dass sich kein Runner ohne Endocannabinoide high fühlt. Offensichtlich scheinen die körpereigenen Cannabis-ähnlichen Substanzen fürs Hochgefühl verantwortlich zu sein. Einsteiger, bitte genau lesen: Diese Substanzen gehen schon nach 30 Minuten ins Rennen, das ruhig relaxt ausfallen kann. Endorphine dagegen scheinen nicht zwingend notwendig, aber doch irgendwie involviert zu sein. Vermutlich macht auch das Flow-Gefühl zufrieden, das Sich-Fallen-Lassen in den eigenen Wohlfühlrhythmus. Dann ist die Stoffwechsellage ausgeglichen, es gibt keine Sauerstoff- und Nährstoffdefizite. Gerade nicht benötigte Hirnareale relaxen im Stand-by-Modus. So viel zur Theorie.

DAS ZIEL ZÄHLT: DIE WEGE ZU MEHR FREUDE SIND INDIVIDUELL AUSBAUBAR

Die Praxis ist wesentlich greifbarer: Laufen bietet unzählige Möglichkeiten, glücklich zu sein. Im morgendlichen Dämmerlicht auf die, als roter Feuerball aus dem See aufsteigende, Sonne zuzulaufen, beschert frühaktiven Lerchen immer wieder bewusst erlebte Momente des Glücks. Für die Eule mag es hingegen der Sonnenuntergang sein. Extrovertiertere Menschen erfreut das blühende Leben beim Laufen durch eine City. Meisten tragen die männlichen Athleten beim Schaulaufen kein T-Shirt und den weiblichen genügt ein Top. Die Glücksgefühle auslösenden Situationen sind immer individuell, auch wenn man sie gemeinsam erleben kann. Und genau das kann auch die eigene Happiness steigern: Zusammen aktiv zu sein, tut Körper und Seele gut.

LAUFGLÜCK HÄNGT (NICHT ZWINGEND) VON SENSATIONEN AB

Die Teilnahme an einem Marathon, die berauschende Atmosphäre, das Sich-Getragen-Fühlen vom anfeuernden Publikum und das Highlight des Finishens bedeuten für viele Läufer pures Glück. All die teils entbehrungsreichen, von Trainings- und Ernährungsdisziplin gelenkten Monate der Vorbereitung .ließen da mit ein. Andere, nicht minder begeisterte Läufer schreckt die Vorstellung ab, im engen Kontakt mit 30.000 anderen Athleten stundenlang über harten Asphalt zu treten. Die Stille des Waldes, der weiche Boden unter den Füßen und das Laufen nach Bauchgefühl, ohne Trainingsplan und Leistungsgedanken getrieben zu werden – das ist ihre glücklich machende Welt. Die Erfahrung der meisten Nicht-Leistungssportler zeigt sowieso: Für nachhaltige Zufriedenheit braucht es nicht zwingend (die sowieso eher seltenen) Sensationen wie eine erreichte Fabelzeit oder den gefinihten Ultramarathon. Glücklicher lebt der, der die Schönheit des Alltags zu schätzen weiß. Beste Beispiele sind angenehm warme Sonne auf der Haut oder die gemeinsame Laufzeit mit dem Partner. Nehmen Sie solche Momente nicht als selbstverständlich hin, sondern genießen Sie sie bewusst! Ihr Gemüt wird es Ihnen danken. Aber auch das Gegenteil von Genuss kann positiv stimmen. Manche Menschen mögen es, gequält zu werden. Sie lassen sich freiwillig von einem Bootcamp-Instructor oder in sanfterer Form von einem virtuellen oder leibhaftigen Personal Trainer verbal in den Allerwertesten treten. Sie lassen sich zu ihrem Glück zwingen und brauchen Unterstützung, um einen der größten Glückskiller überhaupt zu zähmen. Dabei handelt es sich um ein Haustier, das auf den Namen innerer Schweinehund hört. Diese Athleten müssen erst den Schmerz fühlen, um dann das Glück umso stärker empfinden zu können. Auch das ist in Ordnung, am Ende zählt schließlich nur eins: die eigene Zufriedenheit.

AUSNAHMEN BESTÄTIGEN DIE ZUFRIEDENE REGEL

So unterschiedlich die Formeln zum Generieren eigener Glücksempfindungen sind: Erzwingen lässt sich nichts. Manchmal sind es gerade die kleinen Ausreißer, das entgegengesetzte Handeln zu dem, was im Trainingsplan oder auf der Liste gesunder Lebensmittel steht, was glücklich macht. Hin und wieder braucht die Seele Nahrung, die nicht unbedingt dem Körper zu mehr Leistung verhilft – kein Grund, vor lauter schlechtem Gewissen mies drauf zu sein. Auch Glücksgefühle gehen durch den Magen, halten Leib und Seele zusammen. Nicht umsonst ­findet hier die Seele als Symbol der Emotion Erwähnung. Wer sportlich höhere Ziele verfolgt, diszipliniert sich bisweilen im Dienste seiner Leistungskurve. Dagegen ist nichts einzuwenden. Jeder Freizeitsportler weiß heute, was gesund und was schlecht ist. Aber Dogmatismus und allzu strenge Rigidität waren noch nie förderlich. Als Läufer entwickeln wir gewöhnlich sowieso ein gutes Gefühl für unseren Körper und seine Signale. Und wenn er uns einmal den Appetit auf ein Stück Schokolade oder eine Scheibe Schweinebraten vermittelt, dann sollten wir dem nachgeben. Der Moment des kulinarischen Glücks wird das vermeintlich Schlechte allemal kompensieren und der Form weniger schaden als allzu eiserne Disziplin. Oft fehlt dem Körper sogar ein im Ungesunden enthaltener Nährstoff.

GUTER SCHLAF BILDET DIE BASIS DES WOHLGEFÜHLS

Erholsames Schlafen ist für die Regeneration von Körper und Seele elementar. Mit anderen Worten: Schlaf ist ein wichtiger Glücksbaustein. Wie lange Sie am besten schlafen, wann Sie zu Bett gehen und aufstehen, ist individuell. Keine Kompromisse erlaubt hingegen die Schlafqualität: Neben Raumklima und Lichtverhältnissen spielt eine auf den eigenen Körpertyp passende Matratze eine wichtige Rolle. Schlafstörungen als Folge einer nicht zum eigenen Körpertyp passenden Unterlage machen verspannt und unglücklich. Laien lassen sich am besten von Fachleuten beraten. Das Angebot von Federkern-, Kaltschaum-, Viscoelastic- und Latexmatratzen ist einfach zu groß und verwirrend.

ALLES WAS SIE MIT VIEL LIEBE TUN, MACHT HAPPY

Der deutsche Schriftsteller Johannes Trojan (1837–1915) sagte einst: „Man braucht nur mit Liebe einer Sache nachzugehen, so gesellt sich das Glück hinzu“. Wie recht er hatte, obwohl es zu seiner Zeit weder Laufen als Volkssport noch das Runner’s High gab. Die Kunst ist, immer wieder die kleinen Glücksmomente zu genießen. Wer das laufend (und schlafend schafft), darf sich doppelt glücklich schätzen.

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