Trainingslehre qualitativ betrachtet

Neue Aspekte beachten

Modelle sind sehr beliebt, wenn es um das vereinfachte Beschreiben des Trainings geht. Die Wirkungsweise eines Lauftrainings auf Ihren Körper und Ihre Psyche ist jedoch weitaus komplexer, als uns die Trainingslehre oftmals glauben machen möchte!
Fotos & Text: Dennis Sandig

Die Trainingsprinzipien gehören zu den bekanntesten Errungenschaften der Trainingslehre. Wie weit die Empfehlungen auseinanderliegen, zeigt die Tatsache, dass je nach Autor zwischen 3 und 48 Prinzipien beschrieben werden. Diese Bandbreite wirft Fragen auf und bei genauerem Hinsehen stößt man auf ein Kernproblem der Trainingslehre. Viele Modelle und Empfehlungen beruhen auf einfachen mechanistischen Vorstellungen, ohne dass die Wirklichkeit der Interaktion von verschiedenen Reizen berücksichtigt wird. So beruhen sehr viele Aussagen und Konstrukte der Trainingslehre im Wesentlichen auf praktischen Erfahrungen und Meisterlehren.

Inhalte ändern sich

Nur ein kleiner Teil der Trainingslehre besteht aus wissenschaftlich überprüftem Wissen aus der Trainingswissenschaft. Erfahrungswissen auf der Basis von sportlichen Erfolgen und die Arbeit mit erfolgreichen Sportlern prägen das moderne Training. Das muss nicht negativ sein, Sie sollten sich dessen aber bewusst sein. Wichtig ist, dass die Trainingslehre beim Beschreiben der Komplexität von Anpassungen an Grenzen stößt. Wenn heute ehemals verpönte Inhalte neu bewertet werden, liegt das genau daran! So können Sie als Läufer durch das Trainieren der Maximalkraft wichtige Leistungsreserven erschließen. Dabei stehen Anpassungen auf neuronaler Ebene ebenso im Vordergrund, wie positive Veränderungen der Schrittlänge und der Laufökonomie. Die Trainingsanpassungen sind umfassend und stehen in Interaktion. Sie verlaufen in zeitlich stark unterschiedlich schwingenden Bahnen und beeinflussen sich gegenseitig. Das Superkompensationsmodell hat ausgedient. Vielmehr müssen wir die vielen Aspekte von Muskelstoffwechsel, Kraft und Beweglichkeit in einer neuen qualitativen Trainingslehre neu beschreiben.

Das Ziel im Focus

Während die Modelle zum Training aus einer Zeiten stammen, in denen der Leistungssport eine herausragende Stellung hatte, verändert sich das Sporttreiben zunehmend. Es gibt Lauftreffs und informelle Gruppen, Gesundheits- und Freizeitsportler und auch soziale Projekte, in denen das Laufen den Rahmen bildet. Dabei zeigt sich, dass die althergebrachten kybernetischen Modelle sich keineswegs auf jeden Läufer übertragen lassen. Die Trainingslehre muss hier selbstkritisch erkennen, dass viele Zielgruppen vernachlässigt wurden und oft alte Empfehlungen zugrunde liegen. Training ist komplizierter als „Kilometer sind durch nichts zu ersetzen außer durch noch mehr Kilometer“. Die individuellen Anpassungsreserven zeigten sich in Untersuchungen, da erfolgreiche Sportler eben nicht die mit den größten Umfängen sind. Hieraus jetzt eindimensional darauf zu schließen, dass dann eben die Intensität erhöht werden muss, passt zwar zum „Modethema“ Intervalltraining, trifft aber den Kern individueller Anpassungsmuster nicht. Vielmehr scheint zu gelten, dass es keine Muster gibt, die sich für alle Läufer als Empfehlung eignen! Trainingsalter, neurophysiologische und tendomuskuläre Voraussetzungen, hormonelle Rückkopplungen und Ihr Muskelstoffwechsel sind nur einige wenige Faktoren. Hinzu kommen Ihre Familie, Stress im Beruf, Ihre Motivation und andere psychosoziale Aspekte, die die Wirkung eines Laufes und Ihre Regeneration beeinflussen.

Wie funktioniert Training?

Die Anpassung an Trainingsreize läuft auf vielen verschiedenen Ebenen ab. Angefangen von der Energiebereitstellung, der neuronalen Ansteuerung Ihrer Muskeln, Veränderungen in Ihrem Herz-Kreislauf-System bis hin zur psychischen Widerstandsfähigkeit gibt es eine unglaubliche Vielfalt von Anpassungsmöglichkeiten. Hinzu kommen Wirkungen auf passive Strukturen, wie Knochen, Sehnen und Bänder. Dass modellhafte Vorstellungen hier nicht greifen, erkennt man auch daran, dass die Vorstellung einer Trainingslehre außerhalb Deutschlands eher in Form der „Exercise Physiology“, also einer Leistungsphysiologie zusammengefasst wird. Diese physiologische Sichtweise lässt sich mit quantitativen Angaben im Training relativ gut beschreiben. Beispielsweise stellt eine Trainingseinheit mit einer bestimmten Anzahl von Läufen in einer festgelegten Zeit für alle Athleten dieselbe Belastung dar. Allerdings ist die Beanspruchung individuell verschieden zu bewerten. Genau hier muss die Trainingslehre um qualitative Parameter erweitert werden!

Wer viel misst …

Klar ist, dass neben den objektiven Parametern zu Intensität und Umfang einer Laufeinheit eben auch die persönlichen Eindrücke eines Sportlers wichtig in der Beurteilung der Qualität einer Trainingseinheit sind. Persönliche Eindrücke können Sie beispielsweise in einem Trainingstagebuch erfassen und diese dann zusammen mit den objektiven Angaben aus Herzfrequenz, Geschwindigkeit und Umfang vergleichen. Nur so erfassen Sie Ihre wirkliche Beanspruchung, und die stellt das Geheimnis Ihres individualisierten Trainings dar.

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