Ungewollt gedopt

Verbotene Leistungssteigerung mit Tee & Kuchen?

„Gut gemeint ist das Gegenteil von gut!“ Obwohl Mediziner und Wissenschaftler davon abraten, greifen viele Breitensportler im Glauben an gesundheits- und leistungsfördernde Wirkungen zu dubiosen Nahrungsergänzungsmitteln.
Text: Dr. Stefan Graf | Fotos: Ralf Graner

Dass sie damit Gefahr laufen, sich auch die eine oder andere unter das Dopingverbot fallende Substanz einzuverleiben, ist vielen nicht bekannt. Darüber hinaus wartet der Alltag mit weiteren Risiken auf, sich ungewollt zu dopen.

Selbst im leistungsorientierten Breitensport benötigt kaum ein gesunder Athlet, der sich ausgewogen mit Mischkost ernährt, eine „künstliche“ Nahrungsergänzung – das ist wissenschaftlicher Konsens. Weder aus gesundheitlicher noch aus leistungsphysiologischer Sicht gibt es eine Evidenz, dass die Einnahme von Vitamin-, Mineralien- oder Spurenelement-Supplementen irgendeinen Vorteil gegenüber der ausschließlichen Versorgung aus naturbelassenen Lebensmitteln bringt.

Überdosiertes Risiko

Im Gegenteil: Selbst vermeintlich harmlose Substanzen, wie wasserlösliche Vitamine, Magnesium oder aufkonzentrierte Pflanzenextrakte, müssen bei einem Überangebot über die körpereigene „Entsorgungsmaschinerie“ (Leber, Nieren, Harnwege) ausgeschieden werden – unnötiger Energieaufwand. Neben den zum Teil erheblichen Überdosierungsrisiken bereitet zunehmend der Supplement-Import aus nur vordergründig seriösen Quellen vom asiatischen Markt Sorge. Diverse Dopingsubstanzen werden undeklariert als Inhaltsstoffe mitgeliefert.

Günstig und gefährlich

Das „weltumspannende Gewebe“ macht das künstliche Aufpeppen des eigenen Speiseplans mit Pillen, Gels und Pülverchen aus allen Teilen der Erde zu einem vergleichsweise preiswerten Kinderspiel. Doch ist ein günstiges Produkt es wirklich wert, die Ideale von Gesundheit und sportlicher Fairness zu riskieren? Die Zusammensetzung vieler aus dem ost-/südostasiatischen Raum eingeführter Nahrungsergänzungsmittel ist alles andere als transparent. So manchen, der sich in gesundheits-/leistungssteigernder Absicht auf dem internationalen Markt bedient, würde es aus den Laufschuhen hauen, wenn er wüsste, was er da neben etwas Magnesium, Eisen oder Carnitin durch seine Speiseröhre gleiten lässt.

Verhängnisvolles Heißgetränk

Aus dem Profisport sind etliche Fälle bekannt, in denen Nahrungsergänzungsmittel oder andere Produkte ohne Kenntnis der Athleten unzulässige leistungssteigernde Substanzen enthielten. Einer der prominentesten Fälle aus dem Ausdauerbereich: Der Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle wurde das in einem Heil-Tee verborgene Fettverbrennungs- und Sauerstoffaufnahmestimulans Methylhexanamin (MHA) zum Verhängnis.

Die Extraportion Ungewissheit

Im Profibereich wird dieser weit verbreitete „Leistungsbooster“, dessen Produktion und Vertrieb in der EU verboten ist, bei Dopingkontrollen detektiert. Nicht kontrollierte Amateure erfahren unter Umständen nie, was sie sich vielleicht mit der Bestellung einer Extraportion Vitamine oder eines als rein pflanzlich vermarkteten Fatburners aus dem Internet ins Haus und später in den Körper holen.

Wo kein Richter, da kein Henker

Exotische Kräutermischungen klingen nach Vitalität und Gesundheit. Wer ahnt schon Böses bei Bezeichnungen wie Geranienwurzelextrakt oder Geraniumölextrakt. Auch dahinter verbirgt sich bisweilen untergemischtes MHA. „Wo kein Richter, da kein Henker“ – und so wird im Fernen Osten so einiges undeklariert oder unter dem Deckmantel natürlicher Pflanzenextrakte in Nahrungsergänzungsmittel gemischt und per Internet weltweit vertrieben. Abnehmer finden sich reichlich. Ob auf diesem Wege unbewusst oder in voller Absicht gedopt – jeder sollte sich der Risiken bewusst sein, die er bei der Internet-Pirsch eingeht.

Machen doch alle

Sauberer Sport und Fairness im Wettkampf sind das Eine. Aber wer sein Gewissen mit der Devise „machen doch alle“ beruhigt, sollte sich die kaum abzuschätzenden Langzeitschäden an Bewegungsapparat und inneren Organen vor Augen führen.

Wenn durch chemische Stimulanzien die körpereigenen „Alarmanlagen“ ausgeschaltet, Warnsignale nicht mehr wahrgenommen und normalerweise nicht willkürlich rekrutierbare Energiereserven freigesetzt werden, entspricht das einem Drahtseilakt. Jede ungeplante externe Störung kann dann das ausgereizte Immunsystem überfordern – schlimmstenfalls mit letalen Folgen.

Schokolade mit „Beigeschmack“

Ein paar Kilo abzuspecken, gehört zu den Hauptmotivationsfaktoren im Breitensport. Die Versuchung, ein wenig chemisch nachzuhelfen, ist groß – besonders wenn das Erfolgsversprechen ein süßes ist. So bietet der schwarze „www-Arzneimittel-Handel“ neben üblichen Tees und Kapseln auch Abnehm-Schokolade an. Was auf der Zutatenliste fehlt/möglicherweise verschwiegen wird, ist ein Appetitzügler namens Sibutramin, der aufgrund schwerster kardiovaskulärer Nebenwirkungen seit 2010 international als Zusatzstoff verboten ist.

Krank statt schlank

Auch das schlagzeilenträchtige Clenbuterol (CB), eigentlich wegen seiner bronchienerweiternden Wirkung ein Asthmamedikament – wird wegen seiner den Stoffwechsel und die Fettverbrennung aktivierenden Wirkung als „Schlankmacher“ ohne Deklarierung in so manches Nahrungsergänzungsmittel aus dunklen Quellen gemischt. Tremor (Muskelzittern), Herzrasen, Bluthochdruck und Schilddrüsenüberaktivierung gehören zum Nebenwirkungsspektrum.

Von der Kälber- zur Sportlermast

Dass Fernreisen ein prinzipielles Risiko für unbewusstes Doping darstellen, wurde 2010 und 2011 zur Gewissheit. Fußball- und Tischtennisspieler testeten die Offiziellen nach Aufenthalten in China und Mexiko positiv auf Clenbuterol. Ein bewusstes Präparate-Doping konnte ausgeschlossen werden. Akribische Nachforschungen ergaben, dass in beiden Ländern Clenbuterol oft in derart hohen Konzentrationen in der Kälbermast eingesetzt wird, dass der normal portionierte Fleischverzehr zu Vergiftungen führen kann. Selbst der Konsum von Milch und Innereien aus diesen Quellen erfüllt den Tatbestand des ungewollten Clenbuterol-Dopings.

Prinzip Hoffnung

Noch immer greifen hierzulande vier von fünf Sportlern – auch dank geschickten Produkt-Marketings – im Irrglauben an die Verbesserung ihrer Leistungs- und Regenerationsfähigkeit zu Nahrungsergänzungsmitteln. Die wissenschaftliche Evidenz widerlegt beide Hoffnungen. Etliche Studien zeigen, dass künstliche Supplementierung nur in hochleistungssportlichen oder krankheitsbedingten Ausnahmefällen sinnvoll respektive notwendig ist. Jeder Fünfte gesteht ein, Kapseln und Pulver zur Kompensation seiner nicht ausgewogenen Ernährung einzusetzen, da zum Beispiel aufgrund von Zeitmangel nicht vollwertig gegessen wird. In solchen Fällen kann nach Abstimmung mit einem Experten eine Nahrungsergänzung durchaus sinnvoll sein.

Warnung vor Gutgläubigkeit

Wer partout im Glauben an die Wirksamkeit nicht auf die künstliche Zusatzdosis Vitamine, Mineralien oder sonstiger Vitalstoffe verzichten will, die Kosten für eine Beratung durch Ärzte oder andere Experten aber scheut, sei vor einer gutgläubigen Internetbestellung gewarnt. Überschwängliche Werbeversprechen für Produkte ohne klare Herkunfts- und Inhaltsstoffangabe sind Indizien für Wirkstoffe mit Gesundheits- und Doping-Risiko. Alle die dennoch im World Wide Web bei diffusen Anbietern bestellen wollen, sei ein Klick auf die „Kölner Liste“ ans Herz gelegt. Die hier geführten Präparate werden regelmäßig auf Sauberkeit getestet.

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