Mehr als Müdigkeit: Chronische Erschöpfung bei Läufern

Wann besteht Handlungsbedarf?

Ist der Körper erschöpft, signalisiert er das anhand von Müdigkeit. Nach körperlichen Anstrengungen ist das normal. Wenn die Erschöpfung aber anhält und auch nach Ruhephasen nicht verschwindet, liegt vielleicht ein körperliches Problem zugrunde.
Text: Sonja Streit | Fotos: Getty Images

Viele Läufer kennen das Phänomen aus intensiven Trainingsphasen, zum Beispiel der Marathonvorbereitung: Sind unsere physischen oder psychischen Reserven aufgebraucht, schaltet der Körper in eine Art Energiesparmodus, um zu regenerieren. Ob nach einer intensiven Trainingsphase und erfolgtem Wettkampf oder stressigen Arbeitswochen – irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem die Erschöpfung eintritt. „Dieser Zustand ist von enormer Wichtigkeit, um unsere Batterien wieder aufzuladen.“, erläutert die Wiener Allgemeinmedizinerin Dr. Jasmin Darabnia. „Wir müssen irgendwann zur Ruhe kommen, um unsere körperliche und geistige Gesundheit zu erhalten.“

 

Läufer sollen Signale beachten

Nach großen körperlichen oder geistigen Anstrengungen sind Erschöpfungszustände keine Seltenheit. Manchmal halten sie einige Tage an, lassen sich aber mit ausreichend Schlaf und Erholungsphasen gut therapieren. „Kritisch wird es, wenn selbst diese Maßnahmen nicht dazu führen, dass die Erschöpfung nachlässt.“, gibt Dr. Darabnia zu bedenken. „Das ist nicht nur extrem belastend, sondern kann darauf hindeuten, dass es sich um ein Symptom handelt bzw. dass die Erschöpfung einen Krankheitswert erreicht hat.“

In einem solchen Fall sollte man seinen Zustand ärztlich abklären lassen, da nicht nur die Lebensqualität leidet, sondern Produktivität und Arbeitsleistung sinken. „Erschöpfung geht über normale Müdigkeit weit hinaus. Läufer werden das vermutlich kennen, wenn sie einen Marathon absolviert haben und der Adrenalinspiegel sinkt. In diesem Zustand möchte man sich nur mehr ausruhen.“ Die Expertin gibt zu bedenken, dass dauerhafte Erschöpfung das Verletzungsrisiko erhöht und die Konzentrationsfähigkeit negativ beeinflusst. Wer die Problematik über mehrere Wochen an sich beobachte, sollte einen Arzt konsultieren.

Maßnahme 1: Lassen Sie Ihre Blutwerte kontrollieren

Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Schwäche können viele Ursachen zugrunde liegen, wie Jasmin Darabnia erläutert: „Berichten Patienten von chronischer Müdigkeit und Abgeschlagenheit, lässt mich das aufhorchen. Deshalb veranlasse ich in diesen Fällen einen Blutbildcheck.“ Dabei seien die Eisen- und Schilddrüsenwerte ebenso im Fokus wie der Epstein-Barr-Status. „Es könnte z.B. eine Schilddrüsenunterfunktion oder eine chronische Entzündung der Schilddrüse vorliegen, beides Problematiken, die mit chronischer Müdigkeit einhergehen. Diese lassen sich mittels entsprechender Präparate sehr gut managen. Ist jemand am Epstein-Barr-Virus erkrankt, bei dem die Durchseuchungsrate ja sehr hoch ist, kann man sich bis zu sechs Monate müde und abgeschlagen fühlen.“

Eisenmangel betrifft vor allem Läuferinnen

Ein wichtiger Faktor bei jungen Frauen und Ausdauer- oder Hochleistungssportlern sei der Eisenmangel, wobei es wichtig sei, nicht auf das freie Eisen im Blut zu achten, wie Dr. Darabnia ausführt. „In Bezug auf Eisen, das z.B. junge Frauen durch die Monatsblutung verstärkt verlieren oder Hochleistungssportler aufgrund ihrer Aktivität, ist der Ferritinwert entscheidend. Dieser sollte unbedingt abgeklärt werden. Liegt er unter 30, sind die Eisenspeicher nicht voll genug. Das kann zu chronischer Erschöpfung und leichten Depressionen führen.“ In einem solchen Fall empfiehlt die Medizinerin eine intravenöse Eisenmangelsubstitution, da die orale Therapie mit unangenehmen Nebenwirkungen einhergehe.

"Berichten Patienten von chronischer Müdigkeit und Abgeschlagenheit, lässt mich das aufhorchen. Deshalb veranlasse ich in diesen Fällen einen Blutbildcheck." Dr. Jasmin Darabnia

Vorsicht: Eisentherapie kann Doping-relevant sein

Eine Eisenmangelsubstitution sei allerdings vor Wettkämpfen nicht empfehlenswert, weil sie möglicherweise auf der Dopingliste stehe, was man im Vorfeld abklären sollte. „Nach dieser Infusion benötigt der Körper etwa zehn bis 14 Tage, bis er wieder fitter und leistungsfähiger wird. Er nimmt sich das, was er braucht und legt den Rest im Eisenspeicher ab. Die Erschöpfung und die depressiven Verstimmungen verschwinden, ebenso die Müdigkeit. Ich empfehle immer, das Ferritin abklären zu lassen.“

Auch Viren und Schlaf-Apnoe können chronische Müdigkeit verursachen

Im Falle eines vorliegenden Epstein-Barr-Virus sind laut Jasmin Darabnia Hochdosis-Vitamin-C-Infusionen indiziert. Seien die genannten Problematiken nicht ursächlich, die Patienten aber von ständigen Infekten oder Herpes-Virus-Infektionen betroffen, sei ein Virusblock möglicherweise ein probates Mittel, um wieder fit zu werden. Ein überbeanspruchtes Immunsystem zehrt an der Gesamtkonstitution und geht ebenfalls mit chronischer Erschöpfung einher. „Ein weiterer Punkt, der vielleicht auch eine Rolle spielt, ist die Schlafapnoe. Jemand, der untertags ständig müde und abgeschlagen ist, hat vielleicht nachts Atemaussetzer und weiß es gar nicht.“, so Jasmin Darabnia.

Psychische Ursachen für chronische Müdigkeit

Können körperliche Ursachen ausgeschlossen werden, sind es mitunter psychische Komponenten, die eine Rolle spielen. Stress im Berufs- oder Privatleben kann ein Burnout oder eine Erschöpfungsdepression zur Folge haben. Auch massive körperliche Anstrengung, Training ohne Ruhephasen oder übermäßiger Ehrgeiz sind mitunter Auslöser für chronische Erschöpfung, der eine psychische Komponente zugrunde liegt. „Ich führe selbstverständlich mit meinen Patienten ein ausführliches Gespräch, um mögliche Ursachen im Vorfeld festzustellen. Manche Menschen übernehmen sich massiv, sei es beim Sport, im Beruf oder privat und bemerken nach Wochen oder Monaten, dass sie ausgebrannt oder chronisch erschöpft sind. Es gilt, den Betroffenen klarzumachen, dass sie es langsamer angehen müssen und – bei Bedarf – auf psychologische Hilfe zurückgreifen sollten. Sonst brechen sie irgendwann unter der Last zusammen.“, gibt Dr. Darabnia zu bedenken.

Ruhephasen gehören zum Läuferleben dazu

„Wer zum Beispiel ein sportliches Ziel hat, und sich über Monate extrem darauf fokussiert, darf keinesfalls vergessen, seinem Geist und seinem Körper Ruhephasen zu gönnen. Die meisten Menschen machen das neben Beruf und Familie, da ist die Gefahr groß, sich völlig zu übernehmen. Vor allem Männer neigen dazu, nicht genug auf sich zu achten. Deshalb ist es ratsam, sich einzubremsen, auf sich zu schauen oder von Fachleuten beraten zu lassen, wenn man nicht selbst auf sich aufpassen kann.“

Stress im Berufs- oder Privatleben kann ein Burnout oder eine Erschöpfungsdepression zur Folge haben.

Chronische Erschöpfung: ein Phänomen mit Signalwirkung für Sportler

Erschöpfung mag kein angenehmer körperlicher Zustand sein, aber: Sie erinnert uns daran, dass wir eine Pause einlegen müssen. Sie sollte keinesfalls ignoriert werden oder unbehandelt bleiben, wenn sie sich über einen längeren Zeitraum erstreckt. Gerade Sportler erhöhen ihr Verletzungsrisiko, wenn sie körperliche oder seelische Warnsignale übersehen. Eine körperliche Abklärung sollte unbedingt in Betracht gezogen werden. Auch eine Lebensstilmodifikation kann hilfreich sein, sofern keine Erkrankung zugrunde liegt. Ausreichende Ruhephasen sind vor allem bei jenen Menschen indiziert, die viel Stress haben oder regelmäßig Sport treiben. „In vielen Fällen ist die Erklärung für einen chronischen Erschöpfungszustand ganz einfach und somit behandelbar. Wichtig ist nur, nichts zu ignorieren und auf Hilfe zurückzugreifen. Wer Symptome nicht beachtet und sich aufgrund dessen ernsthaft verletzt oder chronisch erkrankt, wird länger dagegen ankämpfen müssen als jemand, der sich früh genug an einen Experten gewandt hat.“, ist Jasmin Darabnia überzeugt.

"Wer Symptome nicht beachtet und sich aufgrund dessen ernsthaft verletzt oder chronisch erkrankt, wird länger dagegen ankämpfen müssen als jemand, der sich früh genug an einen Experten gewandt hat.“ Dr. Jasmin Darabnia
RUNNING-Expertin

Dr. Jasmin Darabnia

Dr. Jasmin Darabnia promovierte im Jahr 2005 an der Medizinischen Universität Wien und ist heute Allgemeinmedizinerin am Ärztezentrum Moser Milani in Wien. Sie verfügt über zahlreiche Zusatzqualifikationen. Ihr breites Behandlungsspektrum umfasst eine ganzheitliche Betrachtungsweise, denn für sie stellen Körper, Geist und Seele eine Einheit dar. Daher bietet sie auch Behandlungen zu medizinischer Ästhetik und alternative Ansätze wie Akupunktur oder Klangschalentherapie an.

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