Superfoods

Neuzeitspinat oder Seifenblase?

Während Seemann Popeye aus gewöhnlichem Spinat und wehrhafte Gallier aus dem Zaubertrank des Miraculix übermenschliche Kräfte bezogen, scheint derart banales „Kraftfutter“ den vielfältigen Anforderungen des Jetztmenschen nicht mehr gerecht zu werden.
Text: Dr. Stefan Graf | Fotos: Marilyna/123rf.com

Heute geht es um mehr als „rohe Kräfte, die sinnlos walten“. Mit dem Versprechen, alle möglichen Nährstoffdefizite zu beheben und jegliche Unterversorgungsrisiken im Keim zu ersticken, drängen die sogenannten Superfoods – womöglich ein Pluralis Majestatis – auf den Markt.

Durch exorbitant hohe Vitamin-, Mineralien-, Antioxidantien- oder Ballaststoffgehalte sollen die exotischen Produkte alles, was Mutter Natur in heimische Obst- und Gemüsesorten wachsen lässt, in den Schatten stellen. Als „Testimonials“ werden dann gern originäre Naturvölker oder verschlankte Prominente angeführt, denn Abnehm- und Entschlackungseffekte gehören auch zu den Visionen des Supperfutters. Im Gegensatz zum omnipräsenten Spinat und den in gallischen Wäldern gepflückten Zaubertrank-Ingredienzien ist der Superfood-Konsument auf Importware aus fernen Landen angewiesen. Lohnen Aufwand und hoher Preis? Was macht das „super“ aus? Super gesund, super Leistung oder super Schmu?

Was bedeutet super?

So ganz eindeutig ist nicht, was sich hinter dem Wortteil „super“ verbirgt. Eine wissenschaftliche Definition fehlt. Gelegentlich versieht man schon natürliche Alltags-Lebensmittel wie die heimischen Obst- und Gemüsesorten, Nüsse sowie Vollkornprodukte mit dem neuen Superfood-Label. Im engeren, von den Vertreibern der Superfoods definierten Sinne, geht es aber um hochpreisige Produkte, meist fernöstlicher, lateinamerikanischer oder ozeanischer Herkunft, die Otto-Normaleuropäer nicht in seinem reichhaltigen Lebensmittelangebot findet. Als konkurrenzlos wirksame Mikro- sowie Makronährstoffbomben beworben, rekrutiert die Industrie Superfoods unter anderem aus Beeren, Körnern, Samen und Algen.

Vollmundige Versprechen

Diese speziellen Superfoods versprechen eine Rundumsanierung, die auch gesundheitsbewusste und leistungsorientierte Sportler ködern soll. Dabei wird von den Herstellern genau darauf geachtet, die „Super“-Produkte mit Alleinstellungsmerkmalen zu versehen, die sie von herkömmlichem Obst und Gemüse, Fisch, Fleisch und Milchprodukten unterscheiden. Zu den typischen Werbeversprechen gehören:

  • sehr hoher, deutlich über dem in üblichen Nahrungsmitteln liegender Gehalt an einem oder mehreren Nähr-, Wirk- oder Vitalstoffen
  • naturbelassene Zutaten aus Bio-Erzeugung oder Wildwuchs
  • vollwertig ganzheitliche Wirksamkeit, das heißt in Superfoods wirken die Inhaltsstoffe nur im hochkonzentrierten Verbund, was sie von Nahrungsergänzungsmitteln unterscheidet
  • wirken auch bei fehlendem Wohlgeschmack (Bittermedizin-Effekt)
  • nicht billig, aber ihren Preis wert, da eine hohe Nährstoffdichte den Import aus fernsten Regionen rechtfertigen soll
  • natürlicher Detox- und Entschlackungs-Effekt

Energie ohne Aufschluss?

Fast schon unheimlich, was manche Werbebotschaften da versprechen. So wird den in besonderen Bio-Reaktoren produzierten Extrakten pazifischer Mikroalgen, als maritimes Phytoplankton feilgeboten, die Fähigkeit nachgesagt, den sportlichen Körper eins zu eins, ohne Energieverluste, ohne Verdauung/Nährstoffaufschluss und ATP-Produktion mit Treibstoff für Muskeln und Organe zu versorgen. Eine solche Energieform, die sich verlustfrei von einem Organismus auf den anderen übertragen lässt, hat die biologische Evolution binnen drei Milliarden Jahren nicht zustande gebracht – jetzt geht es?

Der Vitamin-B12-Traum

Die Vegan-Welle versucht seit Jahren vergeblich, pflanzliche Vitamin-B12-Quellen ausfindig zu machen. Superfoods-Produzenten erwecken den Eindruck, diesen schwarzen Punkt zu erhellen – leider nur mit pseudowissenschaftlichen Argumenten. Denn die in exotischen Süßwasseralgen enthaltenen Vitamin-B12-Analoga sind für den menschlichen Organismus nicht verwertbar.

Mythos Entschlackung

Der Begriff Entschlackung geistert seit einigen Jahren durch die mystische Welt der Wellnessprodukte. In der Stoffwechselphysiologie hat er aber nichts verloren. Schlacken sind Verbrennungsrückstände aus der Metall- und Kohleindustrie. Den Weg in biologische Organismen verdanken sie dem Erfindungsreichtum kreativer Gesundheitsapostel, nach deren Definition sich in unseren Körpern ominöse, giftig belastende Schlackenstoffe aus Umwelt und Nahrung ansammeln, die es unter anderem über den Verzehr besonderer Nahrungsergänzungsmitteln und Superfoods zu entgiften gelte.

Natürliche Entsorgung

Mit speziellen Detox-Produkten steht dann auch der prompte Vollzug bereit. Die wissenschaftlich belegte Physiologie kennt keine „Schlacken“-Bildung in menschlichen Körpern. Potenziell schädliche Stoffwechselprodukte, Unverdauliches und Schadstoffe werden über den Magen-Darm-Trakt, den Leber- und Milzstoffwechsel, das Harn produzierende Filtersystem der Nieren sowie das komplexe Immun- und Atemwegssystem zuverlässig entsorgt. Dabei wird übrigens auch der Säure-Base-Haushalt ausbalanciert – ganz ohne spezielle basische Nahrungsergänzung.

Viel hilft wenig

Die in Superfoods beworbenen exorbitant hohen Mikronährstoffgehalte (Vitamine, Spurenelemente, Antioxidantien etc.) bringen nicht automatisch Vorteile für Gesundheit und Athletenfitness. Unser Organismus verfügt über eine stringente Bedarfsregulation. Er zieht sich aus dem Nahrungsangebot jene Menge an Nährstoffen heraus, die er benötigt – den Rest scheidet er aus, selbst wenn er aus teuren Superfoods stammt.

Begrenzte Möglichkeiten

Für die meisten Mikro- und Makronährstoffe (Ausnahme: Fett) verfügt der menschliche Körper über keine oder nur sehr begrenzte Speichermöglichkeiten. Bei einigen Mikronährstoffen ist ein Überangebot sogar gefährlich. Fettlösliche Vitamine (E, D, K, A) können nicht über den wässrigen Urin ausgeschieden werden. Eine dauerhafte Überdosierung führt zu leistungsmindernden Hypervitaminosen und kann schlimmstenfalls durch unphysiologische Ablagerungen Organschäden begründen.

Nicht über den Bedarf

Überschüsse an wasserlöslichen Vitaminen – gerade das Vitamin C wird zur vermeintlichen Erkältungs-Prophylaxe oft recht unreflektiert eingenommen – sind zwar über die Niere entsorgbar, aber das kostet Energie, die gerade der Sportler besser nutzen kann. Das als Bestandteil von Superfoods vielfach erwähnte Spurenelement Eisen, gerade bei Frauen und Veganern oft ein Mangelkandidat, steht im Verdacht, bei Überdosierung das Darmkrebsrisiko zu steigern. Zwar sind diese Gefahren primär nicht mit dem Superfoods-Verzehr, sondern mit einem unkontrollierten Nahrungsergänzungsmittel-Konsum assoziiert, doch ist unstrittig, dass eine deutlich über den Bedarf hinausgehende Mikronähstoffaufnahme eher schadet.

Bleibt zu überlegen

Der regelmäßige, nicht übertriebene Superfoods-Verzehr schadet, abgesehen von der Geldbörse, nicht und hat im Falle 100-prozentiger Naturbelassenheit vielleicht sogar manch günstige Wirkung. Mindestens gleich gute Resultate lassen sich aber erheblich preisgünstiger über qualitativ hochwertige Naturprodukte aus dem herkömmlichen Sortiment erzielen. Hier muss jeder selbst entscheiden, ob ihm ein möglicher Placeboeffekt den tieferen Griff ins Portemonnaie wert ist. Ob Acai oder Apfel, Goji oder Grünkohl, Maca oder Milchprodukt, das bleibt also eine Frage des Geschmacks und des Kontostandes. In puncto Gesundheit und Leistung gibt es keine belegbaren Argumente, die das „Super-“ gegenüber „Normalfoods“ rechtfertigen.

Superfoods-Tabelle
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