Schreckgespenst Übertraining

Ungeplant auftretende Leistungsminderungen aufgrund zu hoher Belastungsumfänge beziehungsweise Belastungsintensitäten bei gleichzeitig unzureichender Regeneration stellen ein verbreitetes Problem im Leistungs- und Freizeitsport dar.
Text: Dr. Thomas Bossmann | Fotos: Klemens Wahl, Gore

Die Übertrainingsforschung versucht seit vielen Jahren, Hilfestellung für eine optimale Belastungssteuerung zu geben. Bis heute gestaltet sich die Suche nach nutzbaren Parametern, die zur Prävention von Überbelastungen geeignet wären, als schwierig.

Das Vorkommen von Übertrainingssyndromen wird zumeist auf der Grundlage von Befragungen von Athleten geschätzt. Die Ergebnisse schwanken zwischen Werten von circa 30 bis 65 Prozent. Als Gründe werden zu hohe Belastungsparameter, zu kurze Regenerationsphasen, Trainingsmonotonie oder zusätzliche weitere Stressoren genannt. Dauern Leistungsminderung und Ermüdung länger als geplant an, wird von einer Überbelastung gesprochen. Gleichzeitig können symptomatische Veränderungen auftreten, beispielsweise veränderte Ruheherzfrequenzwerte. Eine zeitlich verzögerte Leistungssteigerung nach einer ausreichenden Erholung scheint jedoch noch möglich.

Die Problematik der Diagnose

Erst bei einer chronischen Erschöpfung und Leistungsminderung über einen Zeitraum von mehr als zwei bis drei Wochen wird von einem Übertrainingssyndrom gesprochen. In diesem Fall ist eine verzögerte Leistungssteigerung auszuschließen. Der Sportler fühlt sich nicht mehr in der Lage, das Training wieder aufzunehmen. Die Diagnose eines Übertrainingssyndroms ist allerdings nur dann gerechtfertigt, wenn organische Ursachen oder Infekte als Gründe für eine Leistungsminderung ausgeschlossen werden. Die Problematik der eindeutigen Diagnose ist bis heute ungelöst. Das einzige tatsächlich nutzbare Kriterium für eine Diagnose ist der Ausschluss medizinischer Ursachen für eine Erschöpfung sowie eine sportartspezifische Leistungsminderung.

Angaben über Frühwarnsymptome

Als kritisch kann – fortlaufendes Training vorausgesetzt – ein Abfall der sportlichen Leistungsfähigkeit um fünf bis zehn Prozent angesehen werden. Geringere Abweichungen von weniger als fünf Prozent sind dagegen nicht von normalen Tag-zu-Tag-Schwankungen abzugrenzen. Es existieren weiterhin Angaben über Frühwarnsymptome, zum Beispiel Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, erhöhtes Anstrengungsempfinden, Appetitlosigkeit, erniedrigte maximale Herzfrequenz, erhöhte Ruheherzfrequenz und submaximale Herzfrequenz sowie reduzierte maximale Laktatwerte. Reduzierte maximale Laktat- und Herzfrequenzwerte werden zwar grundsätzlich mit einer verbesserten Ausdauerleistung in Verbindung gebracht, identische Veränderungen wurden jedoch häufig auch in Zusammenhang mit Übertrainingssyndromen beobachtet.

Was kann ein Sportler tun, um sich vor Überbelastungen zu schützen?

  1. Die Trainingsgestaltung kritisch überprüfen: Viel hilft nicht immer viel! Einige Faktoren sollten vermieden beziehungsweise kritisch hinterfragt werden:
  • unzureichende Regeneration
  • allgemeine Trainingsmonotonie
  • zu hohe Anzahl an Wettkämpfen
  • psychosoziale Stressoren
  • unausgewogene Ernährung
  • Befindlichkeitsstörungen
  • Schlafstörungen
  1. Regelmäßige Durchführung sportartspezifischer Leistungstests: Geht man bei Leistungsminderungen über einen Zeitraum von zwei bis drei Wochen von einem Übertrainingssyndrom aus, dann sollten Leistungstests engmaschig durchgeführt werden. Zu empfehlen sind Leistungsüberprüfungen alle zwei Wochen, im Ausdauerbereich wenn möglich in Form von Time-Trial-Tests mit konstanter Geschwindigkeit. Veränderungen maximaler Laktat- und Herzfrequenzwerte können zurückhaltend interpretiert werden. Lediglich Veränderungen in Zusammenhang mit Leistungsminderungen sind als kritisch zu bewerten.
  2. Individuelle Referenzwerte bestimmen: Die Interpretation persönlicher Leistungsdaten sollte vor dem Hintergrund persönlicher Normwerte erfolgen. Einige weitere, täglich einsetzbare Parameter dürften bei der Prävention von Überbelastungen hilfreich sein. So zeigten sich bisher vielversprechende Ergebnisse im Zusammenhang mit der Herzfrequenzvariabilität. Sinkt diese über ein für den Sportler als normal zu bezeichnendes Maß ab, könnte eine kurzfristige Anpassung der Belastungsintensität eine geeignete Maßnahme sein. Auch Veränderungen der Befindlichkeit sollten aufmerksam wahrgenommen und dokumentiert werden. Es wird vermutet, dass diese sensibel auf zu hohe Belastungen hinweisen. Nicht zuletzt wird ein Anstieg der Ruheherzfrequenz um circa zehn Schläge pro Minute als Warnhinweis gewertet. Das Maß kritischer Veränderungen kann jedoch individuell variieren und es ist unwahrscheinlich, dass es allgemein gültige kritische Veränderungen gibt. Auch zur Abschätzung der notwendigen Regenerationsdauer scheinen diese Parameter geeignet, da sie Rückschlüsse auf die Aktivität des autonomen Nervensystems zulassen.
  3. Regelmäßiger Medizin-Check: Bei auftretenden und anhaltenden Leistungsminderungen sind medizinische Untersuchungen empfehlenswert, um krankheitsbedingte oder andere konkurrierende Ursachen auszuschließen.

Zur Person:

Dr. Thomas Bossmann arbeitet seit 2010 am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Stuttgart. Er promovierte an der Universität Bayreuth über das Thema „Auswirkungen eines Ultralangstreckenlaufs auf ausgewählte physiologische und psychologische Parameter als mögliche Marker von Überbelastungen“. Grundlage seiner Dissertation war die Untersuchung von Teilnehmern des Deutschlandlaufs 2008 unter der Fragestellung, ob im Feld einsetzbare Parameter frühzeitig Hinweise auf Überbelastungen geben können.

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