Tätowierungen bei Sportlern

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien war es deutlich zu sehen. Tattoos sind gesellschaftsfähig, gehören in einigen Sportlerkreisen offensichtlich sogar zum guten Ton. Jedoch: Tätowierungen bergen unkalkulierbare Risiken.
Text: Dr. Stefan Graf | Fotos: SXC Montage Klemens Wahl, Damiano Levati The North Face

Aufgrund ihres gesteigerten Stoffwechsels sind gerade aktive Menschen besonders gefährdet. Medizinern bereitet die gegenwärtige „Tattoomanie“ Sorgen. Grund genug für eine internationale Fachtagung 2013 in Berlin, in der es vorrangig um die Risikoabschätzung und mögliche gesetzliche Vorgaben ging. Zentrale Themen waren das toxische Potenzial der Farben, Zulassung- und Hygienevorschriften sowie Ausbildungsvorgaben für das Tätowierhandwerk.

In Deutschland ist bereits jeder Zehnte, von den unter 27-Jährigen sogar jeder Vierte, tätowiert. Davon leiden etwa acht Prozent systemisch an den Folgen – offiziell. Denn viele, die sich gelegentlich mit den Symptomen eines systemischen Schadens – Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Schwindel, Licht­sensibilität, Fieber – herumquälen, bringen ihre Beschwerden nicht mit einer vielleicht schon Jahre zurückliegenden Tätowierung in Verbindung.

Schwierige Situation

Die Diagnostik wird dadurch erschwert, dass kaum jemand über die Zusammensetzung der in seinen Tattoos verarbeiteten Farben informiert ist und eine diesbezügliche Nachforschung meist kaum mehr möglich scheint. Viele Hersteller hüten die Inhaltsstoffe der von ihnen verwendeten Farbpigmente als Betriebsgeheimnis. Zwar ist seit 2008 in Deutschland eine Tätowiermittel-Verordnung in Kraft, die eine Kennzeichnungspflicht beinhaltet und verbotene Inhaltsstoffe nennt. Doch gibt es bisher noch keine gesetzliche Verpflichtung, die in den Farben vermischten Einzelstoffe einem Zulassungsverfahren zu unterziehen, das gesundheitliche Unbedenklichkeit be­scheinigt.

Übertritt ins Lymphsystem

Die Hoffnung, dass die Tattoofarben an ihrem Applikationsort in der Haut verbleiben, hat sich längst zerschlagen. Chirurgen berichten von tiefschwarz gefärbten oder bunt in allen (Tattoo-)Farben leuchtenden Lymphknoten, auf die sie bei Operationen tätowierter Patienten stoßen. Potenzielle Giftstoffe können über das Lymphsystem und den Blutkreislauf im ganzen Körper verteilt werden. Da gerade bei Ausdauersportlern beide Transportsysteme durch eine gute Vaskularisierung (Ge­fäßversorgung) besonders effektiv arbeiten, werden auch Giftstoffe sehr wirkungsvoll zu den Organen transportiert. Erste Organbefunde für Ablagerungen aus Tattoofarben liegen be­reits vor.

Cancerogene Wirkung in der Diskussion

Die Analyse verschiedener Tätowiertinten ergab teils abenteuerlich hohe Konzentrationen folgender potenziell pathologischer Substanzen:

  • Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAKs): besonders in unzureichend gereinigten Schwarztinten, deren Farbkomponente aus dem Erdölprodukt Ruß gewonnen wird. An Tieren wurde die cancerogene Wirkung verschiedener PAKs mehrfach nachgewiesen.
  • Azofarbstoffe: Verleihen unter anderem Autolacken ihre Farbe. Finden sich in zahlreichen bunten Tätowiertinten in hoher Konzentration. Durch Kontaminationen mit aromatischen Aminen können Azo-Farbstoffe zu ähnlich gefährlichen Cancerogenen werden wie die PAKs.
  • Nickel: Das farbige Verbindungen bildende Metall steht weltweit als führendes Kontaktallergen, das Hautrötungen, Ausschläge und einen schweren Juckreiz auslöst. In Deutschland gilt ein Verbot für nickelhaltigen Schmuck, der mehr als 0,5 Mikrogramm des Metalls pro Quadratzentimeter und Woche abgibt. Für die teils hoch mit Nickel belasteten Tätowierfarben existiert keine ähnliche Verordnung.
  • Cadmium, Blei und andere Schwermetalle: Wurden sogar in Tätowierfarben der neuesten Generation nachgewiesen. Schwermetalle zeigen „Vor­lieben“ für bestimmte Organe. Cadmium hat eine besondere Affinität zur Niere. Blei wandert bevorzugt ins Hirngewebe. Die längerfristige Akkumulation kann zu schwerwiegenden Beeinträchtigen der Organfunktionen führen.

Im Licht betrachtet

Tätowierte Ausdauersportler absolvieren ihre langen Einheiten während der warmen Jahreszeiten gern in „kurz“. Unweigerlich bedeutet das intensive Sonnenexpositionszeiten für die Hautbilder. Wie verändern sich die eintätowierten Farben bei der Sonnenlichtabsorption? Kommt es längerfristig – etwa durch die UV-Einwirkung – zu einer Zersetzung und Bildung toxischer Abbauprodukte? Verbleiben diese in den Tattoos, oder werden sie im Organismus verteilt? In Gemälden erfolgen schon beim normalen Ausbleichen chemische Reaktionen, welche die Farbtiefe vermindernde Produkte hervorbringen. Auch sie können schädlich sein. Derzeit kann die Wissenschaft noch keine gesicherten Antworten liefern, doch lassen verschiedene Indizien Schlimmes befürchten. Hierzu gehören Hauttumoren direkt in den Tattoobereichen. Ein kausaler Zusammenhang lässt sich daraus zwar noch nicht ableiteten, aber die Schwere möglicher Folgen mahnt zur Vorsicht.

Energetische Störfelder

Selbst von physiotherapeutischer und naturheilpraktischer Seite häufen sich die Berichte über unklare Beschwerdebilder, die von tätowierten Haut­arealen ausgehen. Die Heilpraktikerin Sylvia Drews, die seit Jahren Marathonläufer wettkampftauglich macht, hat Erfahrungen mit hilfesuchenden Tattooträgern. Typisch, sagt Drews, sei die Frau mit dem bekannten Geweih am „verlängerten Rücken“, die über ausstrahlende Rückenschmerzen klagt. Aus naturheilkundlicher Sicht kommen hier energetische Störfelder in Betracht, die durch Inhaltsstoffe der Tattoofarben aktiviert werden. Aufgrund der momentan noch unsicheren Faktenlage verzichtet Drews bewusst auf Akupunktur und andere invasive Anwendungen direkt in die tätowierten Bereiche. Das Risiko, unkalkulierbare Reaktionen zu provozieren, sei zu groß. Niemand weiß, was mit den Abbauprodukten der Farben geschieht. Einfach ausgeschieden werden sie jedenfalls nicht.

Besser weglasern?

Besonders für die einst bei jungen Frauen so begehrten Verzierungen über dem Po haben selbst eingefleischte Tattoojunkies heute kaum mehr als Spott übrig. So wächst bei vielen reifer gewordenen Geweihträgerinnen der Wunsch nach einer dauerhaften Entfernung. Der Laser machts möglich. Aber die anhängigen Risiken sind prinzipiell die gleichen wie für die Sonnenlichtwirkung. Welche Abbauprodukte entstehen, wo verbleiben sie und welche Schäden können sie anrichten? Einfach weglasern ist also keine einfache Lösung.

Das Fazit

Auch wenn derzeit noch keine wissenschaftlich gesicherten Aussagen über die Art und das  Ausmaß langfristiger gesundheitlicher Schäden möglich sind, sei jedem Tattoo-Liebhaber eine persönliche Risiko-Nutzen-Abwägung ans Herz gelegt. Gerade Tumorerkrankungen haben oft eine jahrzehntelange Vorlaufzeit. Die Gefahr, sich mit der jugendlichen „Verzierungslust“ eine schwerwiegende Erkrankung vielleicht bereits im mittleren Lebensalter zu erkaufen, sollte Warnung ge­nug sein. Körperliche Fitness bietet keinen besseren Schutz. Von medizinischer Seite kann gerade den gesundheitsbewussten Sporttreibenden nur zur Zurückhaltung geraten werden – zumindest solange bis folgende Voraussetzung erfüllt sind:

  • Vorliegen gesicherter Daten über die Langzeitkonsequenzen
  • gesetzlich vorgeschriebene Zulassungsverfahren für sämtliche Tattoofarben
  • konkrete Ausbildungsvorschriften für Tätowierer
  • strenge Hygienevorschriften in Tattoostudios

Lebenslang und irreversibel

Jedes Tattoo ist eine Lebensentscheidung. Unabhängig von den gesundheitlichen Gefahren sollte jeder überlegen, wie ein die jugendliche Haut verzierendes Tintenbild in späteren Jahren der um einiges ihrer Spannkraft beraubten Haut zu „Gesicht“ steht. Damit kein falscher Eindruck entsteht, sei klar ge­sagt, dass wir keine Vorurteile oder Ähnliches gegen tätowierte Sportler hegen, wir möchten nur auf die möglichen Ge­fahren aufmerksam machen.

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