Der Hallux valgus

So behandeln Läufer die Fehlstellung des Großzehs

Bis zu 23 Prozent der 18-65-jährigen leiden an einem Hallux Valgus, einer Fehlstellung des Großzehs - darunter zahllose Läufer. Was sie bei der Behandlung beachten müssen, erklärt der Orthopäde Christian Laurenz.
Text: Christian Laurenz | Fotos: Christian Laurenz, Caro Hoehn
Zu enge Laufschuhe, ein Spreizfuß, generell schwaches Bindegewebe – all diese Faktoren gelten landläufig als mögliche Ursachen für einen Hallux valgus (Ballenzeh). Dabei handelt es sich um eine Fehlstellung der großen Zehe, die das Gehen und Abrollen über die Fußsohle beeinträchtigen kann. Besonders Läufer werden sehr von ihr eingeschränkt, finden Sie doch selten passendes Schuhwerk für den breiten Vorfuß.
Wenn Sie sich mit dem Thema beschäftigen, müssen Sie wissen: Die Ursachen dieser Erkrankung sind vielfältig und komplex. In der Medizin allgemein akzeptiert ist, dass es zu einer Störung der Balance zwischen der extrinsischen Unterschenkelmuskulatur und der intrinsischen Fußmuskulatur zwischen den Fußknochen sowie den vorhandenen Kapsel-/Bandstrukturen kommt.

Die Diagnose eines Hallux Valgus

Meist besteht bei Hallux-Valgus-Patienten eine grundsätzliche Vorbelastung, etwa eine Schwäche der kurzen Fußmuskeln, ein ausgeprägter Plattfuß, Hypermobilitäten, Bandinstabilitäten, Verkürzungen der Achillessehne oder neurologische sowie entzündliche, rheumatische Erkrankungen. Auffällig ist, dass sich insbesondere bei Frauen bestimmte Fußerkrankungen in der Familie häufen können. Eine genetische Komponente scheint zu bestehen, bewiesen ist das aber nicht.

Die Ursachen, mechanisch betrachtet

Mechanisch betrachtet, beginnt das Problem eines Hallux Valgus bereits im Mittelfuß: Hier sitzen, von der Innenseite ziehend, drei Keilbeine, welche die Basis für die Mittelfußknochen zum seitlichen Fußrand sind. Im gesunden Fuß bilden diese drei Knochen ein Gewölbe, welches sich wie ein romanischer Rundbogen abstützt. Wenn diese Keilbeine beginnen, abzusinken, wird der Fuß flach.

Die Frage lautet dazu: Warum passiert das? Die Ursache liegt sicher in den gegensätzlichen Anforderung an den Fuß, einerseits maximale Stabilität zur Kraftentfaltung bei andererseits ausreichender Flexibilität zur Anpassung an den Untergrund zur Verfügung zu stellen.

Hier setzt die Annahme an, dass eine genetisch verursachte Formvariante in diesem ersten Keilbein-Mittelfuß-Gelenk zu einer zunehmen den Instabilität mit Drehpunkt in alle Richtungen führt. Durch den Zug der Muskulatur und die Belastung beim Gehen entstehen so hohe Kräfte, dass der erste Mittelfußknochen immer mehr nach innen sowie nach oben abwandert ‒ der große Zeh kippt hierbei durch den Zug der nun im falschen Winkel ziehenden Sehnen nach außen ab ‒ es entsteht das typische Bild des Hallux valgus mit der störenden Ballenbildung. Die sichtbare „Beule“ entzündet sich leicht, der Laufschuh passt nicht mehr, längere Strecken werden schmerzhaft.

Mit zunehmendem Alter verstärkt sich der Hallux Valgus

Der zuvor geschilderte Mechanismus ist leider selbstverstärkend, da mit zunehmendem Abkippen auch die einwirkenden Kräfte immer ungünstiger werden. Viele Patientinnen beschreiben, dass die Fehlstellung lange problemlos war und nun plötzlich ganz schnell zunahm. Zu den angeborenen Faktoren kommen noch Zivilisationseinflüsse, wie beispielsweise ungeeignetes Schuhwerk, fehlende Stimulation durch glatte Böden oder verfrühte Einlagenversorgung bei Kindern.

Aktive Maßnahmen am Fuß sind aus meiner Sicht sehr wichtig, da bei konsequenter Ausübung eine echte Verbesserung erzielbar ist.

– Christian Laurenz, Orthopäde

Die Behandlung erfolgt zunächst konservativ

Wie behandelt man nun den Hallux Valgus? Zunächst immer konservativ. Das Ziel ist eine Linderung der Beschwerden. Die Zehenstellung lässt sich mit Schienenbehandlungen oder Tapes allenfalls noch beim Jugendlichen mit Wachstumspotenzial dauerhaft verbessern. Eine nachhaltige Stellungskorrektur beim Erwachsenen ist hiermit leider nicht mehr möglich. Ähnlich verhält es sich mit Einlagen ‒ durch eine verbesserte Positionierung des Fußes, speziell bei höherer Belastung, wie beim Laufsport typisch, kommt es zu einer Schmerzlinderung.

Aktive Maßnahmen am Fuß sind aus meiner Sicht sehr wichtig, da bei konsequenter Ausübung eine echte Verbesserung erzielbar ist. Die Fußmuskeln sollen zum Beispiel durch eine Spiraldynamik gezielt so auftrainiert werden, dass sie die Knochen wieder in eine korrekte Position ziehen. Das verbessert zusammen mit koordinativen Aufgaben auch den Laufstil!

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Fußmuskulatur durch sensomotorische Einlagen zu fordern und die Ferse aufzurichten. Hierbei werden die Rezeptoren der Muskulatur mit individuell angepassten, prall elastischen Polstern stimuliert. In meiner Praxis verwende ich dieses Konzept, wobei ich durch die Gesellschaft für Haltungs- und Bewegungsforschung e. V inspiriert wurde.

Die Operation: Der letzte Ausweg

Führen diese Maßnahmen nicht zu der gewünschten Beschwerdelinderung, so kann die chirurgische Korrektur erfolgen. Es gibt über 100 Verfahren zur Achskorrektur am ersten Strahl. In der Hand eines erfahrenen Fußchirurgen wird die passende dann durchgeführt. Je nach Schweregrad oder Begleiterkrankungen geschieht dies ambulant oder stationär. Nach der Operation ist vor dem Sport! Die Nachbehandlung ist extrem wichtig und muss vor einem erneuten Hallux valgus schützen. Hier helfen Physiotherapie und konsequentes Fußmuskeltraining. Die Fußchirurgie ist komplex, Restbeschwerden und Schwellungen können bis zu einem halben Jahr bestehen bleiben. Das Ziel sollte aus meiner Sicht die Wiederaufnahme eines gemäßigten Lauftrainings nach drei Monaten sein.

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema?
HINWEIS: Um den Artikel zu kommentieren, melden Sie sich einfach mit Ihrem persönlichem Facebook-Account an.