Osteopathie

Alternative Heilmethode für Sportler

Der Begriff der Osteopathie (griech.: osteon = Knochen, pathos = Leiden) mag manchem nach einer Knochenkrankheit klingen. Doch bezeichnet das Wort heute einen ganzheitlichen Therapieansatz, der bei verschiedensten Beschwerden zur Anwendung kommt.
Text: Dr. Stefan Graf | Fotos: Endomedion/123rf.com

Beschwerden, die in einem Bereich lokalisiert sind, werden nie isoliert, sondern im Kontext von Funktionsketten behandelt, die aus unterschiedlichen Geweben bestehen, wie Knochen, Muskeln, Faszien, Sehnen und Organen. Das Ziel ist die Beseitigung von Blockaden, Verspannungen, Bewegungseinschränkungen sowie der damit verbundenen Schmerzen. Mit diesem Ansatz ist die Osteopathie ein alternativmedizinisches Verfahren und wird oft der wissenschaftlichen Medizin gegenübergestellt. Doch es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um eine wirksame Kombination.

Heilendes „Hand“-werk

Der Osteopath wendet besondere, präzise dosierte manuelle Streich-, Druck-, Knet- oder Lockerungstechniken an, die nicht nur am Beschwerdeort selbst, sondern auch bei weiter entfernten Körperregionen ansetzen können. Diese Behandlungen erfordern ein fundiertes anatomisches, neurologisches und funktionales Wissen sowie viel praktische Erfahrung. Eine unsachgemäße Ausführung kann Blutgefäße, Nerven oder schlimmstenfalls sogar das Rückenmark irreversibel schädigen. Daher setzen diese Techniken eine spezielle Ausbildung voraus, und Patienten sollten bei der Therapeutenwahl auf die Berufsbezeichnung „Osteopath D. O.“ (Diplomierter Osteopath, Doctor of Osteopathy) achten.

Wie läuft die Therapie ab?

Eine ausführliche Anamnese und eine gesamtkörperliche Untersuchung bilden den Einstieg in jede osteopathische Behandlung. Auch lange zurückliegende Vorerkrankungen, die vielleicht für den Patienten in keinem Zusammenhang mit dem aktuellen Beschwerdebild stehen, werden berücksichtigt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Dysbalancen und Fehlstellungen (Beckenschiefstand oder Wirbelsäulenverkrümmung), es wird die Mobilität der Gelenke geprüft, und Kraft und Balance von Muskeln, die antagonistisch arbeiten, werden untersucht. Die genaue manuelle Lokalisation von Schmerzpunkten rundet die Diagnostik ab. Auf dieser Basis erstellt der Osteopath das individuelle Behandlungskonzept, gegebenenfalls in Abstimmung mit parallel stattfindenden schulmedizinischen Therapien. Die Behandlung folgt stets dem ganzheitlichen Prinzip der Naturheilkunde und zielt darauf, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren. Kürzere oder längere Pausen zwischen den Behandlungseinheiten ermöglichen dem Organismus die Verarbeitung der gesetzten Reize.

Faszien

Seit 2007 stehen die Faszien verstärkt im Mittelpunkt der medizinischen Forschung und werden auch bei zahlreichen Fitness- und Entspannungstechniken berücksichtigt. Faszien sind Bindegewebe aus Kollagen, Wasser und weiteren Substanzen und bilden im Einzelnen sehr unterschiedliche Strukturen aus. In der Osteopathie standen sie bereits seit Längerem im Fokus der Aufmerksamkeit, denn sie bilden für Muskeln oder Organe eine Art Korsett und übernehmen dabei zahlreiche Aufgaben: So spielen sie bei Spannungsaufbau, Kraftübertragung und Propriozeption (also der Eigenwahrnehmung im Raum) eine wesentliche Rolle. Daher stellen sie auch bei Verletzungen einen wichtigen Ansatzpunkt für die Therapie dar.

Bereits vor der neuesten Wiederentdeckung der Faszien entwickelt der amerikanische Notfallmediziner und Osteopath Stephen Typaldos (1957–2006) das Faszien-Distorsionsmodell (FDM). Dabei ging er davon aus, dass die meisten Überlastungsschäden weder die Muskelfasern noch ihre neuronalen Strukturen betreffen, sondern das vielschichtige Fasziennetz. Viele der klassischen Verletzungen, die man auf Muskeln zurückführte, entpuppten sich mittlerweile als Verdrehungen oder Verklebungen von Faszien, die neben den elastischen Kollagen- und Elastinanteilen auch Nervenenden beherbergen. So sind Rückenschmerzen für viele Läufer ein Problem. Meist wurden bislang „Muskelverspannungen“ angenommen, wenn keine Schäden an der Wirbelsäule vorlagen. Heute wird hingegen auch eine Verletzung der Lendenfaszie in Betracht gezogen.

„Lange hat man sich therapeutisch zu einseitig auf die Muskulatur konzentriert und die bindegewebigen Begleitstrukturen vernachlässigt. Dies hat der Entwicklung von Ungleichgewichten zwischen kooperierenden Geweben wie Muskeln und Sehnen Vorschub geleistet“ erklärt DOSB-Physiotherapeut und Osteopath D.O. Frank Brenner. „Im Verbund mit spröden Begleitstrukturen birgt selbst ein gut trainierter Muskel Verletzungsrisiken.“ Mit osteopathischen FDM-Anwendungen hat Brenner bereits etliche Profiathleten von hartnäckigen Beschwerden befreit.

Sechs Distorsionstypen

Erfahrene Osteopathen behandeln – gerade im Sportbereich – viele Beschwerden erfolgreich mit Anwendungen, die besonders das Bindegewebe berücksichtigen. Zugrunde gelegt wird dabei das Faszien-Distorsionsmodell, das sechs Distorsionstypen kennt:

  1. Kontinuumdistorsion: Gewebeverschiebungen oder -verklebungen am Übergang unterschiedlicher Gewebearten (etwa Sehne und Muskel)
  2. Triggerband: Verdrehung, Verkalkung oder Beschädigung einer bandartigen Faszienschicht durch Fehlbelastung
  3. Hernierter Triggerpunkt: Gewebevorwölbung (Protusion) durch eine darüberliegende Faszie
  4. Faltdistorsion: Verdrehung gefalteter Faszien an Gelenken, muskulären Trennstrukturen und Knochenmembranen durch unphysiologische Krafteinwirkung
  5. Zylinderdistorsion: Überlappung oder Verhakung der zylindrischen Windungen von oberflächlichen Faszien
  6. Tektonische Fixation: Gleitfähigkeitsverlust und Verkleben von Faszien mit Gewebestrukturen

Teilbereiche der Osteopathie

Trotz des ganzheitlichen Ansatzes, jede Struktur als „Rädchen“ im Gesamtgefüge zu behandeln, gliedert sich die Osteopathie je nach Beschwerdelokalisation in drei Teilbereiche:

  1. Parietale (strukturelle) Osteopathie: Bewegungsapparat (Knochen, Muskeln, Faszien, Sehnen, Bänder, Gelenke).
  2. Viszerale Osteopathie: inneren Organe (lat. viscera = Eingeweide) im Brust-, Bauch- und Beckenraum.
  3. Cranio-sacrale Osteopathie: Bereich zwischen Schädel (lat. Cranium) und Kreuzbein (Sacrum), umfasst die Wirbelsäule, Hirn- und Rückenmarksstrukturen sowie das Nervensystem.
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