Auf Schritt und Tritt mit Hui Buh

Trainiert haben, wenn die Familie erwacht

Es ist stockdunkel, niemand sonst scheint unterwegs zu sein und irgendwo im Gebüsch knackt es – was für viele Läufer eine absolute Horrorvorstellung darstellt, macht für andere gerade den Reiz aus: Nachtjoggen!
Text: Anne Kirchberg | Fotos: GettyImages

Nacht ist hierbei natürlich ein weitgefasster Begriff, schließlich ist es in den Wintermonaten bereits um 17.00 Uhr abends dunkel. Aber echte Nachtläufer wählen die wirklich späten Zeiten zwischen 22.00 Uhr bis in die frühen Morgenstunden. Eines haben fast all diese Sportler gemeinsam: Sie lieben die Einsamkeit, Ruhe und Abgeschiedenheit in den finsteren Stunden.

Ein bekennender Nachtsportler ist der Comedian und Moderator Wigald Boning, der 2007 sogar das Buch „Bekenntnisse eines Nachtsportlers“ veröffentlichte. „Nachts klingelt bei mir erheblich seltener das Telefon als tagsüber“, begründet Boning seine Trainingseinheiten im Dunkeln. „Zudem befallen mich dann und wann Stunden der Schlaflosigkeit und ehe ich mich frustriert hin und her wälze, stehe ich lieber auf und laufe.“

Praktische Tipps vom Experten

Wigald Bonings liebste Nacht-Laufzeit sind die frühen Morgenstunden ab 4.00 Uhr. „So kommt man in den Genuss des Sonnenaufgangs und ist wieder daheim, wenn der Rest der Familie erwacht“, begründet Boning seine Zeitwahl. Passiert ist dem Komiker bei seinen nächtlichen Laufaktionen übrigens noch nie irgendetwas Außergewöhnliches, anders als bei Fahrradtouren zur gleichen Zeit. In seinem 304 Seiten umfassenden Buch beschreibt Boning, wie er eines Nachts auf halbem Wege zwischen Köln und Paris im Sattel eingeschlafen und fast in die Meuse gefahren wäre. „Beim Joggen einzuschlafen, erfordert viel mehr Übung“, spaßt der Medienmann und hat für alle angehenden Nachtläufer einige Tipps parat: „Eine gute Stirnlampe und eine Mütze Mittagsschlaf – mehr braucht es nicht zum Glück! Empfehlenswert ist außerdem der 100-Kilometer-Lauf in Biel mit nächtlichen Straßenfesten, den ich 2011 absolvierte!“

Großes Angebot an Nachtläufen

Ähnliche Nachtläufe werden in zahlreichen anderen Städten angeboten und ziehen Tausende Teilnehmer an. Ob beim Braunschweiger Nachtlauf oder dem Dresdner Nachtlauf zum Stadtfestfreitag, alle starten bei Sonnenuntergang – allerdings über beleuchtete Wege und an der Seite von vielen Mitstreitern. Dabei ist gerade die Einsamkeit für einige Läufer ein Grund, nachts in die Schuhe zu schlüpfen. „Ich werde leicht aggressiv, wenn ich tagsüber ständig Radfahrern, Kindern, Hunden oder anderen Läufern ausweichen muss“, erklärt die 45-jährige Birgit, die ihr Training seit fast zehn Jahren nachts betreibt. Vorteile für ihre Nachtaktivität sieht die Frankfurterin einige: „Ich habe meine Ruhe, frischere Luft ohne Autoabgase und schlafe nach einer warmen Dusche anschließend fester und tiefer.“

Ganz ohne Angst

Ein mulmiges Gefühl oder gar Angst vor streunenden Hunden, finsteren Gesellen oder Angetrunkenen hat Birgit nicht. „Zu Beginn bin ich gemeinsam mit meinem Partner gelaufen, heute manchmal mit unserem Hund, aber ich bin noch nie in eine brenzlige Situation geraten“, erzählt die Hobby-Läuferin, die am liebsten zwischen 23.00 und 1.00 Uhr joggt. „Nur ein Mal im Sommer fand es eine Gruppe Jugendlicher witzig, neben mir herzulaufen und Sprüche zu klopfen – allerdings ging ihnen nach zehn Minuten die Puste aus“, erinnert sich Birgit lachend. Eingeschaltet lassen sollte man ihrer Meinung nach – wie am Tage allerdings – den gesunden Menschenverstand, was bedeutet: Nicht in gefährliche Stadtviertel gehen, einsame Feld- und Waldwege meiden, Kleidung mit Reflektoren tragen und immer ein Handy sowie eine Stirnlampe bei sich haben. Eine gute Vorkehrung ist außerdem, wenn jemand im Familien- oder Bekanntenkreis von der Nachaktivität weiß und beispielsweise im Falle einer Verletzung angerufen werden kann – auch zu später Stunde.

Species Nachteulen

Dass Nachtjoggen trotzdem nicht jedermanns Sache ist, weiß auch Arthur aus Wien. „Es eignet sich definitiv nicht für Menschen, die sich in der Dunkelheit unwohl fühlen oder sogar Angst davor haben“, so der 25-Jährige. „Sie werden beim Nachtjoggen keine Entspannung finden, sondern höchstens darüber nachdenken, was für Gefahren hinter der nächsten Ecke lauern oder welch seltsame Geräusche das Gebüsch macht.“ Arthur fing 2006 mit dem Nachtjoggen an, da spät stattfindende Vorlesungen an der Universität und seine nur nachts ausgestrahlten Lieblingsfernsehserien seinen Tag-Nacht-Rhythmus durcheinandergebracht hatten. „Dadurch war es mir sowieso nicht möglich, vor 3.00 oder 4.00 Uhr nachts einzuschlafen“, erklärt der junge Österreicher. Als zugezogener Student war Arthur damals noch in keinem Fitness-Studio angemeldet und auf der Suche nach einer sportlichen Betätigung. „Ich hatte meine Laufschuhe und die Donau direkt vor der Haustür, weshalb ich eines Abends einfach losgerannt bin.“

Versuchen Sie es

Während der nächsten Monate lief der Neu-Wiener zwei bis drei Mal pro Woche nachts und empfand es als sehr angenehm, der Einzige auf den Straßen zu sein. „Ich schätzte die Ruhe und ganz besonders die Tage, an denen es schneite. Geräusche wurden durch die Schneedecke gedämpft und alles erschien ruhiger und weniger hektisch. Genau das gleiche Gefühl hat sich in mir beim Laufen eingestellt. Der Österreicher empfiehlt allen, das Nachtjoggen einmal auszuprobieren. „Es bietet die perfekten Rahmenbedingungen für ein vollkommen barrierefreies Laufen – jeder, der die nötige Energie aufbringen kann, um diese Zeit vor die Tür zu gehen, sollte es versuchen!“

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