Die Triade der Sport treibenden Frau

„Vorne laufen die Bleistifte, hinten die Radiergummis.“ Derartige Sprüche von Trainern, ambitionierten Eltern oder Partnern bergen Gefahren. Wer meint, als Läuferin dünn wie ein Bleistift sein zu müssen, wird bewusst weniger essen.
Text: Uwe Schröder | Fotos: Klemens Wahl

Gerade unter Ausdauerathleten sind Essstörungen daher häufig. Die kurzfristigen Vorteile eines zu niedrigen Gewichts werden mit gravierenden mittel- und langfristigen Nebenwirkungen teuer erkauft.

Aber es muss keine Essstörung im eigentlichen Sinne vorliegen, um als Läuferin an der Triade der Sport treibenden Frau (auch weibliche athletische Triade oder Female Athlete Triad genannt) zu leiden, einem weiten Bereich zwischen Gesundheit und Krankheit, der aus einem Ungleichgewicht von verfügbarer Energie, geregeltem Menstruationszyklus und hoher Knochendichte resultiert.

Mit dem Studium kam die Triade

Anna kam über die Mittel- zur Langstrecke. Ihre Eltern, die einen aktiven Lebensstil pflegen, hatten sie bereits als Kleinkind im örtlichen Leichtathletikverein angemeldet. Ein niedriges Körpergewicht und das Streben nach sportlichem Erfolg waren für sie schon immer selbstverständlich. Mit Beginn des Studiums im vorletzten Wintersemester kam in Annas Alltag noch mehr Bewegung. Die acht Kilometer zur Uni und die Fahrten zwischen den einzelnen Fakultätsgebäuden absolvierte sie natürlich täglich mit dem Rad.

Viele Ziele, wenig Energie

Und die gewohnten, regelmäßigen, abwechslungsreichen Mahlzeiten am heimischen Esstisch wichen dem Mensaessen und einfachen, schnell zuzubereitenden Gerichten in der Studenten-WG. Oft genügten ihr als Vegetarierin am Abend ein kleiner einfacher Salat oder etwas Gemüse. Gerichte, die zwar sättigten, aber zu wenig Energie für ihren hohen Energiebedarf lieferten. Als sportliches Ziel für diesen Sommer hatte sie sich eine neue Bestzeit über 10.000 Meter gesetzt. Und im Herbst sollte dann ihr erster Marathonstart in Frankfurt erfolgen. Ihr alter Heimtrainer lieferte ihr weiterhin die Trainingspläne, zu Gesicht bekam er Anna aber nur sehr selten.

Müde und lustlos, aber perfekt

Mit der Erhöhung der Trainingsumfänge Anfang des Jahres begannen Annas Trainingsleistungen zu stagnieren. Ohne dass sie bewusst darauf hingearbeitet hätte, nahm sie bis dahin fast drei Kilo ab. Laut ihrem Trainer besaß sie nun mit einem Body-Mass-Index von 17,5 das perfekte Laufgewicht. Sie war ständig müde und lustlos, erholte sich nach harten Trainingseinheiten nur sehr langsam und auch an der Uni konnte sie nur mit größter Anstrengung ihr Leistungsniveau halten.

Auswirkungen bleiben oft unbemerkt

Anna war Opfer der weiblichen athletischen Triade geworden, die oft lange unbemerkt bleibt, aber mit massiven gesundheitlichen Risiken einhergeht. Die athletische Triade besteht aus den drei Kernpunkten Energieverfügbarkeit, Menstruationsstatus und Knochengesundheit. Die drei Faktoren interagieren auf physiologischer und psychologischer Ebene miteinander. Der wichtigste Faktor ist die Energieverfügbarkeit. Das ist die Energie für die Körperfunktionen, die nach Abzug des Energieverbrauchs durch körperliche Aktivität von der Gesamtenergiezufuhr übrig bleibt.

Durch Annas veränderte Lebensumstände, den deutlich bewegungsaktiveren Alltag, die unbewusste, geringere Energieaufnahme und die diszipliniert verfolgten sportlichen Ziele war sie in ein Energiedefizit gerutscht. Die anfängliche Gewichtsabnahme kam ihr nicht ungelegen, da sie sich davon eine bessere 10.000-Meter-Zeit erhoffte.

Grundbedingungen für den Zyklus

Eine dem persönlichen Bedarf angemessene Energiezufuhr und eine daraus resultierende ausreichende Energieverfügbarkeit sind Grundbedingungen für einen regelmäßigen Zyklus (Eumenorrhö = Zyklus von 28 Tagen +/- 7 Tage). Dieser wiederum basiert auf einem normalen Hormonhaushalt, der auch für ein gesundes Knochenwachstum mit entsprechender Knochendichte verantwortlich ist. Die Knochendichte liegt bei Athletinnen meist über dem für das Alter der Sportlerin üblichen Durchschnitt, vorausgesetzt, eine ausreichende Energieverfügbarkeit ist gewährleistet. Dennoch sollen bis zu 50 Prozent der leistungsorientierten Läuferinnen eine dem Alter entsprechend zu geringe Knochendichte aufweisen.

Falsche Annahmen

Steht dem Körper mittelfristig nicht genügend Energie zur Verfügung, kommt es zu krankhaften Veränderungen. Die Athletin kann auch ohne offensichtliche Essstörung eine zu niedrige Energieverfügbarkeit aufweisen, und dies bei offensichtlich gutem Gesundheitszustand. Der Körper passt sich diesem Defizit durch verlangsamte Stoffwechselprozesse an. Da das Gewicht nach einer gewissen Zeit oft stagniert und nicht weiter sinkt, ist es bei sehr leichten Athletinnen kein Marker für eine ausgeglichene Energiebilanz. Athletin, Trainer und Angehörige gehen daher oft fälschlicherweise von einer ausreichend hohen Energiezufuhr aus – oft mit fatalen Folgen.

Entscheidend für die Entstehung der Triade

Es kommt zu Veränderungen im Hormonhaushalt und zum Ausbleiben der Menstruation über mehr als drei Monate (Amenorrhö). Der Knochenstoffwechsel wird unterbrochen, die Knochendichte nimmt ab, das Osteoporoserisiko steigt. Wie auch bei Anna wird eine geringe Knochendichte oft über Jahre hinweg nicht erkannt.

Sport, auch Leistungssport, allein ist grundsätzlich kein Risikofaktor für die athletische Triade. Entscheidend ist das Energiedefizit, das sich wie bei Anna auch schleichend und unwissentlich einstellen kann.

Genaue Zahlen fehlen noch

Diese Erkenntnis wurde erst im Jahr 2007 vom American College of Sports Medicine einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es verwundert daher nicht, dass genaue Zahlen zur Häufigkeit dieses Symptomkomplexes fehlen. Man geht davon aus, dass in Sportarten, in denen ein niedriges Körpergewicht eine entscheidende Rolle für den Erfolg spielt, bis zu 60 Prozent der Sportler/innen bewusst zu wenig Nahrung aufnehmen. Circa 30 Prozent der Athleten/innen in diesen Disziplinen sollen manifeste Essstörungen aufweisen (Gesamtbevölkerung 5–9 Prozent). Bei etwa 65 Prozent der leistungsorientierten Läuferinnen kommt es zur Amenorrhoe. Und 4 Prozent aller Athletinnen sollen von der athletischen Triade betroffen sein, Ausdauersportlerinnen besonders häufig.

Resultat Gewichtsverlust

Als sich Annas Alltag änderte, passte sie ihre Energieaufnahme nicht an. Infolgedessen verlor sie an Gewicht. Das erhöhte Trainingspensum brachte dann das Fass zum Überlaufen. Andere Sportlerinnen verringern ihre Energieaufnahme gezielt bei gleichbleibendem Training, um durch den Gewichtsverlust eine Leistungssteigerung zu erreichen. Oft kommt es dann zu einer Essstörung, bei der die bessere Leistungsfähigkeit nur ein Motiv für den Gewichtsverlust ist. Auch das Aussehen und das Ästhetikgefühl spielen eine große Rolle.

Zum Schutz auf Sparflamme

Als Annas Körper fortlaufend mit zu wenig Energie versorgt wurde, schaltete er in einer Art Schutzmechanismus auf Sparflamme. Physiologische Mechanismen wie die Thermoregulation und Fortpflanzungsfunktionen wurden vernachlässigt, körpereigene Energiereserven wie Muskulatur und Knochen angegriffen, um primäre, überlebenswichtige Funktionen zu sichern.

Ihr Körper erhielt zu wenig Proteine und essentielle Fettsäuren, wodurch die Muskelmasse reduziert wurde. Daneben war auch die Zufuhr von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen nicht optimal, wie die Auswertung eines Sieben-Tage-Ernährungsprotokolls ergab. Das Immunsystem, Regenerationsmechanismen und die Konzentrationsfähigkeit waren bereits beeinträchtigt.

Weitreichende Folgen

Bei Anna kam es bereits während des ersten Semesters zum Ausbleiben der Menstruation als Reaktion auf die zu niedrige Energieverfügbarkeit. Dies wird als funktional hypothalamische Amenorrhö bezeichnet. Anna stört das nicht, ihr Menstruationszyklus war schon immer unregelmäßig. Allerdings war sie sich wie viele Läuferinnen nicht bewusst, dass das Ausbleiben ihrer Periode für mehr als drei Monate weitreichende Folgen für ihren Hormonhaushalt hat. Neben der vorübergehenden Unfruchtbarkeit kommt es unter anderem zu hohen Spiegeln an Cortisol und weiteren wichtigen Hormonen, wodurch der Stoffwechsel stark beeinflusst wird.

Die geringe Ausschüttung von Östrogen hatte eine besonders unangenehme Konsequenz für Anna, denn Östrogen schützt normalerweise vor dem Abbau der Knochen. Langfristig und ohne Veränderungen bei der Nahrungsaufnahme drohte ihr eine Osteoporose. Die Knochendichte nimmt mit jeder verpassten Menstruation weiter ab. Wenn nicht rechtzeitig eingelenkt wird, können irreversible Verluste an Knochensubstanz entstehen, die zu einem lebenslang erhöhten Frakturrisiko führen. Daher ist eine frühe Diagnose entscheidend. Eine zu geringe Zufuhr an Kalzium und Vitamin D erhöht das Langzeitrisiko einer Osteoporose zusätzlich. Das Risiko einer Stressfraktur ist bei Frauen mit Amenorrhö bis zu vier Prozent erhöht. Am häufigsten bricht der Schienbeinknochen, Läuferinnen sind wegen der spezifischen Belastungen dafür prädestiniert.

Vorbeugung durch Aufklärung

Der athletischen Triade kann effektiv nur durch Aufklärung und Information vorgebeugt werden. Dabei sind neben den Athletinnen vor allem auch die Trainer, das Umfeld der Athletin sowie deren Elternhaus mit einzubeziehen. Immer häufiger wird die athletische Triade nicht nur bei Leistungssportlerinnen, sondern auch bei Breitensportlerinnen diagnostiziert, die laufen, um ihr Gewicht zu halten oder zu senken.

Obwohl Anna seit Jahren in einem Leichtathletikverein aktiv war, kannte sie die athletische Triade nicht. Und da sie keine offensichtliche Essstörung aufwies, hielten weder sie noch ihre Eltern das geringe Gewicht für ein Problem. Ihre Eltern waren an den Wochenenden sogar überrascht, wie viel Anna aß – dennoch zu wenig für ihren großen Energiebedarf. Und unter einer geringen Energieverfügbarkeit konnte sich Anna auch nichts vorstellen, zumal ihr Gewicht auf niedrigem Niveau konstant blieb.

Schnellstmöglich handeln

Läuferinnen sollten die Ursache von Zyklusstörungen schnellstmöglich abklären lassen. Auch wenn keinerlei Probleme vorliegen, ist ein regelmäßiger Check-up gerade bei leichten Läuferinnen durch einen erfahrenen Sportmediziner sinnvoll. Wird dabei nur eine der drei Komponenten der Triade entdeckt, gilt es, auf die beiden anderen hin zu untersuchen.

Bei Unsicherheit darüber, ob das eigene Ess- und Trinkverhalten den Trainingsumfängen und -intensitäten und den körperlichen Bedürfnissen entspricht, empfiehlt sich eine qualifizierte Ernährungsberatung. Am besten in Kombination mit Messung des Grundumsatzes und des Gesamtenergieverbrauchs.

Lösung durch professionelle Hilfe

Ratsam ist auch eine kompetente, vertrauensvolle Ansprechpartnerin im Verein, mit der Themen wie Zyklusstörungen und weitere persönliche Belange besprochen werden können. Bei bestehendem gestörtem Essverhalten ist das Essen selbst oft nicht das Problem, sondern ein Symptom des Problems, wie zum Beispiel bei einer gestörten Selbstwahrnehmung oder Ängsten. Hier kann nur mit professioneller Hilfe eine Lösung erreicht werden.

Fokus langfristige Gesundheit

Trainer haben die Aufgabe, ihre Schützlinge immer wieder darauf hinzuweisen, dass ein adäquates Ess- und Trinkverhalten ebenso wie Nichtrauchen, Alkoholabstinenz und ausreichend Schlaf wichtige Faktoren sind, die die Trainings- und Wettkampfleistungen positiv beeinflussen. Der Fokus ist dabei nicht auf das Körpergewicht, sondern auf die mittel- und langfristige Gesundheit der Sportlerin zu legen. Durch geeignetes Verhalten können Trainer und Betreuer, Eltern und Partner zu einem positiven Körperbild der Sportlerin beitragen.

Wer besonders gefährdet ist

Die athletische Triade tritt umso häufiger auf, je höher der Trainingsumfang, je niedriger das Körpergewicht und das Alter der Athletin sind. Junge, leichte Spitzenathletinnen aus dem Ausdauerbereich sind stark gefährdet. Auf sie sollte besonders geachtet werden. Ein sehr hoher Energiebedarf im Leistungssport ist oft ohne gezielte Nahrungsergänzungen nicht zu decken.

Die Triade besiegen

Wird eine athletische Triade wie bei Anna festgestellt, ist zunächst die Energieverfügbarkeit deutlich zu erhöhen. Das kann über eine schrittweise Erhöhung der Energieaufnahme, die Verminderung des Trainingsumfangs oder einer Kombination aus beidem erfolgen. Ideal sind Lebensmittel mit einer hohen Energiedichte geeignet, die besonders in der direkten Regenerationsphase nach Training und Wettkampf angeboten werden. Süße kohlenhydrat- und eiweißreiche Speisen mit angemessenem Fettanteil wie ein Bananenshake aus Vollmilch, Kakao, Banane, und ein bis zwei Teelöffeln hochwertiges Pflanzenöl sind hier zu nennen. Auch regelmäßige Zwischenmahlzeiten wie Studentenfutter, nicht fettarm belegte Brote und spezielle Sport-Regenerationsgetränke können die Energieverfügbarkeit deutlich verbessern.

Da auch der Proteinbedarf mit bis zu 1,6 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht und Tag gegenüber nichtbetroffenen Frauen deutlich erhöht ist, sind eiweißreiche Lebensmittel besonders empfehlenswert. Bei den Hauptmahlzeiten darf daher die Salat- und Gemüseportion etwas kleiner ausfallen, dafür sind die Portionen der Stärkebeilagen sowie von Fleisch, Eier, Fisch, Tofu und Hülsenfrüchten zu vergrößern.

Solange die Athletin eine unregelmäßige Menstruation oder eine Amenorrhö aufweist, wird eine zusätzliche Aufnahme von etwa 1.500 Milligramm Kalzium und 400–800 internationale Einheiten Vitamin D pro Tag empfohlen, um den Knochenaufbau zu unterstützen. Bereits 350 Kilokalorien zusätzlich pro Tag und ein trainingsfreier Tag in der Woche können zu einer Wiederaufnahme der Menstruation führen.

Hand in Hand

Eltern, Trainer, Ernährungsexperte, Arzt und Psychologe – Letzterer besonders wichtig bei einer vorliegenden Essstörung – sollten Hand in Hand arbeiten. Betroffene Athletinnen benötigen zwar Unterstützung und Rückhalt. Ihnen muss aber auch mit Bestimmtheit klar gemacht werden, dass ihre Gesundheit oberste Priorität genießt und nur bei Befolgung der abgestimmten Maßnahmen ein Training oder gar eine Wettkampfteilnahme ermöglicht wird.

Und Anna?

Anna hat sich zunächst genauestens informiert und dann an einer Ernährungsberatung teilgenommen. Die sportlichen Ziele haben sie und ihr Trainer nicht aufgegeben, aber auf unbestimmte Zeit verschoben. Denn über eines ist sich Anna nun bewusst: Bertolt Brecht hat mit seinem Ausspruch ganz sicher nicht die athletische Triade im Sinn gehabt.

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