Ermüdungsbruch durch Laufen: Diagnose und Behandlung

So können Sie den Ermüdungsbruch erkennen, behandeln und vorbeugen

Früher waren vor allem Soldaten betroffen: Das kilometerlange Marschieren belastete die Knochen übermäßig. Heute tragen besonders Langstreckenläufer ein erhöhtes Risiko, einen Ermüdungsbruch zu erleiden. Die gute Nachricht: Vorbeugen ist möglich.
Text: Gabriele Hellwig | Fotos: Andrey Popov/Getty Images

Erst tut der Knochen nur bei Wettkämpfen weh, später schon beim normalen Lauftraining. Der Schmerz wird mit der Zeit stärker, im fortgeschrittenen Stadium tritt er auch in Ruhe auf – am Ende sogar nachts. Schwellungen können bei einem Ermüdungsbruch ebenfalls hinzukommen.

Erstmals beschrieb der preußische Heeresarzt Breithaupt im Jahr 1855 dieses Krankheitsbild: Der Militärarzt beobachtete bei Rekruten nach langen Märschen einen schmerzhaft geschwollenen Vorfuß. „Marschfraktur“ wurde die Krankheit daher früher genannt. Heute tragen besonders Langstreckenläufer ein erhöhtes Risiko, eine Stressfraktur zu erleiden. Auch Fußballer sind übrigens überdurchschnittlich häufig betroffen.

Solche Ermüdungsbrüche – auch Stressfraktur genannt – können nahezu in jedem Knochen vorkommen. Im Rahmen des Lauftrainings tritt ein Ermüdungsbruch am häufigsten im Schienbein auf. Daneben können auch Mittelfußknochen oder der Oberschenkel betroffen sein.

Ursachen für den Ermüdungsbruch: zwei Theorien

Überlastung und Ermüdung gelten als Hauptursachen. Es bilden sich kleine Risse im Knochen, sogenannte Mikrofrakturen entstehen. Diese weiten sich aus, bis es zu einem Bruch des Knochens kommt.

Dr. Johannes Holz, Orthopäde und Sportmediziner im OrthoCentrum in Hamburg: „Zwei Theorien versuchen die Stressfraktur zu erklären: Die Ermüdungstheorie besagt, dass die Muskeln bei wiederholter anstrengender Belastung zu stark ermüden und dadurch die Kraft, die beim Laufen auf die Knochen einwirkt, durch die Muskeln nicht mehr absorbiert werden kann. In der Folge wirkt die Kraft ungehindert auf den Knochen ein, bis der Knochen der Belastung nicht mehr standhalten kann. Die Überlastungstheorie besagt, dass die beim Laufen stattfindenden Kontraktionen sehr hohe Spannungen am Knochen erzeugen. Dadurch wird der Knochen so stark gebogen – bis er schließlich bricht.“

Vitamin-D-Mangel spielt eine Rolle

Amerikanische Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden, dass Menschen mit einem Vitamin-D-Mangel ein erhöhtes Risiko für einen Ermüdungsbruch haben. „Einen Hinweis darauf ergab eine retrospektive Kohortenstudie, bei der ein Großteil von Patienten mit Ermüdungsbrüchen Serum-Vitamin-D-Spiegel unter 40 ng/ml aufwies“, sagt Dr. Holz. Betroffen sind ebenfalls Frauen in der Menopause, deren Knochen oft weniger mineralisiert sind. Fehlstellungen der Füße, Fehlbelastungen sowie schlechtsitzende Laufschuhe können sich ebenfalls negativ auf die Knochen auswirken.

Ermüdungsbruch: So erfolgt die Diagnose

Das Problem: Von außen ist eine Stressfraktur in der Regel nicht zu erkennen. Und da die Beschwerden anfangs oft nur mäßig stark sind, warten die Betroffenen mitunter sehr lange bis sie endlich zum Arzt gehen. Doch in dieser Zeit schreitet die Krankheit voran, der Knochen wird immer anfälliger. Schon ein einfacher Spaziergang kann dann zu einem Ermüdungsbruch führen.

Anhaltende Schmerzen beim Laufsport sollten daher zeitnah beim Orthopäden abgeklärt werden. „Oft können die Patienten kaum glauben, dass ihr Knochen gebrochen ist, da bei der Ermüdungsfraktur – im Gegensatz zu einem normalen Knochenbruch – in der Regel kein Unfall vorausgeht“, sagt Dr. Holz. Für die exakte Diagnose veranlasst der Arzt neben einer Röntgenaufnahme eine Kernspintomografie (MRT).

Ermüdungsbruch durch Knochenschwund in der Menopause

Sind Frauen in der Menopause von einer Stressfraktur betroffen, sollte eine Knochendichtemessung durchgeführt werden. Diese zeigt, ob vielleicht schon eine Osteoporose (Knochenschwund) vorliegt, unter der viele Menschen mit zunehmendem Alter leiden. Doch keine Angst: Osteoporose kann sehr gut mit Vitamin D-Tabletten und Kalzium behandelt werden. Dem Laufsport steht dann nichts mehr im Wege.

Früher war der Ermüdungsbruch auch als "Marschfraktur" bekannt.
Foto: Goja/Getty Images

Ermüdungsbruch: Behandlung

  • Wer Schmerzen beim Laufen hat, sollte als erstes eine Laufpause einlegen. Schmerz ist immer ein Warnsignal des Körpers, das man ernst nehmen sollte. Dr. Holz empfiehlt bei einer Stressfraktur, den verletzten Bereich etwa vier bis sechs Wochen zu schonen bis die Schmerzen abgeklungen sind. Um sich im Alltag schmerzfrei bewegen zu können, bekommt der Patient in der Regel eine Entlastungsorthese (Rangewalker).
  • Krankengymnastik zählt ebenfalls zu den wichtigen Behandlungsbausteinen. Spezielle Übungen stärken die umliegende Muskulatur. So entlasten kräftige Oberschenkelmuskeln beispielsweise das Schienbein optimal. Es ist auch wichtig eventuelle Muskelungleichgewichte abzubauen, um eine Fehlbelastung einzelner Körperteile zu verhindern und das Lymphsystem zu aktivieren um Schwellungen abzubauen.
  • Kältetherapie. Kälte kann ebenfalls die Schmerzen gut lindern. Die Anwendung ist einfach: Kältebeutel oder Eisakkus mehrmals am Tag für etwa zehn Minuten auf die schmerzende Stelle legen. Vorsicht: Um Erfrierungen zu vermeiden, am besten ein dünnes Tuch zwischen Haut und Eisbeutel legen.
  • Die Exogenbehandlung beschleunigt die Knochenheilung. Hierbei werden schmerzlose niedrigdosierte Ultraschallwellen eingesetzt, um die natürlichen Knochenheilungsprozesse zu verstärken. Dr. Holz: „In klinischen Studien wurde die Wirksamkeit von Exogen bei einer 20-minütigen Behandlung pro Tag beurteilt und eine Beschleunigung der Heilung nachgewiesen.“

Schmerzmittel gegen einen Ermüdungsbruch?

Schmerzmittel sind meistens nicht notwendig, da durch die Entlastung die Schmerzen rasch vorbei gehen. „Zudem unterbinden die typischen nichtsteriodalen Schmerzmittel (Diclofenac, Ibuprofen) den Knochenstoffwechsel“, sagt Dr. Holz. Einen hohen Stellenwert habe die Gabe von Vitamin D und Calcium zur Verbesserung des Knochenstoffwechsels.

Selten werden Ermüdungsbrüche operiert

Bei einer fortgeschrittenen Stressfraktur kann auch eine Operation notwendig sein. Dies kommt aber sehr selten vor. Dr. Holz: „Ist die betroffene Fraktur instabil, können wir diese mit Schrauben oder Titanstiften fixieren. Platten sind weniger geeignet, da diese speziell an den kleinen Mittelfussknochen zu Biegebelastung führen, die wiederum schlecht für die Ausheilung sind. Mitunter kann man auch gesundes Knochengewebe aus dem Beckenkamm in die Bruchzone implantieren – insbesondere dann, wenn nach erstmaliger Versorgung die Heilung ausbleibt.“

Nach dem Ermüdungsbruch: Rückkehr ins Training

Return to sport: Gibt der Arzt schließlich grünes Licht, sollte man nicht von 0 auf 100 starten, sondern das Lauftraining schrittweise wieder aufnehmen. Am besten anfangs im gemütlichen Tempo walken. Es folgt in den kommenden Wochen ein schnelles Walken und schließlich ein langsames Laufen. Regelmäßige Gehpausen nicht vergessen! Dr. Holz: „Sehr ambitionierte Läufer könnten vorübergehend Trainingseinheiten ins Schwimmbad verlegen (Aqua-Jogging), um die Gelenke mehr zu schonen.“

Vorbeugende Maßnahmen gegen Ermüdungsbrüche

Einige Maßnahmen haben sich als Vorbeugung gegen Stressfrakturen bewährt:

  • Nicht überlasten. Das Lauftraining immer der momentanen Belastbarkeit des Körpers anpassen, damit der Körper sich adäquat anpassen kann. Regelmäßige Pausen gehören ebenfalls dazu.
  • Individueller Trainingsplan. Sprunghafte Umfangsveränderungen im Training vermeiden. Optimal ist ein individueller Trainingsplan. Bei Vorerkrankungen lohnt es sich, mit einem Sportmediziner den erstellten Plan kurz durchzusprechen.
  • Gute Laufschuhe. Gut gedämpfte Laufschuhe können das Risiko für Ermüdungsbrüche vor allem der Fußknochen reduzieren.
  • Optimaler Laufstil. Für regelmäßige Läufer kann eine Laufbandanalyse sehr sinnvoll sein. Dort können Fehler im Laufstil sofort erkannt werden. So lässt sich auch das passende Laufwerkzeug am besten ermitteln.
  • Vitamin D. Aufgrund der aktuellen Studienergebnisse aus den USA empfiehlt Dr. Holz „zur Vorbeugung von Ermüdungsbrüchen eine Serum-Vitamin-D-Konzentration von mindestens 40 ng/ml, speziell für aktive Personen mit mittleren oder höheren funktionalen Ansprüchen“.
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