Laufen auf kleinem Fuß

8 Tipps für ein ökologisches Läuferleben

Auf den ersten Blick sind wir Läufer klimafreundliche Wesen. Wir brauchen keine stromfressenden Trainingsgeräte, die Energie, die wir verbrauchen, ist unsere eigene. Aber wir können es noch besser!
Text: Wiebke Knoche | Fotos: Carsten Drecoll

Unser Sport findet meist vor der eigenen Haustür statt und besteht aus der Natürlichsten aller Fortbewegungsarten. Bei genauerem Hinschauen gibt es jedoch auch im Laufsport Nachbesserungsbedarf in Sachen Nachhaltigkeit. Von der eigenen Ernährung bis zur Wettkampfwahl gibt es zahlreiche Optionen in Richtung bessere Klimabilanz und Schonung der
Umwelt – hier acht Tipps.

  1. Saubere Umwelt

    Zu den besonders unterschätzten Möglichkeiten, der Umwelt etwas Gutes zu tun, zählt, weniger bzw. nachhaltig zu waschen. Insbesondere Sportkleidung, die aus synthetischem Kunststoff gefertigt ist, verliert bei jedem Waschgang unzählige Mikrofasern, die als Mikroplastik über das Abwasser in Flüssen und Meeren landen. Da Textilien aus Synthetik jedoch geruchsempfindlich sind, lässt sich ein regelmäßiges Waschen schwer vermeiden. Wir empfehlen Ihnen daher, sich einen Guppyfriend-Waschbeutel zuzulegen. In diesem werden die abgebrochenen Fasern von synthetischer Kleidung gesammelt und können nach dem Waschen
    mit dem Restmüll entsorgt werden.

  2. Fairkaufen

    Waschbeutel mit Filterfunktion sind jedoch nur der erste Schritt in eine nachhaltigere Zukunft. Wesentlich umweltfreundlicher ist ein Kleiderschrank, der ohne Kunstfasern auskommt. Besonders in Sachen Sportmode ist das jedoch nicht so einfach, denn: Gute  Funktionalität bedeutet meist viel Chemie. In der Regel basieren Kunstfasern auf Erdöl, eine endliche sowie in der Förderung und
    Verarbeitung umweltbelastende Ressource. Verzicht ist daher zwar die nachhaltigste, jedoch keine Dauerlösung. Achten Sie deshalb bei Ihrem nächsten Kauf auf das Etikett. Fairtrade-Siegel verraten, unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen das Textil
    hergestellt wurde. Besonders nachhaltig läuft, wer Shirts aus Naturfasern wie Merinowolle kauft. Diese sind zwar teurer in der  Anschaffung, dafür aber angenehm zu tragen und kaum geruchsempfindlich. Stichwort: weniger waschen.

  3. Augen auf bei der Eventwahl

    Starten wir unsere Trainingsrunde vor der eigenen Haustür, so ist dies besonders umweltfreundlich. Verbinden wir Arbeitsweg und Lauftraining, sparen wir gleich doppelt – Zeit und CO2-Bonuspunkte für einen Flug zu einem Marathonevent am anderen Ende der Welt sammeln wir dadurch jedoch nicht. In Sachen Klima können wir keinen Vorsprung mehr erlaufen. Was jetzt zählt, ist ranbleiben! Bereits mit einer Fernreise pro Jahr haben wir keine Chance mehr, die Grenze von klimaverträglichen 2,3 Tonnen CO2/Jahr  einzuhalten. Suchen Sie deshalb nach Alternativen: Wer das Flair internationaler Stadtmarathons liebt, findet auch in Europa großartige Ziele, die bequem per Bahn erreichbar sind. Ganz nebenbei sind die Beine vielleicht sogar schneller, wenn sie nicht über mehrere Stunden in engen  Flugzeugreihen verstaut werden. Und mit gutem Gewissen läuft es sich ohnehin viel befreiter.

  4. Plastikmüllschleuder Marathon

    Apropos Großveranstaltungen. Ausgerechnet der Laufsport, der sonst ohne viel Equipment und große Eingriffe in Natur und  Laufstrecke auskommt, wird bei Wettkämpfen zur Plastikmüllschleuder. In regelmäßigen Abständen werden Sportler am Streckenrand mit Getränken versorgt. Das Problem: Wasser und Energydrinks werden in kleinen Plastikbechern gereicht, die nach wenigen  Schlucken auf der Straße landen. Während sich Athleten über den kurzen Durstlöscher freuen, entsteht im nächsten Moment ein immenses Müllproblem. Zugegeben: Materialalternativen für die Becher, wie Metall oder Glas, sind denkbar unpraktisch, allein das Verletzungsrisiko zu hoch. Veranstalter suchen nach anderen Lösungen und finden sie derzeit z. B. in der Idee von essbaren  Wasserkugeln. Doch was steckt dahinter? Anstatt in Plastikflaschen produziert ein englisches Startup Wasser in kleinen Kugeln, deren Membran aus essbaren Seealgen hergestellt wird. Zum Einsatz kamen die nachhaltigen Trinkbomben bereits beim London-Marathon im letzten Jahr. Dort konnten die Läufer mit einem großen Happen ihr Wasser während des Weiterlaufens problemlos verspeisen und das Müllproblem zu reduzieren. Viele Trailveranstalter schreiben vor, einen eigenen Becher mitzuführen.

  5. Bücken für die Umwelt

    Ein Trend, der sich bereits weltweiter Bekanntheit erfreut, ist das Plogging. Der nachhaltige Laufsport kombiniert Joggen mit Müllsammeln und geht auf den schwedischen Umweltaktivisten Erik Ahlström zurück. Gestört von dem Müll auf den Straßen
    Stockholms organisierte er vor rund vier Jahren erstmals Laufgruppen, die – mit Handschuhen und Säcken ausgestattet – joggend die Stadt sauberer machen sollten. Mittlerweile gibt es überall auf der Welt Plogging-Gruppen, die ihre Erfolge auf den sozialen Medien teilen. Ganz nebenbei hat der Joggingtrend nicht nur einen nachhaltigen und sozialen Charakter, sondern sorgt außerdem für  Abwechslung im Trainingsalltag. Das ständige Bücken stärkt Rücken-, Beinund Po-Muskulatur, die vollen Mülltüten beanspruchen die Arme und durch die Pausen beim Sammeln wird die Laufeinheit zu einem intensiven Ganzkörper-Intervalltraining. Auch in deutschen Städten gibt es bereits PloggingEvents. Vielleicht sogar in Ihrer Nähe?

  6. Fleischlos glücklich

    Zeit für ein paar Zahlen und Fakten: Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche 500 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr. Diese verursachen im Produktionsprozess Treibhausgase und zwar – heruntergerechnet auf eine Privatperson – ungefähr genauso viele
    wie der Bereich Mobilität. Anders gesagt: Wir sollten nicht nur Zugstolz entwickeln, sondern genau hinschauen, was auf den Teller kommt. Wer sportliche Ambitionen hat, tut dies ohnehin schon. Allen anderen empfehlen wir: Weniger, dafür hochwertigeres Fleisch und mehr Obst und Gemüse. Durch eine vegetarische Ernährung ließe sich die globale Emission von Treibhausgasen im Nahrungsmittelsektor in den nächsten drei Jahrzehnten um bis zu 70 Prozent reduzieren! Das ist immens.

  7. Lokal statt global

    Positive Effekte erzielt bereits, wer regional und saisonal isst. Frische Lebensmittel vom Wochenmarkt oder Bauernladen sind nicht nur besser für das Klima, sondern besitzen auch mehr Vitamine und Nährstoffe, da sie weder um den halben Erdball geschippert wurden noch lange Lagerzeiten auf der Schale haben. Wir als Läufer wissen, wie gute Saisonplanung funktioniert. Lassen Sie uns diese Fähigkeit auf den Einkauf übertragen. In den Sommermonaten können Sie sich guten Gewissens aus Beeren- und Salatvielfalt  bedienen, im Herbst haben Kürbis, Äpfel und Birnen Saison. Gesund über den Winter bringen Sie Kohl- und Wurzelgemüse. Wer hin und wieder tierische Produkte braucht, sollte sich an lokale Bauern und Schlachter wenden und nicht vergessen: Gute Haltungsbedingungen schlagen
    sich auf dem Preisettikett nieder.

  8. Super Food-Alternativen

    Im Sinne eines nachhaltigen Läuferlebens müssen wir auch das Konzept Superfoods überdenken. Denn die gehypten  Energielieferanten haben eines gemeinsam: Sie sind Exoten. Seien es die Chia-Samen aus Mexiko, Quinoa aus Bolivien oder die Açai-Beeren aus Brasilien. All diese Lebensmittel sind einmal um die Welt geflogen, bevor sie auf dem Teller landen. Das macht ihren Verzehr für uns in Deutschland per se zu einer Klimasünde. Verzichten müssen wir auf die gesunden Helferlein jedoch nicht, wir müssen nur woanders suchen. Bio-Leinsamen sind regional verfügbar und in den Inhaltsstoffen mit Chia-Samen nahezu identisch. In Kürbiskernen stecken ähnlich viele Proteine und Mineralstoffe wie in Açai-Beeren. Und das Pseudogetreide Quinoa enthält nur  minimal mehr Eiweiß als Hirse, die dafür aber weniger Fett und 2,5-mal so viel Eisen liefert und in unseren Regionen wieder vermehrt angebaut wird. Ein nachhaltiges Pendant lässt sich für jedes Superfood finden. In diesem Sinne, lassen Sie uns die Umwelt schonen und stattdessen jene Ressourcen verbrauchen, die regenerierbar sind: unsere eigenen.

Wissenswertes

PLOGGING

Der Kunstbegriff Plogging setzt sich aus dem Wort „jogging“ sowie dem schwedischen Verb „plocka“ (sammeln) zusammen. Aus „plocka up“ wurde „plogging“. Sein Erfinder Erik Ahlström kam 2012 auf die Idee, die sich inzwischen auch über Schweden hinaus verbreitete.

Redaktion
Wiebke Knoche
Laufen und schreiben - diesen beiden Leidenschaften geht Wiebke Knoche seit einigen Jahren in der RUNNING-Redaktion nach. Dabei ist sie stets auf der Suche nach spannenden (Lauf-)Geschichten. Nebenbei schreibt sie ihre Masterarbeit im Fach Journalistik.
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