Rennen mit dem Flow

So läuft's

„Jenseits der extremsten Erschöpfung und Qual stoßen wir möglicherweise auf ein Ausmaß an Mühelosigkeit und Kraft, das wir uns nie erträumt hätten.“ (William James)
Fotos & Text: Dr. Carsten Drecoll

Die Beine laufen wie von selbst, Sie fühlen sich blendend und die Gedanken sind vollkommen frei. Ein großartiger Moment, den viele Läufer kennen. Wissenschaftler bezeichnen ihn als Flow. Doch was steckt dahinter?

Jeder Läufer will es: Laufen im Flow. Und das aus gutem Grund, denn wer in diesem Zustand ist, soll leistungsfähiger, erfolgreicher und zufriedener mit seinem Tun sein. Forscher sind sich einig: Der Flow bewirkt ein regelrechtes Verschmelzen von Person, Handlung und Umwelt. Alles scheint wie von selbst zu fließen und Herausforderungen werden spielend leicht bewältigt. Der Flow-Zustand lässt sich daher nicht nur im (Lauf-)Sport, sondern auch bei alltäglichen Tätigkeiten erreichen.

Die Kehrseite des Flow-Erlebens

Die beschriebenen Emotionen, die mit dem Flow-Erleben einhergehen, verleiten zu der Annahme, dass es durchaus sinnvoll ist, möglichst oft diesen Zustand zu erreichen. Doch hat auch der Flow seine Schattenseiten. So besteht unter anderem ein enger Zusammenhang zwischen Flow-Erleben und Suchtverhalten. Da Flow als besonders angenehm erlebt wird, strebt man diesen Zustand immer wieder an. Die Krux: Wie bei anderen Abhängigkeiten wird eine immer höhere Dosis an Flow-produzierendem Verhalten nötig, da der Körper sich aufgrund von Trainingsprozessen an vorherige Dosen anpasst.

Wenn Laufen süchtig macht

Wer also immer wieder den Flow-Zustand anstrebt, muss immer mehr dafür tun und läuft Gefahr süchtig nach diesem Tun zu werden. Mitunter ein Grund dafür, warum Menschen eine Sportsucht entwickeln und überraschend viele Läufer regelmäßig Verletzungen beklagen, obwohl dieser Sport nicht sonderlich risikoreich ist. Das Streben nach weiteren Flow-Erlebnissen kann jedoch zu einer permanenten Ausschöpfung der eigenen Ressourcen führen und den Körper langfristig schwächen.

Selbstüberschätzung

Eine weitere Gefahr des Flow-Erlebens liegt in der erhöhten Selbstüberschätzung. Je intensiver das Flow-Erleben, desto geringer ist die Angst von Sportlern bzw. das Risikobewusstsein. In Bezug auf den Laufsport kommt das vor allem dann zum Tragen, wenn es um Extrem-Rennen in der Wüste oder andere Ultra-Events geht. Selbstüberschätzung infolge des Strebens nach Flow kann hier zu folgenschweren Fehleinschätzungen verleiten.

Hören Sie auf Paracelsus

Denn dieser Arzt hat den Ausspruch geprägt: „Dosis facit venenum“ – „Die Dosis macht das Gift“. Das gilt auch für unseren Sport. Wer auf ausreichende Regeneration sieht und sich vor schweren Rennen realistisch mit den Herausforderungen auseinandersetzt, dürfte nicht Gefahr laufen, die negativen Folgen des Flows zu erleben. Gut erholt macht das Laufen sowieso mehr Spaß – und der Flow stellt sich dann ganz von selbst ein.

Redaktion
Dr. Carsten Drecoll
Dr. Carsten Drecoll, langjähriger Redakteur bei Buch- und Zeitschriftenverlagen, ist seit über 15 Jahren mit der RUNNING und mit dem Laufsport verbunden. Die Natur genießen, Städte erkunden und die unglaublichsten Geschichten entdecken – das ist Laufen.
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