Fitte, gesunde Füße für Läufer

Fußfehlstellungen und ihre Auswirkungen

Knickfuß, Hohlfuß, Spreizfuß, Ballenzeh – Fußfehlstellungen sind weit verbreitet. Besonders für Laufsportler lohnt sich ein Blick nach unten.
Text: Gabriele Hellwig | Fotos: Ben Hartley/Unsplash

Rund 80 Prozent der Menschen haben irgendeine kleinere oder größere Abweichung von der „Norm“, leiden also unter Fußfehlstellungen. Das ist meist nicht dramatisch, aber besonders für Laufsportler empfiehlt sich ein Blick nach unten, damit beim nächsten Marathon die Gelenke nicht falsch belastet werden. Oft helfen einfache Maßnahmen.

Es gibt ihn, den perfekten Fuß – zumindest in der Theorie. Und so sieht er aus: Der perfekte Fuß hat – nach klassischer Sicht, die aber, wie wir sehen werden, zunehmend hinterfragt wird – drei Belastungspunkte: unter dem großen Zeh, dem kleinen Zeh sowie unter der Ferse. Der perfekte Fuß hat außerdem einen ausgeprägten Spann und eine ebenso ausgeprägte Sohlenwölbung in Längsrichtung. Die Zehen liegen einigermaßen gerade auf dem Boden. Doch keine Sorge: Kaum jemand hat solche Füße. Rund 80 Prozent der Menschen laufen mit irgendeiner kleinen oder größeren Fehlstellung durch die Gegend. Allein zehn Millionen Menschen hierzulande haben einen Ballenzeh.

Foto: Park Kliniken Manhagen/Jan-Rasmus Lippels

RUNNING-Experte Dr. med. Gunnar Laabs

Dr. Laabs ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgiesowie Fußchirurgie am OrthoCentrum Hamburg. Seit 2015 ist er zudem Chefarzt in der Park-Klinik Manhagen. Auch Sportmedizin gehört zu seinen umfangreichen Qualifikationen.

Ursachen und Folgen

Einige Fehlstellungen sind angeboren, andere sind erworben. Eine Fußfehlstellung braucht nicht zwangsläufig behandelt zu werden, wie Dr. Gunnar Laabs, Orthopäde und zertifizierter Fußchirurg im OrthoCentrum Hamburg betont: „Eine Fußfehlstellung braucht in der Regel nur dann behandelt zu werden, wenn sie Beschwerden oder Schmerzen verursacht.“ Allerdings lohne es sich immer, über mögliche Folgen nachzudenken, so Dr. Laabs. Denn bei einer Fußfehlstellung werden bei jedem Schritt die Gelenke anders belastet. Mitunter könne es zu einer Überlastung der Fußgelenke oder sogar weiterer Gelenke des Körpers kommen, zum Beispiel Knie- oder Hüftgelenk. Das bedeutet: Wer mit einer Fußfehlstellung sehr viel läuft, mutet mitunter seinen Gelenken einiges zu: „Die Gelenke und Weichteile können falsch belastet werden und dadurch schneller verschleißen. Eine Arthrose kann entstehen“, warnt Dr. Laabs.

Die Fehlstellungen

Daher empfiehlt der Hamburger Orthopäde besonders Laufsportlern mit einer Fußfehlstellung, sich einmal beim Orthopäden untersuchen und beraten zu lassen. Eine individuelle Diagnose ist wichtig, da jeder Fuß anders ist.  Der Orthopäde wird gegebenenfalls weitere Untersuchungen veranlassen: Röntgenaufnahmen unter Belastung zeigen die Stellung der Knochen zueinander. Im MRT können auch Verschleißerscheinungen der Sehnen gut dargestellt werden. Eine Fußdruckmessung (Pedobarographie) misst die Druckverteilung unter den Fußsohlen beim Stehen und beim Gehen. Eine Laufanalyse kann Klarheit bringen, ob irgendwelche Gelenke überhaupt übermäßig belastet werden. Hier ein Überblick über die häufigsten Fußverformungen.

Ballenzeh

Beim Ballenzeh, medizinisch Hallux valgus genannt, schiebt sich der erste Mittelfußknochen nach außen und ein sichtbar herausragender Ballen entsteht. Vor allem Frauen sind betroffen, da sie im Vergleich zu Männern ein schwächeres Stütz- und Bindegewebe haben. Deshalb können sich bei ihnen die Knochen stärker verschieben. „Durch hormonelle Veränderungen wie eine Schwangerschaft kann das Bindegewebe dann noch nachgiebiger werden“, ergänzt Dr. Laabs. Aber auch die Veranlagung spielt eine große Rolle. Zu hohe und spitze Schuhe wirken sich ebenfalls negativ aus, da sie die Zehen quetschen. Außerdem verlagert sich bei Schuhen mit zu hohen Absätzen das gesamte Körpergewicht, das normalerweise von der Ferse abgefangen wird, auf den Vorfuß.

Knickfuß

Beim Knickfuß knicken die Sprunggelenke nach innen, der Innenknöchel steht deutlich nach innen heraus. Die Ferse und der Unterschenkel befinden sich in einer X-Stellung. „Typisch ist beim Knickfuß außerdem, dass der Fuß nach außen gedreht steht, was die Fehlbelastung der Gelenke noch verstärkt“, sagt Dr. Laabs. Oft ist der Knickfuß mit dem Senkfuß kombiniert, das heißt, gleichzeitig sinkt das Fußgewölbe nach unten ab: Der Fuß liegt platt auf dem Boden. Bei Kindern ist der Knick-Senkfuß eine normale Entwicklungsstufe und wächst sich meist ohne Behandlung wieder aus. Bei Erwachsenen gibt es zunächst die Gruppe der Patienten, die aus der Kindheit einen Knick-Senkfuß zurückbehalten haben. Aber auch Alterungsprozesse, Unfälle, Überbeanspruchung, neurologische Erkrankungen und entzündliche Erkrankungen wie zum Beispiel Rheuma können zu einem Knickfuß beziehungsweise Knick-Senkfuß führen.

Senk- und Plattfuß

Beim Senkfuß ist das Fußgewölbe abgeflacht beziehungsweise abgesenkt und liegt fast vollständig am Boden auf. Eine Extremform des Senkfußes ist der Plattfuß. In diesem Fall liegt das Fußgewölbe komplett auf. Uncharmant werden solche Füße häufig auch „Entenfüße“ genannt. Ein Plattfuß ist schon von außen zu erkennen: Der Fuß ist am Innenrand in Längsrichtung weniger als ein gesunder Fuß oder gar nicht gewölbt. Ein Senkfuß ist angeboren oder erworben. Meist ist eine zu schwach ausgeprägte Fußmuskulatur die Ursache, aber auch Grunderkrankungen können zu einem Plattfuß führen.

Wissenswertes

Der Fuß

Der menschliche Fuß ist sehr komplex aufgebaut, da er das komplette Körpergewicht tragen und einen aufrechten Gang ermöglichen muss. Das Fußskelett wird unterteilt in Sprunggelenk, Fußwurzel, Mittelfuß und Zehen. Als Vorfuß werden der Mittelfuß und die Zehen bezeichnet, als Rückfuß das obere und untere Sprunggelenk sowie die Fußwurzel. Die 26 Knochen des Fußskelettes sind durch zahlreiche Gelenke miteinander verbunden, Bänder halten sie zusammen. Ärzte empfehlen, dass jeder Mensch mindestens 10.000 Schritte am Tag zurücklegen sollte. Für Laufsportler wohl kein Problem.

Hohlfuß

Der Hohlfuß ist das Gegenteil des Plattfußes. Hier ist das innere Längsgewölbe zwischen Ferse und Großzehenballen überhöht. Der Fuß steht somit nur auf der Ferse und auf den Ballen und Zehen. Macht man einen Fußabdruck, befindet sich in der Mitte nur Luft. Der Hohlfuß kann angeboren oder erworben sein. Dr. Laabs: „Beim Hohlfuß spielen auch neurologische Erkrankungen oder Unfälle eine Rolle.“

Spreizfuß

Der Spreizfuß gilt als häufigste Fußdeformität. Früher hieß es in der wissenschaftlichen Literatur, das „Quergewölbe“ senke sich ab und die „zweiten bis vierten Mittelfußknochen“ spreizten sich. Dies gilt inzwischen nicht mehr, so Dr. Laabs: „Es gibt kein Quergewölbe oder Dreipunktstand, das ist veraltetes Wissen.“ Dr. Laabs: „Nach neueren Erkenntnissen scheint die herkömmliche Vorstellung eines Quergewölbes überholt: Ein Quergewölbe im Vorfußbereich gibt es in dieser Form nicht, da biomechanische Studien gezeigt haben, dass sämtliche Mittelfußköpfchen weitestgehend gleichmäßig belastet werden.“ Aus diesem Grund braucht man auch keine Einlagen, die das Quergewölbe unterstützen. Dennoch gibt es vereinzelt Patienten, die ein Polster für den Fußballen (Pelotte) als angenehm empfinden. „Eine Erklärung hierfür kann die Tatsache sein, dass überlastete Fußmuskeln durch sanften Druck entspannt werden“, so der Orthopäde.

Spitzfuß

Beim Spitzfuß steht die Ferse hoch und kann nicht aufgesetzt werden. Der Fuß ist somit dauerhaft gebeugt. Da im Tierreich diese Art der Fußstellung weit verbreitet ist – die meisten Vierfüßer setzen den Fuß nur mit dem Zehen-Mittelfuß-Bereich auf – bezeichnet man den Spitzfuß auch als „Pferdefuß“ (Pes equinus). Ein Spitzfuß ist meistens angeboren, kann aber auch im Rahmen einer neurologischen Erkrankung entstehen.

Die beste Behandlung

Jeder Mensch – und damit auch jede Fehlstellung – ist anders. Daher wird die Behandlung immer sehr individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt. Vor allem im Anfangsstadium helfen bei allen Fehlstellungen in der Regel speziell angepasste orthopädische Einlagen. Bei sehr ausgeprägten Fehlstellungen, zum Beispiel einem fortgeschrittenen Hohlfuß, kann es passieren, dass die Einlagen nicht in den Schuh passen. Hier müssen dann Spezialschuhe getragen werden. Gute Laufschuhe, die optimal dämpfen und einen perfekten Halt bieten, sollten eine Selbstverständlichkeit sein. Wichtig ist manchmal auch eine begleitende Physiotherapie.  Ist eine neurologische Erkrankung die Ursache für die Fehlstellung, muss die Grunderkrankung bestmöglich behandelt werden. Beim Spitzfuß sind auch Injektionen mit Botulinumtoxin eine Therapieoption. Dadurch wird der Wadenmuskel entspannt.

„Die Muskeln am Fuß versuchen immer die Schiefstellung zu kompensieren und werden dadurch zum Teil überlastet, andere wiederum verkümmern. Stabilisierende Übungen können hier helfen.“

– RUNNING-Experte Dr. med. Gunnar Laabs

Wann operieren?

Eine Operation sollte immer die letzte Option sein, wenn die konservativen Therapien nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben. „Vor allem Laufsportler sollten sich sehr genau beraten lassen, inwieweit nach der Operation der Laufsport weiter ausgeübt werden kann“, rät Dr. Laabs. So würde er einem passionierten Laufsportler mit einem Knick-Senkfuß nur bei sehr starken Beschwerden zu einer Operation raten, wenn wirklich alles andere ausgereizt wurde. Denn nach einer Operation ist der behandelte Knick-Senk-Fuß mitunter nicht mehr so stark belastbar. Dr. Laabs: „Dagegen sind bei einem Hallux valgus die OP-Ergebnisse in der Regel so gut, dass der Sportler – natürlich nach einer gewissen Pause (meistens 4 bis eher 6 Monate) – wieder den Laufsport ausüben kann.“ Um eine Fußfehlstellung zu korrigieren, durchtrennt der Arzt die schiefstehenden Knochen vorsichtig und bringt sie in die richtige Position. Damit die Knochen wieder gut zusammenwachsen, müssen sie verschraubt, verplattet oder verdrahtet werden. Um solche operativen Eingriffe aber möglichst zu verhindern, lohnt es sich, regelmäßig Fußgymnastik zu machen (s. Info-Kasten) und auf gute Laufschuhe mit guten, individuell angefertigten Einlagen zu achten.

Übungen zur Fußgymnastik: So stärken Sie Ihre Füße

Tägliche Fußgymnastik stärkt die Muskeln und Sehnen. So bekommt der Fuß mehr Stabilität und bleibt im Gleichgewicht. Das schützt vor Fehlstellungen. Empfehlenswert sind mindestens fünf Minuten am Tag. Gute Übungen sind:

  • Tuch hochheben. Ein dünnes Tuch auf den Boden legen. Nun versuchen, es mit den Zehen zu greifen und hochzuheben. Am besten mehrmals wiederholen, mit jedem Fuß.
  • Auf Zehen oder Hacken laufen. Barfuß auf den Zehenspitzen durch den Raum laufen. Am besten so hoch, als würde man High Heels tragen. Zwischendurch immer mal die Füße locker absetzen. Als Alternative mal die Übung „umgekehrt“ durchführen: Auf den Hacken laufen.
  • Mit dem Fuß schreiben. Bequem auf ein am Boden liegendes Kissen setzen. Die Strümpfe sind ausgezogen. Nun einen Stift zwischen die Zehen stecken und versuchen, etwas zu schreiben oder zu malen.
  • Ball rollen. Auf einen Stuhl setzen und einen Massage- oder Tennisball unter der Fußsohle hin- und herrollen. Erst den rechten Fuß, dann den linken.
  • Zehen spreizen. Diese Übung kann man sogar beim Zähneputzen machen: Die Zehen beider Füße einfach auseinanderspreizen, dann wieder lockerlassen. Mehrmals wiederholen.
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