Hilfe bei Knorpelschäden am Knie

Fast jeder Läufer klagt im Laufe seines Lebens über Knieschmerzen. Oft sind Knorpelschäden die Ursache. Heutzutage gibt es viel Möglichkeiten, diese zu behandeln. Das Kniegelenk ist eines der kompliziertesten Gelenke des menschlichen Organismus.
Text: Gabriele Hellwig | Fotos: Rainer Zola

Beim Laufen wird es großen Strapazen ausgesetzt: Es muss Belastungen und Stöße bis zum Siebenfachen des Körpergewichtes auffangen und dämpfen.

Drei Knochen treffen am Knie aufeinander und bilden das Gelenk: der Oberschenkelknochen, das Schienbein und die Kniescheibe. Diese Knochen sind mit glattem Knorpel überzogen. Er ermöglicht die geschmeidige Bewegung und dämpft die Erschütterungen. Wird die Knorpelschicht immer dünner, reiben die Knochen irgendwann direkt aufeinander. Der Patient leidet unter Schmerzen.

Dr. Ernst-Helmut Schwer, Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin der Klinik Fleetinsel Hamburg: „Bei Läufern entstehen Knorpelschäden oft durch chronische Überlastung des Kniegelenks. Diese Überlastung kann durch ein Zuviel an Training, aber ebenso durch falsches Training, einen ungünstigen Laufstil oder unzweckmäßige Schuhe zustande kommen.“ Knorpelschäden entwickeln sich aber nicht nur durch eine übermäßige Belastung, sondern oft handelt es sich dabei gleichzeitig um eine natürliche Abnutzung bei zunehmendem Lebensalter. Schließlich wird das Kniegelenk im Alltag ständig gefordert.

Einteilung nach Schweregrad

Knorpelschäden (Chondropathie) im Kniegelenk werden in vier Gruppen eingeteilt. Je nach Schweregrad unterscheidet man in:

Knorpelschaden Grad 1
Der Knorpel ist zwar vollständig vorhanden und glatt, aber stellenweise aufgeweicht. Vor allem die Zonen intensiver Druckbelastung sind betroffen.
Knorpelschaden Grad 2
Der Knorpel ist aufgeraut, und es zeigen sich teilweise kleine Risse. Die Einriss-Tiefe ist kleiner als 50 Prozent der Knorpeldicke.
Knorpelschaden Grad 3
Es bestehen Risse und Löcher im Knorpel. Die Knorpeldefekte sind größer als 50 Prozent der Knorpeldicke. Zum Teil reichen sie bis zur Knochenschicht.
Knorpelschaden Grad 4
Stellenweise ist die Knorpelschicht völlig zerstört. Der darunterliegende Knochen liegt völlig frei („Knorpelglatze“).

Mögliche Behandlungsmethoden

Knieschmerzen sollten möglichst früh behandelt werden. Unbehandelt wird der Knorpelschaden immer größer. Folgende Methoden dazu gibt es:

  • Physiotherapie. Durch die Krankengymnastik werden die Muskeln langfristig gestärkt und das Kniegelenk entlastet. Der Patient lernt, sich im Alltag Knie schonend zu bewegen.
  • Schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente. Um akute Schmerzen zu bekämpfen, können vorübergehend Schmerzmittel genommen werden.
  • Bandagen. Orthopädische Hilfsmittel wie Bandagen stabilisieren das Kniegelenk.Injektionen. Spritzen ins Gelenk mit Hyaluronsäure, einem Baustein des Knorpels, können Schmerzen lindern und die Beweglichkeit bessern.
  • ACP-Therapie. ACP bedeutet Autologous Conditioned Plasma. Bei dieser Technik werden körpereigene Wachstumsfaktoren in das Gelenk injiziert. Hierfür wird dem Patienten etwas Blut abgenommen und das Blut speziell aufbereitet. Die Wachstumsfaktoren sollen im Gelenk entzündungshemmend wirken und die Regeneration und Stabilisation der noch vorhandenen Knorpelstrukturen fördern.
  • Mikronährstoffe. Gelenkknorpel besteht aus Knorpelzellen (Chondrozyten) und einer extrazellulären Matrix, die zu 60 bis 80 Prozent aus Gewebeflüssigkeit und zu 20 bis 40 Prozent aus Strukturmolekülen gebildet wird. Dr. Schwer: „Glucosaminsulfat, Chondroitinsulfat und Kollagenhydrolysat sind wichtige Bausteine für das Knorpelgewebe und die Gelenkflüssigkeit. Sie stimulieren die Strukturmoleküle.“
  • Knorpelaufbau. Knorpelzellen können neu gezüchtet werden.

Verfahren zur Knorpelzellenzüchtung

Zur Züchtung von Knorpelzellen gibt es verschiedene Verfahren:

  1. Mikrofrakturierung. Bei der Mikrofrakturierung, auch Knorpelanfrischung genannt, werden mit einer feinen Ahle winzig kleine Löcher in die freiliegende Knochenoberfläche gebohrt. Dr. Schwer: „Durch diese haarfeinen Perforierungen kommt es zum Austreten von stammzellenreichem Knochenmarkblut. Entwicklungsfähige Zellen aus dem Knochenmark setzen sich im Defekt fest.“ Innerhalb der nächsten zwei bis drei Monate wandelt sich der Blutkuchen in Faserknorpel um. Dieser füllt nach und nach den Knorpeldefekt auf.
  2. Osteochondral-Autograft-Transfer-System (OATS). Bei dieser Methode wird ein Knochenzylinder mit Knorpelüberzug – vergleichbar mit einem Streichholz (Knochen = Holz, Knorpel = rotes Köpfchen) – aus einem wenig belasteten Gelenkbereich entnommen. Gleich im Anschluss wird dieser Knochenzylinder dann in den Schadensbezirk verpflanzt. Bei größeren Knorpelschäden können mehrere dieser Zylinder im Kniegelenk eingesetzt werden. Die implantierten Knochenknorpelanteile verbinden sich innerhalb von etwa acht bis zwölf Wochen mit der umliegenden Knorpelsubstanz.
  3. Autologe Chondrozyten-Transplantation (ACT). Bei der ACT entnimmt der Arzt dem Patienten zunächst ein kleines Stück Knorpelgewebe aus einem gesunden, nicht belasteten Bereich des Kniegelenkes. „Dann werden die entnommenen Knorpelzellen in einem Labor über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen vermehrt“, sagt Dr. Schwer. Die Zellen befinden sich auf einem dreidimensionalen Trägervlies und können so in exakt die notwendige Form zugeschnitten werden. Die Trägersubstanz wird bei einem zweiten Eingriff in den Defekt eingebracht und nach einigen Wochen vom Körper resorbiert. Die transplantierten Zellen bilden dann eine neue Knorpelschicht.
  4. Chondrofiller-Therapie. Ganz neu ist die Chondrofiller-Therapie, um Knorpelschäden am Knie zu behandeln. Der Begriff Chondrofiller ist abgeleitet von dem griechischen Wort „Chondrozyt“, übersetzt „Knorpelzelle“, und dem englischen Verb „to fill“, übersetzt „füllen“. Bei dem Chrondrofiller handelt es sich um ein biologisches Knorpelimplantat aus flüssigem Kollagen. „Kollagen ist das am häufigsten vorkommende Strukturprotein des menschlichen Körpers und der Hauptbestandteil von Haut, Sehnen und Knorpel. Daher ist es ideal für die Behandlung von Knorpelschäden geeignet“, erläutert Dr. Schwer, der das Verfahren einsetzt. Großer Vorteil dieser Methode: Sie funktioniert ohne Züchtung von Knorpelzellen im Labor. Das bedeutet: Es ist, im Gegensatz zur ACT, nur ein einziger Eingriff notwendig.

Wichtig zu wissen

Eine Knorpelzüchtung ist nur möglich, wenn noch gesunder Knorpel im Knie vorhanden ist. Außerdem sollte der umgebende Knorpel noch intakt sein. Vorbeugen ist möglich: Je stärker die Muskeln rund um das Knie sind, desto mehr Halt besitzt das Gelenk und desto geringer ist das Risiko einer kontinuierlichen Abnutzung des Knorpels am Knie. Daher ist ein gezieltes Training des gesamten Körpers für Läufer unabdingbar. Die richtige Lauftechnik trägt ebenfalls zur Vermeidung von Überlastungsschäden bei. Natürlich sind weiterhin gut dämpfende Schuhe zu empfehlen.

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