Die individuelle Laufzeit

Meist müssen wir die kleinen Lücken, die unser prall gefüllter Terminkalender hergibt, nutzen, um die Laufschuhe zu schnüren. Doch was, wenn die Trainingszeiten so gar nicht mit dem Biorhythmus harmonisieren?
Text: Dr. Carsten Drecoll | Fotos: Armin Schirmaier

Die meisten unserer Aktivitäten werden von gesellschaftlichen Normen bestimmt. Arbeit, Familie, Vereinssport – die wenigsten können ihren Sport frei nach Lust und Laune terminieren. Wer Vollzeit arbeiten geht, der hat meist nur drei Optionen: Ein Lauf am Morgen, in der Mittagspause zwischendurch oder nach Feierabend.

Was sagt der Biorhythmus?

Nicht selten passiert es, dass die zeitlichen Möglichkeiten für ein Training dem persönlichen Biorhythmus widersprechen. Typisches Beispiel: Der Langschläfer, der sich am frühen Morgen zum Laufen quält, weil er sonst keine Zeit findet. Das hat Auswirkungen auf Effektivität, Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Die Wissenschaft spricht hier vom sogenannten sozialen Jetlag, da der Körper – ähnlich wie bei Reisen in andere Zeitzonen – mit Anpassungsproblemen zu kämpfen hat.

Nicht bei jedem tickt die innere Uhr gleich, weshalb die EINE optimale Trainingszeit nicht existiert. Vielmehr bestimmen Psyche, Schlafhygiene, Lebensrhythmus und viele individuelle Stoffwechselfaktoren, wann Sie am liebsten und wirkungsvollsten laufen. Wer also am frühen Morgen nur schwer aus den Federn und noch schwerer in die Laufschuhe kommt, braucht sich nicht zu einer intensiven Einheit zwingen, nur weil der Zuckerstoffwechsel am Morgen besonders aktiv ist und das Training vermeintlich begünstigen würde – laufen Sie lieber dann, wenn Sie auch am meisten Spaß dran haben.

An den Genen schrauben

Sollten Ihre Zeitfenster fürs Laufen jedoch so gar nicht Ihrem Biorhythmus entsprechen, brauchen Sie die Sportschuhe nicht in die Ecke verbannen. Niemand ist seinen (Zeitgeber-)Genen schicksalhaft ausgeliefert. Durch die Art und Weise, wie wir leben, lässt sich der Biorhythmus beeinflussen. Durch Ernährung, Bewegung, Stress, Tabak- oder Alkoholkonsum können verschiedene Gene in ihrer Wirkung verstärkt oder abgeschwächt und in Folge Muster verändert werden.

Das wird besonders relevant, wenn Wettkampfstartzeiten von den gewohnten Trainingszeiten abweichen. Denn das kann zu Jetlag-ähnlichen Problemen führen. Daher empfehlen wir: Absolvieren Sie in den letzten Wochen vor Tag X Einheiten zur entsprechenden Startzeit. So hat die Steuerzentrale die nötige Zeit, um alle Regelkreise auf einen veränderten Aktivitätsrhythmus einzustellen.

Und noch etwas ist wichtig: Zu wenig Schlaf bringt den Energiestoffwechsel durcheinander, führt zu muskulären Substanzverlusten und bremst den Fettabbau. Daher sollten Sie neben der für Sie optimalen Trainingszeit vor allem auch darauf achten, regelmäßig und ausreichend zu schlafen. Denn nur so wird Ihr Training langfristig zu einer Leistungssteigerung führen.

Redaktion
Dr. Carsten Drecoll
Dr. Carsten Drecoll, langjähriger Redakteur bei Buch- und Zeitschriftenverlagen, ist seit über 15 Jahren beruflich und privat mit dem Laufsport verbunden.
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