Power aus Pillen

Sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?

Sportler kaufen so viele Nahrungsergänzungsmittel wie nie zuvor. Eine Entwicklung, die Experten mit Sorge betrachten – profitieren doch ohnehin nur Athleten, die wirklich einen Mangel haben.
Text: Sina Horsthemke | Fotos: GettyImages/wildpixel

Proteinshakes für die Muskeln, Magnesium gegen Krämpfe oder Eisen für mehr Leistung: Zahlreiche Läufer greifen zu Nahrungsergänzungsmitteln. Hinter den Pulvern und Pillen, die in Apotheken, Drogerien, im Internet oder auf vielen Marathon-Expos zu kaufen sind, steckt ein Milliardenmarkt: Dem Lebensmittelverband Deutschland zufolge stieg der Umsatz 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 130 Millionen Euro auf insgesamt 1,44 Milliarden. Jeder dritte Erwachsene in Deutschland nimmt Nahrungsergänzungsmittel, 2018 gingen 225 Millionen Packungen über die Ladentische. Die Corona-Pandemie soll der Branche in den vergangenen Monaten in die Karten gespielt haben.

Zielgruppe Sportler

Unter Profisportlern gehören Nahrungsergänzungsmittel zum Alltag wie das Trai­ning: Studien zufolge nehmen 66 Pro­zent der Leichtathleten mindestens ein Präparat, manche gaben in Umfragen gar an, bis zu 24 verschiedene Mittel einzusetzen. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 berichteten die Team­ärzte von durchschnittlich 1,3 Supplementen pro Spieler, manche Kicker nahmen vor einem Spiel bis zu zehn Präparate ein. Auch der Nachwuchs macht mit: 91 Prozent der jugendlichen Spitzensportler diverser Disziplinen nehmen einer Umfrage zufolge mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel, 27 Prozent konsumieren täglich eins. In der Allgemeinbevölkerung sind Vitamin C und Magnesium am beliebtesten, wie eine Marktanalyse im Auftrag des Lebensmittelverbands Deutschland ergab. Doch was bringen die Mittel wirklich? Verhindern sie Krämpfe, lassen sie Muskeln wachsen, beschleunigen sie die Regeneration, verbessern sie sogar die Leistung in Laufschuhen? Was Vitaminpillen, Elektrolytpulver oder Extraproteine angeht, sind sich die Wissenschaftler einig: Wer sich gesund ernährt, braucht keine. „Nahrungsergänzungsmittel bringen nichts“, sagt etwa Anja Carlsohn, stellvertretende Sprecherin der AG Sporternährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). „Dass wir einen ­Vitamin-C-Mangel bekommen, ist bei unserer Ernährung unwahrscheinlich. Ein großes Glas Orangensaft oder eine halbe Paprika decken bereits den Bedarf – dafür muss niemand in die Apotheke rennen.“ Nur bei vom Arzt festgestellten Mangelzuständen, so die Wissenschaft­lerin, seien Ergänzungen erforderlich, wenn eine Ernährungsumstellung zuvor nicht geholfen hätte.

Nur wenige sind hilfreich

Natürlich braucht der Körper Vitamine und Mineralstoffe: Von Vitamin D einmal abgesehen, kann er sie nicht selbst herstellen. Also muss man sie ihm geben – was aber immer noch am besten über die Nahrung gelingt. Helen Bauhaus, Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaftlerin aus der Abteilung Sporternährung am Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln bestätigt: „Bei einer ausgewogenen Ernährung sind Nahrungsergänzungsmittel nicht notwendig. Läufer brauchen kein Ma­gnesium, wenn sie sich gesund ernähren.“ Stimme die Basisernährung, sei nicht einmal Leistungssportlern zu Supplementen zu raten, „es sei denn, sie haben einen Mangel, den ein Arzt diagnostiziert hat“, so Bauhaus. Der Olympiastützpunkt Bayern bezieht auf seiner Internetseite wie folgt Stellung: „Gemessen an den unüberschaubar vielen Substanzen auf dem Markt gehören nur sehr wenige in die Kategorie hilfreich und wirksam. Der überwiegende Teil der Produkte ist auch im Spitzensport nutzlos. Aus dieser Sicht stimmt es nachdenklich, dass 80 bis 90 Prozent der deutschen Athleten auf D- und C-Kaderniveau ­regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel einsetzen. Die Belastungsumfänge im Training dürften kaum Regionen erreichen, in denen die Versorgung mit der normalen Ernährung nicht mehr ausreicht.“

Wann ist ein Sportler ein Sportler?

Prof. Dr. Martin Smollich, Leiter der ­Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin der ­Universitätsklinik Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, sieht das ganz genauso: „Wer dreimal pro Woche ins Fitnessstudio geht, braucht keinen Proteinshake. Laut Definition gilt er in der Sportmedizin nicht einmal als Sportler. Erst bei hohen Trainingsumfängen kann man anfangen, über L-Carnitin, Eisen, Magnesium, B-Vitamine oder Proteinshakes nachzudenken.“ Ab wie vielen Stunden Training ein Proteinshake etwas bringt, wollte der Freiburger Sport- und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Daniel König  wissen. Nach Sichtung zahlreicher Studien bezieht er in einem Positionspapier Stellung: Die von der DGE empfohlene Menge von 0,8 Gramm Eiweiß pro Tag und Kilogramm Körpergewicht reiche erst ab fünf Stunden Sport pro Woche nicht mehr aus. Eine zusätzliche Proteinzufuhr für den Muskelaufbau ist also nur bei hohen Trainingsumfängen sinnvoll. Doch selbst dann, empfehlen die Wissenschaftler, sei die Extramenge Eiweiß am besten „über eine Optimierung der Ernährung“ zu erreichen – Käsebrot, ­Sojajoghurt und Spiegelei seien jedem Proteinpulver vorzuziehen.

„Wer dreimal pro Woche ins Fitnessstudio geht, braucht keinen Proteinshake. Laut Definition gilt er in der Sportmedizin nicht einmal als Sportler.“

– Prof. Dr. Martin Smollich

Was brauchen Veganer?

Lediglich vegan lebenden Läufern empfiehlt Fachapotheker Smollich, zusätzlich ein Vitamin einzunehmen: „Veganer brauchen auf jeden Fall Vitamin B12, weil das nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt. Eventuell substituieren sie noch Omega-3-Fettsäuren, etwa aus Algenöl. Alles andere können auch sie über ihre normale Ernährung decken.“ Gegen Nahrungsergänzungsmittel bei einem von einem Arzt diagnostizierten Mangel – etwa Eisenmangel bei Frauen – spricht nichts. Wer jedoch kein Defizit hat und nach dem „Gießkannenprinzip“ Pillen und Kapseln einwirft, riskiert eine Überdosis. Die kann zu schweren gesundheitlichen Problemen führen, weiß Experte Smollich: „Viel hilft nicht viel, im Gegenteil: Überdosen sind gefährlich, auch bei vermeintlich harmlosen Mitteln aus der Drogerie. Wenn auf der Packung steht, dass 300 Prozent des Tagesbedarfs gedeckt würden, dann ist das nicht unbedingt gut.“ Magnesium verursacht in leicht zu hohen Dosen noch vergleichsweise gelinde Beschwerden: Bauchweh und Durchfall, eventuell bringt das den Elektrolythaushalt durcheinander. Vitamin D allerdings kann, zu hoch dosiert, Nierenschäden entstehen lassen. Und zu große Mengen der Vitamine B und E stehen gar im Verdacht, Lungen- und Prostatakrebs zu fördern.  Selbst Kalzium, das so wichtig für die Knochengesundheit ist, ist in hohen Dosen keineswegs zu unterschätzen: Wer mehr als 1,5 Gramm pro Tag zu sich nimmt, ­steigert sein Herzinfarktrisiko messbar.

Achtung Dopingfalle

Und noch eine Gefahr dürfen leistungsorientierte Läufer nicht unterschätzen, wenn sie Nahrungsergänzungsmittel nehmen: die eines positiven Dopingtests. „Finger weg von Internetkäufen“, warnt Angela Clausen von der Verbraucher­zentrale NRW. Neben Fatburnern und Potenzmitteln betrachten Verbraucherschützer Produkte für Sportler als besonders bedenklich: „Sie enthalten oft nicht zugelassene Wirkstoffe oder dopingrelevante Substanzen.“ Was viele Läufer nicht wissen: Anders als Medikamente unterliegen Nahrungsergänzungsmittel keinerlei Kontrollen, Zulassungs- oder Testverfahren – die Hersteller sind bei der Wahl der Inhalte nahezu frei. Um die Gefahr versehentlichen Dopings einzudämmen, hat der Olympiastützpunkt Rheinland mit der Nationalen Anti ­Doping Agentur (NADA) die „Kölner Liste“ entwickelt. Hier finden Sportler Nahrungsergänzungsmittel, welche die Wissenschaftler zwar nicht ausdrücklich empfehlen, aber im Labor auf verbotene Substanzen hin getestet und als unbedenklich eingestuft haben. Läufer sollten wissen, dass Nahrungsergänzungsmittel keineswegs so harmlos sind, wie ihre Verpackung oft vermuten lässt. Besteht ein Defizit, helfen sie sehr wohl. Doch auf gut Glück darf sie niemand nehmen, weil Überdosen gefährlich sind. Wer an Wettkämpfen teilnimmt, sollte die ­Dopinggefahr bedenken und nur vertrauenswürdige Produkte kaufen. Nur bei einem nachgewiesenen Mangel können Nahrungsergänzungsmittel wirklich von Nutzen sein.

 

 

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema?
HINWEIS: Um den Artikel zu kommentieren, melden Sie sich einfach mit Ihrem persönlichem Facebook-Account an.