Des einen Freud ist des anderen Leid

Vom Einstieg in den Laufsport

Diese Redewendung findet nicht nur in Sportarten, die Sieger und Verlierer hervorbringen, Anwendung. Sie lässt sich auch auf den Laufsport generell übertragen. Besser gesagt auf den Laufeinstieg.
Fotos & Text: Dr. Carsten Drecoll

Während die einen direkt den richtigen Tritt finden und die ersten Kilometer Lust auf mehr machen, wird die Laufpremiere für andere zu einer qualvollen Erfahrung. Und während Sie noch überlegen, wie sich Ihre ersten Kilometer wohl anfühlen werden, erzählt Ihnen hier unsere Kollegin aus der Redaktion, wie es laufen kann.

„Meinen ersten Schritt alleine machte ich im Alter von zehn Monaten. Sämtliche vorherige Versuche scheiterten: mal auf den Knien landend, mal plumpsend auf dem Popo. Geduld und Ausdauer brachten schließlich die nötige Sicherheit und das Vertrauen, auf eigenen Füßen zu gehen. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ich vor rund fünf Jahren eine ähnliche Erfahrung machen durfte. Damals war ich 18 und lernte erneut zu „laufen“.

Den Anstoß hierfür gab mein Vater. Mehrmals in der Woche schnürte er die Laufschuhe und spulte seine Kilometer ab. An Wochenenden war er zum Teil bis zu zwei Stunden in Wald und Feldern unterwegs. Dann kam der erste Marathon und plötzlich war ich mittendrin in der ganz eigenen Welt der Ausdauersportler. Mit Pfeife und Plakat jubelte ich meinem Papa und den tausend verrückten Marathonis vom Streckenrand zu. Als er mit Tränen in den Augen in der Festhalle Frankfurt über den roten Teppich ins Ziel einlief, hatte ich Gänsehaut.

In den folgenden Wochen begleitete ich ihn bei seinen Laufausflügen. Besser gesagt: Er mich, denn in Bezug auf Tempo und Distanz waren wir Meilen voneinander entfernt. Mindestens mein erstes Dutzend Laufversuche endete spätestens nach zehn Minuten mit schmerzenden Seitenstechen, die mich zum Gehen zwangen. Mein Begleiter trabte dann voraus, kehrte nach einigen Metern wieder um und erkundigte sich nach meinem Zustand inklusive Empfehlungen zur Atemtechnik.

Zum Teil plagte mich bereits beim Schnüren meiner Laufschuhe der Gedanke an die bevorstehenden Qualen. Doch Aufgeben war – wie bereits knapp 18 Jahre zuvor – keine Option. Und schließlich, als ich schon nicht mehr damit rechnete, wurde meine Geduld erneut belohnt: Ich hielt durch, blieb die komplette Runde gleichauf mit meinem Vater. Aus fünf Kilometern wurden dann schnell zehn, den ersten Halbmarathon habe ich bereits geschafft. Im Oktober fällt der Startschuss für die 42 Kilometer in Frankfurt. Ich hoffe auf ein Plakat von meinem Vater.“

 

Redaktion
Dr. Carsten Drecoll
Dr. Carsten Drecoll, langjähriger Redakteur bei Buch- und Zeitschriftenverlagen, ist seit über 15 Jahren mit der RUNNING und mit dem Laufsport verbunden. Die Natur genießen, Städte erkunden und die unglaublichsten Geschichten entdecken – das ist Laufen.
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