Ist das noch NORMAL?

Wie viel Schweiß darf sein?

Wer läuft, ist Schwitzen gewohnt. Doch was, wenn man an krankhaft übermäßigem Schwitzen leidet und trotzdem nicht auf das Laufen verzichten möchte? Und was kann man generell tun, damit der Schweiß beim Sport nicht unangenehm wird?
Fotos: Jochen Schmitz, www.dhhz.de, Sebastian Schmitz UKD, GILAD KAVALERCHIK, unsplash

Allgemeingültige Ratschläge gibt es beim Thema Schweiß leider nicht, denn Schwitzen ist eine ganz individuelle Sache und wohl auch deshalb vertreten die Experten unterschiedliche Meinungen. Das liegt vor allem daran, dass jeder Mensch unterschiedlich schwitzt und jeder seine ganz persönliche Anzahl an Schweißzellen besitzt. Zudem schwitzen dicke Menschen mehr als dünne, Frauen in den Wechseljahren anders als zuvor und bei älteren Menschen reduzieren die Drüsen ihre Funktion, wodurch es leichter zu einer gefährlichen Körperüberhitzung kommen kann.

NOTWENDIGE KÜHLUNG

„Schwitzen ist ein lebensnotwendiger Prozess, bei dem durch die Verdunstung des Schweißes der  Körper gekühlt wird, sodass der Organismus und seine Stoffwechselprozesse vor Überhitzung  geschützt werden“, weiß Dr. Parnian Firouzi-Memarpuri, Dermatologin und Oberärztin in der  Hautklinik am Universitätsklinikum Düsseldorf. „Insgesamt besitzt jeder Mensch zirka zwei bis vier Millionen  Schweißdrüsen am gesamten Körper verteilt.“ Neben den ekkrinen Schweißdrüsen, die am gesamten Körper sitzen und nicht riechenden Schweiß produzieren, gibt es noch die apokrinen Duftdrüsen im Achsel- sowie Intimbereich. Ihre Schweißflüssigkeit wird durch Bakterien abgebaut und dabei entsteht der klassische Schweißgeruch. „Personen, die empfindlicher auf  Temperaturschwankungen reagieren, schwitzen in der Regel mehr. Auch internistische Erkrankungen wie Diabetes mellitus und Schilddrüsenerkrankungen wie Hyperthyreose können zu einem vermehrten Schwitzen führen.“

Schwitzen ist ein lebensnotwendiger Prozess, bei dem durch die Verdunstung des Schweißes der Körper gekühlt wird.

– Dr. Parnian Firouzi-Memarpuri, Dermatologin

SCHWITZEN ALS KRANKHEIT

Im Gegensatz zu „normalem“ Schwitzen läuft einem bei krankhaftem Schwitzen aufgrund von  vermehrter Produktion unabhängig von der Situation und Temperatur der Schweiß herunter.  Hyperhidrose geht über die physiologischen Erfordernisse der Wärmeregulation hinaus“, erklärt Dr. Parnian Firouzi-Memarpuri über das entweder lokal an Händen, Füßen sowie unter den Achseln oder generell am gesamten Körper auftretende übermäßige Schwitzen, von dem circa zehn Prozent der  deutschen Bevölkerung betroffen sind. „Eine Hyperhidrose kann zu erheblichen sozialen und beruflichen Einschränkungen führen sowie die Lebensqualität deutlich mindern.“ Deswegen ist in diesem Fall stets ärztliche Hilfe nötig, die wie in Düsseldorf an zahlreichen Hautkliniken als eigene Hyperhidrosis-Sprechstunde angeboten wird. „Ein ärztliches Beratungsgespräch kann hier Aufschluss darüber geben, ob weiterführende Untersuchungen notwendig sind und welche therapeutischen Optionen für die jeweilige Form der Hyperhidrose infrage kommen“, erklärt die Ärztin. Dabei wird
auch abgeklärt, dass keine anderen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, der Schilddrüse oder  Tumorerkrankungen vorliegen, und es werden die Folgen einer Hyperhidrose wie Fußpilz, Warzenbildung oder Bakterienwachstum aufgezeigt. Handelt es sich tatsächlich um eine Hyperhidrose, sind Deos mit Aluminiumchlorid das erste und effektivste Mittel der Wahl, das viele Ärzte trotz der
Bedenken des Bundesinstituts für Risikobewertung, die Substanz könne die Krebsbildung begünstigen, für weitgehend unbedenklich einschätzen. „Das Auftragen von Aluminiumchlorid bewirkt eine Schweißreduktion durch Verschluss der Ausführungsgänge der Schweißdrüsen“, erläutert Dr. Parnian
Firouzi-Memarpuri. Jedoch sollte man höherprozentige aluminiumhaltige Deos lediglich einmal täglich oder sogar nur alle zwei Tage auf die Haut auftragen, die nicht frisch rasiert ist.

Wissenswertes

SCHWEISSGERUCH

Frischer Schweiß riecht im Normalfall nicht, allerdings vermischt er sich mit den Geruchsstoffen
aus den Duftdrüsen, die je nach Person mehr oder weniger angenehm riechen. Generell werden die Schweißbestandteile wie Fettsäuren, auch wenn nur wenig Schweiß vorhanden ist, durch Bakterien zersetzt und diese Zersetzungsprodukte empfinden wir als Gestank. Je nachdem, ob man solche Bakterien auf der Haut hat und wie viele es sind, riechen manche Menschen mehr, manche weniger nach Schweiß. Normalerweise hilft es, direkt nach dem Schwitzen zu duschen und die Kleidung zu wechseln, Deos zu verwenden, die Achselhaare zu entfernen sowie auf stark gewürzte und  schwefelhaltige Lebensmittel wie Zwiebeln oder Knoblauch zu verzichten. Kommt einem der  Schweißgeruch weiterhin extrem oder plötzlich verändert vor, sollte ein Arzt klären, was dahinter  steckt.

HITZE-SCHLACHT: Auf heiße Temperaturen – wie hier beim Tel Aviv Marathon – gilt es Rücksicht zu nehmen. Schwitzen ist dabei allerdings normal und sogar wichtig.

THERAPIE-ALTERNATIVEN

„Bei gesundheitlichen Bedenken gegenüber aluminiumhaltigen Deodorants kann zum Beispiel auf zinksalzhaltige Deodorants ausgewichen werden“, empfiehlt Firouzi-Memarpuri. Hilft das zu wenig, kann die Behandlung mit einer „Leitungswasser-Iontophorese“ ausprobiert werden: Mittels  Wasserbädern von Händen und Füßen mit Gleichstrom soll das starke Schwitzen reduziert werden. Auch eine Injektion des Nervengifts Botox ist möglich, wodurch die Nervenimpulse, die für die  verstärkte Schweißausscheidung verantwortlich sind, blockiert werden. Diese Therapie wirkt allerdings nur sechs Monate, die Injektion gerade in Hände und Füße ist sehr schmerzhaft und noch dazu  ziemlich teuer. Auch das Absaugen der Schweißdrüsen an den stark schwitzenden Stellen ist möglich, jedoch wird hierbei die Anzahl der Drüsen lediglich reduziert und bringt daher meist nicht den  erhofften Effekt. Und von Medikamenten wie Anticholinergika, welche die Aktivität der Schweißporen blockieren, sind Ärzte ebenso wenig begeistert, da sie starke Nebenwirkungen wie einen trockenen Mund, Magen-beschwerden, Halskratzen oder Herzrasen mit sich bringen.

Kommt einem der Schweißgeruch extrem oder plötzlich verändert vor, sollte ein Arzt klären, was dahinter steckt.

TROTZDEM NICHT AUF SPORT VERZICHTEN

Doch sogar mit Hyperhidrosis empfehlen alle Mediziner den Betroffenen, nicht auf Sport zu ver-zichten. „Hierbei sollte auf einen ausreichenden Ausgleich des Flüssigkeits- sowie Elektrolytdefizits geachtet werden“, sagt Dr. Parnian Firouzi-Memarpuri und ihr Kollege Dr. Christoph Schick vom Deutschen Hyperhidrosezentrum (DHHZ) in München pflichtet ihr bei: „Sport ist für den Spaß da und am Schwitzen ändert das eh nichts! Schwitzen wird durch das vegetative Nervensystem gesteuert und dieses System hat seine individuelle Einstellung – ob gesund oder krankhaft verändert.“ Wer  „Normalschwitzer“ ist, dem rät Dr. Schick, seine Kleidung entsprechend anzupassen oder auch sehr heiße und sehr kalte Getränke zu meiden. Anders als manche Kollegen hält er wenig von Hausmitteln wie Salbeitee gegen Schwitzen. „Das ist ein reines Märchen und gehört in die Kategorie ‚Viel Eisen im Spinat‘“, so der Experte. Helfen kann seiner Einschätzung nach im Einzelfall jedoch Autogenes Training. „Emotionen sind ein wesentlicher Trigger des Schwitzens und ein ‚Stresstraining‘, wie ich es lieber sage, kann das elektrische Niveau im Gehirn senken – jedoch muss man dafür  empfänglich sein.“ Für jedermann und somit auch für Sportler macht es seiner Erfahrung nach am  meisten Sinn, den Kopf mit einem Fächer oder einer Wassersprühflasche zu kühlen und dem Gehirn somit zu signalisieren, dass es das Schwitzen beenden kann. Daneben hält Schick, der studierter  Chirurg ist, spezielle Kleidung, die besonders gut den Schweiß aufsaugt und die Feuchtigkeit nach  außen weiterleitet, für sinnvoll. „Letztere ist die typische Sportlerwäsche, die auch Läufer kennen und die vornehmlich aus Polyester besteht. Allerdings muss sie auf der Haut anliegen, um zu funktionieren und diese enge Unterwäsche mag nicht jeder. An der reinen Schwitzmenge ändert sie natürlich nichts!“

KEIN TRAINING FÜR DIE SCHWEISSPOREN

Ob die Schweißproduktion von Sportlern sich von Unsportlichen unterscheidet und viel oder wenig Schwitzen bei Gesunden gut oder schlecht ist, darauf können selbst die Fachärzte keine Antwort geben. „Schwitzen kann nicht wirklich trainiert werden, auch nicht durch Saunagänge“, sagt Dr. Christoph  Schick. „Wenn man zu Beginn eines Trainings weniger schwitzt und dann etwas mehr, hängt das mit Stoffwechselvorgängen zusammen. Die Neurologie dahinter verändert sich kaum. Daher gibt es auch beim Sport die Viel- und die Wenigschwitzer.“ Wichtig ist beim Sport, die verlorene Flüssigkeit wieder auszugleichen und entsprechend Wasser zu trinken. „Damit sollte man bereits am Anfang der sport-lichen Tätigkeit beginnen und die Flüssigkeit nicht erst hinterher ersetzen“, meint Schick lachend. Während der Salz- und Mineralverlust bei Normalsportlern seiner Ansicht nach zu vernachlässigen ist,
müssen Extremsportler hier auf einen Ausgleich achten. „Gerade Sportler wie Läufer sollten nicht versuchen, das Schwitzen zu vermeiden“, meint Dr. Christoph Schick. „Würde ein Läufer das Schwitzen durch Medikamente unterbinden, fühlte er sich aufgrund der erhöhten Körpertemperatur hinterher viel schlapper – das macht wenig Sinn! Wer sein Schwitzen als krankhaft empfindet, sollte
einen Arzt aufsuchen. Wen es nur stört, der sollte es als Teil seiner individuellen Körperlichkeit akzeptieren!“

RUNNING-Expertin

DR. PARNIAN FIROUZI-MEMARPURI

Dr. Parnian Firouzi-Memarpuri ist Funktionsoberärztin an der Klinik für Dermatologie des Universitätsklinikums Düsseldorf.

RUNNING-Experte

DR. CHRISTOPH SCHICK

Dr. Christoph Schick ist Facharzt für Chirurgie und gründete 2005 das Deutsche Hyper-hidrosezentrum. Er ist ein Pionier bei der Behandlung der Hyperhidrose und des krankhaften Errötens.

 

WEITERE INFORMATIONEN:

Hautklinik, Universitätsklinikum
Düsseldorf, Moorenstraße 5,
40225 Düsseldorf
Klinik für Dermatologie
www.uniklinik-duesseldorf.de

Deutsches Hyperhidrosezentrum,
St.-Bonifatius-Str. 5,
D-81541 München
www.dhhz.de

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