Die Kunst des Idealgewichts

Laufen und Gewicht

„Vorne laufen die Bleistifte, hinten die Radiergummis“, so (angeblich) Lauflegende Herbert Steffny. Doch stimmt das? Nicht jeder, der sportlich aussieht, ist es auch. Und umgekehrt. Denn das ideale Läufergewicht ist individuell verschieden.
Text: Dr. Carsten Drecoll | Fotos: Klemens Wahl

Wer sich mit dem Laufen beschäftigt, wird sich ab einem gewissen Punkt die Frage nach dem Idealgewicht stellen. Vor allem dann, wenn es darum geht, die eigene Laufleistung zu verbessern, werden die Kilos unter die Lupe genommen. Mit der Formel leichter = schneller machen wir es uns jedoch zu einfach. Vielmehr besteht die Kunst darin, das individuelle, optimale Verhältnis zwischen Körpergewicht und Leistungsfähigkeit zu finden.

Ballast abwerfen

Bis zu einem gewissen Punkt geht eine Gewichtsreduktion tatsächlich mit einer verbesserten Laufleistung einher. Die Erklärung hierfür liegt auf der Hand: Gewicht kostet Energie. Wer also weniger wiegt, muss weniger Gewicht tragen. Das Last-Kraft-Verhältnis verbessert sich. Der Gewichtsverlust wirkt sich außerdem positiv auf die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit (VO2 max) aus. Je weniger Gewicht Sie mit sich herumtragen, desto mehr Sauerstoff steht Ihrem Organismus mit jedem Atemzug zur Verfügung. Doch halt: Wer zu viele Kilos verliert, wird schwächer und langsamer anstatt schneller und stärker.

Der ideale Läuferkörper hat also wenig „Ballast“, aber genügend leistungsfördernde Muskelmasse sowie die richtige Art und Verteilung von Fettgewebe vorzuweisen. Das Erreichen des individuell passenden Minimalgewichtes darf nie auf Kosten der Muskulatur gehen.

Als Orientierung lässt sich der Body-Mass-Index (BMI) heranziehen, der sich aus dem Quotienten von Körpergewicht und dem Quadrat der Größe berechnen lässt. Sinkt der BMI bei Frauen unter 19 und bei Männern unter 20, so besteht die Gefahr, dass der Sportler an Muskelmasse verliert, in Folge an Kraft und Leistung einbüßt und darüber hinaus sein Immunsystem schwächt.

Mitspracherecht der Gene

Obgleich der BMI ein hilfreicher Richtwert auf der Suche nach dem Idealgewicht ist, bleiben wichtige Faktoren unberücksichtigt. So stößt die BMI-Formel beispielsweise bei besonders großen oder kleinen Menschen an ihre Grenzen. Auch das individuelle Genmaterial findet in der Formel keine Berücksichtigung, spielt in Bezug auf das Idealgewicht jedoch eine bedeutende Rolle.

So ist durch die Faserverteilung im Muskel des Läufers bereits festgelegt, ob er oder sie eher Typ Sprinter oder Typ Marathonläufer ist. Ein genetisch mesomorph (athletisch) gepolter Läufer wird trotz Gewichtsreduktion niemals die grazile Gestalt eines afrikanischen Weltklasseläufers erreichen.

Auf den Bauch hören

Drum: Lassen Sie sich nicht von Formeln und Vorbildern verrückt machen. Das Idealgewicht ist ein individueller Parameter. Ihr optimales Gewicht ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein anderes als das Ihrer Laufkollegen. Ziemlicher sicher können Sie sich jedoch sein, dass es in der Nähe Ihres persönlichen Wohlfühlgewichtes zu finden ist. Wir raten daher: Vertrauen Sie auf Ihr Bauch- und Körpergefühl. Eine bessere Zielzeit auf Kosten eines unbehaglichen Körpergefühls ist es in den meisten Fällen nicht wert.

 

 

Redaktion
Dr. Carsten Drecoll
Dr. Carsten Drecoll, langjähriger Redakteur bei Buch- und Zeitschriftenverlagen, ist seit über 15 Jahren beruflich und privat mit dem Laufsport verbunden.
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