Gesund in den Läuferurlaub

Jetzt an Impfung & Co. denken

New York – Rio – Tokio – die Läuferspezies ist kosmopolitisch. Sportreisen kombinieren ein aktives Hobby, Entdeckergeist und Erholung. Exotische Ziele sind mittlerweile ganz selbstverständlich im Angebot.
Text: Stefan Graf | Fotos: Armin Schirmaier

Extreme klimatischen Bedingungen und Mikroorganismen, auf die ein mitteleuropäisches Immunsystem nicht eingestellt ist, können (lebens-)bedrohliche Folgen haben. Ebola in West-, Pest in Ostafrika, Cholera in Indien – nicht erst seit den jüngsten Seuchen-Meldungen werden die Pandemie-Risiken durch die globale Reisetätigkeit diskutiert. Aber nicht nur die schlagzeilenträchtigen Infektionsgefahren muss der reisende Marathoni beachten. Schon die kleine Schürfwunde kann bei mangelndem Standardimpfschutz zum großen Problem werden.

Welche Risiken bestehen, welche Impfungen und Vorbereitungen sind erforderlich, und was ist im Notfall vor Ort zu tun? Nicht nur sportlich, auch medizinisch präpariert sollte der Laufreisende an den Start gehen. Zu allererst muss der Blick in den Impfpass erfolgen. Hierbei ergeben sich die folgenden Fragen: Ist der Standardschutz noch aktuell? Sind Auffrischungen nötig?

Vor der Kür die Pflicht

Vor der Auseinandersetzung mit fremdländischen Erregern steht der Standardimpfschutz, den jeder unabhängig von Wohnort, Alter und Geschlecht ernst zu nehmen hat. So werden die von einer kleinen Wunde ausgehenden Gefahren, durch eine Infektion mit dem omnipräsenten Tetanuserreger an Wundstarrkrampf zu erkranken, oft unterschätzt. Zu etwa 30 Prozent verläuft die Krankheit tödlich – ein Gegenmittel fehlt.

Zu den wichtigen Grundimmunisierungen, die zeitlebens in festen Intervallen aufgefrischt werden müssen, zählen:

  • Tetanus: Das Bakterium Clostridium tetani ist überall präsent (Waldboden, Straßenbelag/-staub). Eine kleine Wunde reicht ihm aus, um sein Toxin freizusetzen, das Tetanus mit einer Inkubationszeit zwischen wenigen Tagen und mehreren Wochen auslöst. Nach zunächst grippeartigen Symptomen schädigt das Gift das Nervensystem. In Lähmungen mündende Ganzkörper-Muskelkrämpfe (Wundstarrkrampf) führen zum Tod. Selbst Antibiotika können die Toxinwirkung nicht stoppen. Eine Grundimmunisierung im Säuglingsalter und regelmäßige Auffrischung im Zehn-Jahresabstand bieten einen sicheren Schutz.
  • Diphterie: Corynebacterium diphtheriae ist weltweit via Tröpfcheninfektion (Husten, Niesen) verbreitet. Sein Toxin verursacht nach einer Inkubation von zwei bis sieben Tagen Halsschmerzen, Fieber und Schwäche, bevor das Herz und andere Organe Schaden nehmen. Unbehandelt verläuft die hochansteckende Krankheit oft tödlich. Weltweit kommt es immer wieder zu lokalen Epidemien. In Deutschland erkranken alljährlich einige Personen. Die Diphtherie-Impfung (Auffrischung alle zehn Jahre) beugt wirkungsvoll vor.
  • Pertussis: Im Bewusstsein vieler handelt es sich um eine Kinderkrankheit, aber Keuchhusten befällt auch Erwachsene. Obwohl hierzulande 90 Prozent der Kinder frühzeitig geimpft werden, versäumen viele die Zehn-Jahres-Auffrischungen und verlieren den Schutz gegen das tröpfcheninfektiöse, sich auf Schleimhäuten der Atemwege vermehrende Bordetella-pertussis-Bakterium. Da es außerhalb des Körpers (Staub, Kunststoffe, Textilien) mehrere Tage überlebt, ist die Ansteckungsgefahr hoch. Nach ein- bis dreiwöchiger Inkubation verursachen die Bakterientoxine unspezifische Grippesymptome, die später in stakkatoartige Hustenanfälle mit lebensbedrohlicher Atemnot übergehen. Neben der Schädigung bronchialer Schleimhäute und umliegender Gewebe wird das Immunsystem erheblich geschwächt. Ein durchgemachter Keuchhusten liefert keinen lebenslangen Schutz vor einer erneuten Infektion!

Kleiner Pieks und süße Impfung

Mit dem DPT-Impfstoff erfolgt die Auffrischung für die drei genannten Erkrankungen mit nur einem Pieks. Nebenwirkungen, die über lokale Reaktionen (Rötung, Schwellung, leichte Schmerzen) hinausgehen, sind selten. Ohne DPT-Schutz empfiehlt es sich nicht, auf Reisen zu gehen. Kinderlähmung (virale Poliomyelitis), die älteren erinnern sich an die „süße“ Schluckimpfung, gilt in weiten Teilen der Welt seit der Jahrtausendwende als ausgerottet, nicht jedoch in Afghanistan, Pakistan und Nigeria. Daher sollte unabhängig von der individuellen Reisetätigkeit bis zur weltweiten Eliminierung weitergeimpft werden (heute als Injektion). Die MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) wird allen nach 1970 Geborenen im Hinblick auf die weltweite Ausrottung empfohlen (Herdenimmunisierung).

Fremde Länder – fremde Gefahren

Beim Mallorca-Trainingslager wird vor der Verwendung von Leitungswasser zum Zähneputzen gewarnt. Salate, offenes Obst in Ägypten – No‑Gos! Allgemein gilt es, sich vor jedem Aufenthalt über die Hygienestandards im Gastland zu informieren. Verantwortungsvolle Reiseanbieter (wie Interair, Laufreisen.de) stehen mit Rat und Tat zur Seite. Für Nils Krekenbaum, Geschäftsführer von Laufreisen.de und selbst passionierter Ultra mit globaler Auslandserfahrung, sind Informationen zum Impfschutz integraler Bestandteil eines Servicepakets, das über Risiken und Prophylaxe aufklärt. In der Regel zeigen sich die Teilnehmer an Laufreisen sehr verantwortungsvoll, fällt Krekenbaum ein Positivurteil.

Mediale Missverständnisse

Dennoch muss er einiges an Aufklärungsarbeit leisten, um medial kolportierte Missverständnisse auszuräumen. Gerade wenn es um lokal begrenzte Epidemien, wie Ebola, Pest und Cholera, geht, herrschen teils abenteuerliche Vorstellungen von deren Verbreitungsgrad. So ist etwa die Gefahr, sich bei einem Südafrika-Aufenthalt mit dem Ebolavirus zu infizieren nicht größer als in Europa, da ausschließlich einige ostafrikanische Regionen betroffen sind. Nichtsdestotrotz gilt es, vor wirklichen Gefahren zu warnen. Krekenbaum und sein Team „belaufen“ alle vom Unternehmen angebotenen Ziele selbst, um sich mit den dortigen Hygieneverhältnissen und potenziellen Gefahren vertraut zu machen. Im Abgleich mit aktuellen Impflisten wird die Angebotspalette im Fokus der gesundheitlichen Unbedenklichkeit überprüft.

Was der Bauer nicht kennt …

… das isst er nicht. Erreger, die das Immunsystem nicht kennt, kann es nicht gleich eliminieren. Einer Leipziger Studie zufolge haben über 30 Prozent der Fernreisenden multiresistente Erreger im körperlichen Gepäck. Zwar erkrankt davon nur ein kleiner Teil, aber zur globalen Ausbreitung tragen alle bei. Insbesondere sogenannte ESBL-Bildner bereiten derzeit Sorge. Diese Bakterien produzieren Extended-Spectrum-Beta-Lactamase, ein Enzym, das zahlreiche Antibiotika spaltet und diese Keime multiresistent macht. Über medizinische Reisevorbereitungen, die aktuelle Weltseuchenlage, lokale Infektionsrisiken, Impfempfehlungen und die Bestückung der Reiseapotheke informiert das in Düsseldorf ansässige Centrum für Reisemedizin.

Erreger auf dem Vormarsch

Nicht nur für den Menschen ist die Welt klein geworden, und so sind einige bislang als endemisch für Teile Asiens und Afrikas geltende Erreger auf dem globalen Vormarsch. Jüngste Beispiele: Dengue- und Chikungunyafieber, zwei von der Tigermücke übertragene Infektionskrankheiten, die noch vor wenigen Jahren nur in den (Sub-)Tropen (Dengue) respektive in Regionen Asiens und Afrikas (Chikungunya) auftraten. Heute gibt es bestätigte Dengue-Infektionen in Südfrankreich, und Chikungunya breitet sich seit Ende 2013 besonders über den amerikanischen Kontinent aus. Massenurlaubsziele wie die Dominikanische Republik sind ebenso betroffen. 2014 brachten laut Angaben des Robert-Koch-Instituts 159 Deutsche ein Chikungunyafieber als Andenken mit nach Hause – gut zehnmal so viele wie im Jahr zuvor. Beide Krankheiten können lebensbedrohliche hämorrhagische Verläufe (innere Blutungen) nehmen. Da es keine Impfungen gibt, gehört bei Fahrten in Risikogebiete ein wirkungsvoller Mückenschutz wie DEET (Diethyltoluamid) in die Ferienapotheke.

Schmutziges Wasser und dicke Luft

Virale (zum Beispiel Hepatitis A) und bakterielle (Cholera) Infektionen aufgrund mangelnder Hygiene sind ein Dauerbrenner. Vor Ort gelten besonders kontaminiertes Wasser und rohe Lebensmittel als Gefahrenquellen: „Cook it, peel it or forget it!“ – frisches Obst und Gemüse nur geschält beziehungsweise gut abgekocht verzehren. Vorsicht bei unbekannten Speisen. Nicht abgekochtes Trinkwasser (auch als Eiswürfel) ist tabu!

Eine andere relevante Frage ist die nach der Luftqualität. Wer sich den Traum Peking Marathon erfüllen möchte, ist mit einem Vorabcheck der Atemwege gut beraten, insbesondere als Asthmatiker. So therapeutisch wirksam das Laufen sein mag, der Smog einer asiatischen Metropole ist mit heimischen Abgasbelastungen nicht vergleichbar.

Tierische Bekanntschaften

Jeder Läufer kennt unliebsame Begegnungen mit bellenden Hunden. Dass sie nicht beißen, ist eine Mär und kann in Südeuropa, erst recht in Asien, lebensgefährlich werden. Über 50.000 Menschen sterben alljährlich an Tollwut. Das auslösende Rhabdovirus wird durch den Speichel wild lebender Tiere, zu 99 Prozent von Hunden, selten durch Füchse, Fledermäuse oder Affen übertragen. Tollwütiger Tierspeichel ist hochinfektiös und findet über kleinste Hautverletzungen und sogar über intakte Schleimhäute (Augen, Nase, Mund) einen Zugang zum menschlichen Körper. Die Inkubationszeit beträgt mitunter Jahre, doch führt ein Krankheitsausbruch über Krampfanfälle und Koma fast immer zum Atemlähmungstod. Eine generelle Impfempfehlung für Risikogebiete wie Indien, Thailand oder Bangladesch gibt es nicht. Hier spielt die Individualität (Hoteltourist, Trekker oder Läufer) eine wesentliche Rolle. Daher unbedingt im Vorfeld persönlich beraten lassen!

Parasiten …

…gibts im und wie Sand am Meer. Es handelt sich um Protozoen – Einzeller, die im Gegensatz zu Bakterien und Viren einen Zellkern aufweisen. Der prominenteste humanpathogene Vertreter ist der Malaria-Erreger. Das in fünf Varianten bekannte Plasmodium wird von der Anophelesmücke übertragen. Dem luftigen Transportweg verdankt die auch Sumpffieber genannte Krankheit ihren Namen (mala aria = schlechte Luft). Hauptverbreitungsgebiete sind Afrika (südlich der Sahara), Teile Südostasiens und Südamerikas. Immerhin konnten seit der Jahrtausendwende die globalen Erkrankungsraten um ein Drittel, die Todesraten sogar fast um die Hälfte gesenkt werden. Das ist verbesserten Prophylaxe- und Therapiemaßnahmen zu verdanken, aber auch der Frontseite der Umweltverschmutzungsmedaille. Den Anopheles-Moskitos mangelt es zunehmend an sauberen Wasservorkommen, die einige Varianten zur Bebrütung benötigen.

Tödlicher Doping-Tourismus

In Deutschland kann man relativ sicher sein, dass in Medikamenten aus der Apotheke oder dem Krankenhaus das darin ist, was draufsteht. In Hotspots wie China oder Indien ist nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation jedes zweite Medikament gefälscht. Von der Verpackung über Beipackzettel bis hin zu den Wirkstoffen (überaltert, verdünnt, vertauscht) – nichts ist vor der Fälschermafia sicher, selbst Apotheken und Kliniken nicht.

Der Konsum von Schmerz-, Aufputsch- und Dopingmitteln ist in der Sportlerszene traurige Realität. Aber was bei uns meist „nur“ Langzeitschäden hervorruft, kann im Ausland schnell tödlich enden. Daher Hände weg von allen Pharmaka, die nicht vom heimischen Arzt aus medizinischer Indikation verordnet und vor Fahrtantritt besorgt wurden. Doping-Tourismus ist absolut tabu!

Reiseapotheke und Notfallmanagement

Mit allen planbar benötigten Medikamenten (Dauermedikationen, Schmerz-, Durchfall-, Insektenschutzmittel) gehört die Reiseapotheke in Deutschland bestückt. Um für Notfälle wie einen Krankenhausaufenthalt oder Medikamentenbedarf besonders in asiatischen und afrikanischen Regionen gewappnet zu sein, gilt es, sich vor Reiseantritt über zertifizierte Kliniken zu informieren, die hygienischen und medikamentösen Leitlinien entsprechen. Das selbst in Deutschland brisante Thema Krankenhauskeime ist in Entwicklungsländern ungleich größer. Eine rechtzeitige Reise- und Impfberatung (für etwa 20 Euro im Tropeninstitut oder der Fachapotheke) sei jedem ans Herz gelegt. Des Weiteren sind lange Zeit vor dem Fahrantritt Versicherungsfragen (wie die Auslandskrankenversicherung) zu klären. Für die Faszination, die Welt laufend zu erkunden, lohnen sich diese Investitionen allemal

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