Tabuthemen im Laufsport: Sex

Zunächst einmal müssen wir trennen zwischen sehr intensivem Training und einem geringen Fettanteil, denn der Fettanteil muss durch intensiven Sport nicht zwangsläufig so weit absinken, dass er zu einer Libidostörung führt.
Text: Günther Bergs und Dr. David Möller | Fotos: Sasin Paraska/123RF.COM

Testosteron ist beim Mann hauptverantwortlich und bei der Frau mitverantwortlich für die Libido. Ein zu geringer Fettanteil behindert die Testosteronproduktion, da Testosteron aus Cholesterin synthetisiert wird ‒ dazu braucht es einen ausreichenden Fettanteil.

Etwas vereinfacht: wenig Fett, wenig Cholesterin, wenig Testosteron, wenig Lust. Übrigens fällt der Zyklus der Frau nicht wegen sehr hohe Trainingsbelastungen aus, sondern wegen permanenten Untergewichtes. Und das eine muss nicht zwangsläufig die Folge des anderen sein.

Training und Ernährung

Sinkt nun der Fettanteil, kann das mehrere Gründe haben: eine ungünstige Trainingsstruktur, eine nicht angepasste Ernährung oder psychische Probleme beziehungsweise Erkrankungen. Zur Trainingsstruktur gibt es jede Menge Literatur, auch lohnt sich zuweilen eine kompetente professionelle Beratung, wenn unerwünschte Auswirkungen, gleich welcher Art, festgestellt werden. Das gilt ebenso für die Ernährung. Ist das Training sehr kalorienzehrend, muss entsprechend „nachgeschaufelt“ werden. Mangelt es am Appetit oder am Fachwissen, empfiehlt sich ebenfalls eine professionelle Betreuung. Es ist gut angelegtes Geld, durch einige kleine Maßnahmen großes Übel zu vermeiden. Damit meine ich allerdings nicht den Beipackzettel einer Nahrungsergänzung, sondern einen sporterfahrenen Ernährungsexperten.

Die psychische Komponente

Wird aus psychischen Gründen stark abgenommen, bleibt nur professionelle psychotherapeutische Unterstützung. Alles andere wäre fehl am Platz! Wer kennt es nicht: Die einen stehen bei Stress vor der geöffneten Kühlschranktüre, die anderen haben einen dauerhaften Knoten im Magen, der jegliche Nahrungsaufnahme verhindert. Was also tun? Weniger trainieren? Nein, bestenfalls anders, was nicht unbedingt weniger bedeutet. In der Sexualtherapie wird schließlich Sex nach dem Sport empfohlen, da der erhöhte Erregungszustand des Körpers infolge des Sports eine aktivierende Wirkung auf die Lust hat.

Probleme nicht verlagern

Es lohnt sich aber, genauer auf die Ernährung zu schauen. Intensiver Sport braucht viele Kalorien, die schließlich wieder zugeführt werden müssen. Und zwar so, dass der Fettanteil auf „funktionsfähigem“ Niveau bleibt. Sinkt der Körperfettanteil aufgrund von Stress, einer Störung der Körperwahrnehmung (Körperdysmorphie) oder gar einer Anorexie (Magersucht), dann bleibt nur der Gang zum Psychotherapeuten. Eine Trainingsreduktion würde nur das Problem verlagern, nicht beseitigen!

So kompliziert sind wir

So ist die Ursache einer sexuellen Unlust möglicherweise eine nicht verarbeitete Trauer, die von intensivem Training über eine anhaltende Appetitlosigkeit in eine veränderte Hormonproduktion mündet. Hier helfen weder Hormonpräparate, noch mehr Essen, auch nicht weniger Training, sondern die Verarbeitung der Trauer. Ja, so kompliziert sind wir! Wenn ich mich in meine Gruppen hineindenke, dann hat sexuelle Unlust ausnahmslos eine psychische Ursache. Mit Untergewicht haben wir es in der Lauftherapie eher nicht zu tun, sondern mit Depressionen, Angsterkrankungen oder gestörter Körperwahrnehmung mit der Folge des Übergewichts. Hier hilft sportliche Betätigung, sie schadet nicht. Eine Steigerung des Selbstwertgefühls zum Beispiel hat Einfluss auf Versagensängste beim Sex, bei Männern eher häufig als selten. Ein Tabuthema eben. Und was sagt der Mediziner dazu?

Medizinisch betrachtet

Intensives Ausdauertraining kann einen Libidoverlust bewirken. Es gibt mehrere Fallbeispiele ähnlich dem folgenden: Vor einigen Jahren stellte sich in einer Praxis ein 48-jähriger Mann aufgrund einer Osteoporose (krankhafte Verminderung der Knochendichte) vor. Diese war aufgefallen, als er sich im Rahmen eines Sturzes einen Bruch des linken Unterarmes zuzog. Auf die Frage nach weiteren Beschwerden berichtete er von einer leichten Depression, die er durch regelmäßiges Laufen erfolgreich therapierte. Seit nunmehr acht Jahren lief er nicht weniger als 100 Kilometer pro Woche und verbesserte seine Marathonbestzeit auf zuletzt unter 2:40 Stunden. Auf eine weitere Nachfrage äußerte der Patient, seit etwa 18 Monaten unter einem Libidoverlust zu leiden.

Erniedrigtes Testosteron

Zudem sei ihm aufgefallen, dass sein begleitendes Krafttraining nicht mehr die gewohnten Fortschritte bezüglich seines Muskelaufbaus erbrachten. Er führte dies auf eine Trainingsgewöhnung zurück. Nach einer Blutentnahme fand sich eine Erniedrigung des Testosterons. Im Verlauf konnten andere Ursachen als das exzessive Ausdauertraining (Tumore etc.) ausgeschlossen werden. Die Diagnose lautete somit sportinduzierter „hypogonadotroper Hypogonadismus“. Dabei handelt es sich um eine Unterfunktion der Keimdrüsen (Hoden respektive Eierstöcke). Ein mögliches Symptom ist neben der Verminderung der Libido ‒ bis hin zur Impotenz – auch die Osteoporose, die sich im beschriebenen Fall in einem Knochenbruch zeigte.

Wahl der Therapie

Es gilt: je höher die wöchentliche Trainingsbelastung, desto niedriger der Testosteronspiegel. Dabei ist also nicht immer der Umweg über die Cholesterinsynthese die grundlegende Ursache eines Testosteronmangels. Warum diese Wirkung eintritt, hat man noch nicht komplett verstanden. Die Therapie der Wahl wäre nun eine Verringerung der Trainingsumfänge und -intensität gewesen. Dies lehnte der Marathoni aber aus zweierlei Gründen ab. Zum einen fürchtete er ein mögliches Wiederauftreten seiner Depression. Andererseits konnte er sich nicht von seinen sportlichen Ambitionen distanzieren und wollte nicht den möglichen Leistungsverlust akzeptieren. Somit entschied man sich stattdessen zur Substitution des verringerten körpereigenen Testosterons.

Bis zur Lethargie

Auch indirekt kann Ausdauertraining langfristig zu einem Libidoverlust führen. So beobachtete man, dass intensives Training einen Mangel von Schilddrüsenhormonen begünstigt. Auf diesem Weg verursacht es dann Müdigkeit bis hin zur Lethargie.

Leptin ist ein Hormon, welches im Energiestoffwechsel des Menschen eine entscheidende Rolle spielt. Wird es ausgeschüttet, verursacht es eine Abnahme des Appetits und erhöht den Grundumsatz. Gebildet wird es vor allem im Fettgewebe. Es ist erhöht bei Übergewichtigen und erniedrigt bei Untergewichtigen. Man vermutet, dass es aufgrund einer Wirkresistenz durch dauerhaft zu hohe Spiegel bei Übergewichtigen nicht zur Gewichtsabnahme führt. Damit zerschlugen sich große Hoffnungen, es in der Therapie regelhaft zur Gewichtsreduktion einsetzen zu können.

Negativbilanz durch Marathon

In einer Studie zeigte sich, dass untrainierte Frauen einen drei Mal so hohen Leptinwert besaßen wie ausdauertrainierte Frauen, welche die gleiche Nahrungsmenge zu sich nahmen. Die Ausdauersportlerinnen wiesen zudem weitere veränderte Laborparameter als Hinweis auf ein chronisches Energiedefizit auf. Bei einem männlichen Kollektiv konnte festgestellt werden, dass die ausgeprägte negative Energiebilanz, die ein Marathon hervorruft, ein Absinken der Leptinwerte bedingt. In beiden Fällen ist über den Wirkort des Leptins (Hypothalamus) mit einem Einfluss auf die Bildung der Sexualhormone und damit auf die Libido zu rechnen. Bei gesunden Durchschnittsbürgern zeigte sich unabhängig vom Körpergewicht eine Abnahme des Leptins mit steigender körperlicher Betätigung.

Nur unter Anleitung

Ein langfristiges Energiedefizit – wie zum Beispiel durch intensives Training oder einen geringen Fettanteil – bedingt somit unter Umständen einen Leptinmangel und in der Folge einen Libidoverlust. Dabei genügt laut einer Studie bereits ein vierwöchiges Sportprogramm, um zu einem signifikanten Abfall von sowohl Leptin als auch Testosteron zu führen. Auch hormonell kann somit durch intensives Training oder einen erniedrigten Körperfettanteil sexuelle Unlust verursacht sein. Diese mögliche Diagnose darf man also bei entsprechenden Beschwerden nicht gänzlich vergessen. Sollte eine Therapie notwendig werden, ist diese immer unter Anleitung und Beobachtung eines medizinischen Fachmannes individuell festzulegen.

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