Wir laufen doch in der Natur!

Nachhaltigkeit bei Sportbekleidung

Beim Kauf von Laufbekleidung und Accessoires denkt jeder Läufer wahrscheinlich zuerst über die Funktionalität nach – Shirts, Tights oder Jacken sollen unter anderem atmungsaktiv, wasserdicht, leicht, robust, funktional und schnell trocknend sein.
Fotos: Wijld, Patagonia, Löffler, Kossmann

Langsam findet bei Sportlern ein Umdenken statt, denn sie fragen sich: Wo und wie sind die Produkte eigentlich entstanden? Wie viele Ressourcen mussten dafür verwendet werden? Woraus besteht das Produkt genau? Wer hat es unter welchen Bedingungen hergestellt? All diese und viele weitere Fragen lassen sich unter einem großen Thema zusammenfassen, das gerade in aller Munde ist: Nachhaltigkeit.

FUNKTIONAL, ABER ...

Den hohen Anforderungen von Profi- wie Hobbyläufern ist reine Baumwolle schon lange nicht mehr gewachsen. Die Nachfrage nach leistungsfähigeren Synthetik-Materialen wurde immer größer, aber  diese basieren meist auf Erdöl. Die Förderung dieses Rohstoffes verursacht Umweltschäden, daneben sind solche Kunstfasern nicht biologisch abbaubar und ihre Entsorgung schwierig. Nicht zu vergessen, dass die Materialien Schadstoffe beinhalten, die gesundheitsgefährdend sein können. Chemiefasern wie Polyester, Polyamid oder Elastan können nicht nur Schadstoffe enthalten, sondern winzige Fasern verlieren, die ins Abwasser und dadurch in offene Gewässer gelangen und als Mikroplastik das Leben  von Fischen und anderen Wasserlebewesen gefährden. Viele Produkte werden zudem in Ländern produziert, in denen Arbeiter zu Billiglöhnen ausgebeutet werden. Dieser Probleme haben sich einige  Unternehmen bereits angenommen und legen Wert auf nachhaltig produzierte Ware, die sie teils aus  recycelten oder schadstofffreien Synthetik-Fasern, Recycling-Kunstfasern aus PET-Flaschen sowie Naturfasern anfertigen und gleichzeitig Wert auf faire und umweltbewusste Produktion legen. Auf der ISPO 2019 stand die Nachhaltigkeit bereits auf dem Programm und auch bei der Alpinmesse in Innsbruck im November 2019 war der Fokus auf das Thema Nachhaltigkeit gerichtet. Auf der dort  eigens eingerichteten Produktinsel „Think Green!“ präsentierten führende Bergsport und Outdoormarken wie W.L. Gore oder Vaude ausgewählte nachhaltige Projekte. Zudem informierten Vorträge über das Thema Nachhaltigkeit und erläuterten Themen wie Zertifizierungs- und  Prüfsysteme, die komplexen Prozesse der Produktentwicklung sowie Handlungsoptionen. Zusätzlich sollten die Besucher in kostenfreien Workshops für das Thema sensibilisiert werden.

LAUFSHIRTS AUS HOLZ

Wie aus Holz und recycelten Plastikflaschen Laufshirts werden können, zeigt die Wuppertaler Firma Wijld: Pro T-Shirt benötigt die Produktion zirka 211 Gramm Holzfasern aus nachhaltiger Forstwirtschaft, sogenanntes Lyocell, ein saugfähiges Material aus Holz, und zwei alte Plastikflaschen. „Wir fertigen Kleidung aus Holz, umweltfreundlich, fair und in der EU“, berichtet Geschäftsführer Timo Beelow. „Genau diese Kombination bedeutet für uns Nachhaltigkeit. Darüber hinaus spart man mit nur einem unserer Shirts im Vergleich zu konventionellen Baumwoll-Produkten etwa 1.000 Liter Wasser und rund 150 Milliliter Chemie.“ Erstaunlicherweise spart diese Art der Herstellung auch Energie: „Es werden im Vergleich zu Baumwolle 75 Prozent weniger Kohlendioxide verbraucht. Bäume benötigen weniger Wasser. Für ein Kilogramm Baumwolle sind durchschnittlich 12.000 Liter Wasser nötig, wohingegen Bäume nicht künstlich bewässert werden müssen. Das spart gleich nochmal Energie!“

KOSTENPUNKT

Aber Beelow gibt offen zu, dass diese nachhaltige Produktion der Shirts teurer ist als die herkömmliche. „Selbstverständlich wird es günstiger, wenn man auf Kosten der Umwelt oder Arbeiter produziert und deshalb ist faire und umweltfreundliche Ware
in der Fertigung teurer – oder anders gesagt: Kostet das, was sie kosten muss.“ Nach Meinung des Fachmanns hat der Konsument am Ende die Entscheidungsgewalt und kann mit seinem Einkauf Politik machen. Und gleichzeitig hat man als Läufer noch einen positiven Effekt für sich selbst, da die Shirts nach Aussage von Timo Beelow dank des hohen Holzanteils sogar bei intensivem Schwitzen länger frisch bleiben. „Sowohl unsere WoodShirts als auch die SportShirts nehmen schnell Feuchtigkeit
auf und wirken antibakteriell, denn die holzbasierte Faser ist einerseits sehr glatt, was die Reibung reduziert und andererseits transportiert sie die Feuchtigkeit optimal und ist atmungsaktiv“, erklärt er und freut sich über viele positive Rückmeldungen  von Läufern, die sogar Marathons in seinen Textilien laufen.

GESUNDER DRESS AUS ÖSTERREICH: Die Firma Löffler lässt alle Running-Produkte nach dem Oeko-Tex-Label 100 zertifizieren.

EUKALYPTUSHOLZ ALS FASER

Das österreichische Label „Nice To Meet Me“ mit Sitz in Linz setzt ebenfalls auf Laufbekleidung aus Recycling-Polyester und Naturfasern wie Biobaumwolle und Tencel aus Holzfasern sowie der Produktion in Tschechien, Litauen und Portugal unter fairen Arbeitsbedingungen. „Nachhaltigkeit bedeutet für uns, sich verbunden zu fühlen mit der Welt um uns herum und daher die volle Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen – im Bewusstsein, dass unsere Entscheidungen und unser Handeln immer Konsequenzen haben auf unsere Umwelt, Menschen und Tiere“, erläutert Sprecherin Denise Herrera Peña. Ihrer Erfahrung nach ist nachhaltige Produktion nicht teurer als
konventionelle, doch die Kosten werden anders verteilt. „Bei fairen sowie nachhaltigen Produkten tragen der Konsument, die Zwischenhändler und der Produzent etwas mehr Kosten, beim Billigprodukt sind es vor allem die Arbeiter und die Umwelt, die durch schlechten Lohn, lange  Arbeitszeiten, miserable Arbeitsbedingungen, Verschmutzung und vieles mehr bezahlen müssen.“ Bei der Produktion von „Nice To Meet Me“-Laufkleidung wie T-Shirts, Tops oder Leggins hat die Faser Tencel aus Eukalyptusbäumen den Vorteil, dass die Bäume wesentlich weniger Düngung und Bewässerung benötigen als Baumwolle. „Wir verwenden außerdem recyceltes Polyester aus alten PET-Flaschen und recyceltes Polyamid aus alten Fischernetzen. Hier wird nicht nur Müll reduziert, sondern gleichzeitig die Neuproduktion von Plastik aus Rohöl vermieden und dadurch weniger Energie verbraucht“, sagt Herrera Peña, die verrät, dass bald eine neue Linie speziell für Läufer auf den Markt kommen wird. Die Kunden seien vor allem davon begeistert, ein umweltfreundliches Produkt zu  tragen, ohne auf Funktion verzichten zu müssen und fühlten sich besser, da sie so weniger Giftstoffe über die Kleidung auf der Haut aufnehmen. „Wer nachhaltig kauft, weiß innerlich, die richtige  Entscheidung getroffen zu haben und schlussendlich haben alle einen Mehrwert: der Konsument, der Produzent und die Umwelt.“ Auch Nice To Meet Me steht als recht junges Unternehmen von Beginn an hinter dem Thema Nachhaltigkeit und nach Meinung von Denise Herrera Peña ist es ein Prinzip, das alle Lebensbereiche betrifft. „Wir sprechen mit unserem Angebot den Sportsektor an und leisten durchaus Pionierarbeit, denn gerade im Fitnesssektor gibt es noch nicht so viele Produkte aus fairer und nachhaltiger Produktion.“

HÄRTETEST: Moderne Sportswear muss höchste Ansprüche erfüllen. Für alternative Textilien ist dies noch eine große Herausforderung.

VERANTWORTUNGSVOLLE PRODUKTION

Bei der Oudoor-Marke Patagonia werden zahlreiche Produkte aus Recycling-Polyester oder Bio-Baumwolle hergestellt, viele der Bekleidungsstücke sind mit dem Label Bluesign zertifiziert und zudem spendet das Unternehmen ein Prozent seines Jahresumsatzes an Umweltorganisationen. Trotz aller Anstrengungen betont Patagonia-Sprecher Marius Oppold, dass die Firma nie von nachhaltiger, sondern stets von verantwortungsvoller Produktion spricht, da sich Patagonia durchaus bewusst ist, dass es noch einen langen Weg hin zu wirklich nachhaltiger Produktion vor sich hat. Aktuell stellt der Konzern bei allen wasserdichten Jacken die Produktion auf Recyclingmaterialien um, die auch bereits in vielen Produkten aus der Trail-Running-Linie verwendet werden. „Natürlich gehen die Anstrengungen von Patagonia weit über die Verwendung von Recycling-Materialien hinaus“, erklärt Marius Oppold. Neben den Bestrebungen, die gesamte Lieferkette bis 2025 klimaneutral zu machen, werden in der aktuellen Kollektion circa 70 Prozent der Produkte nach dem Fair-Trade-Konzept konfektioniert. Mit Patagonia Action Works hat das Unternehmen außerdem kürzlich eine Plattform  nach Europa gebracht, mit der die über 100 von Patagonia unterstützten Nicht-Regierungs- organisationen mit Konsumenten und Bürgern verknüpft und zum Beispiel kompetenzbasierte Freiwilligenarbeiten vermittelt werden. „Um dem wachsenden Konsumwahnsinn von Black Friday bis Ende des Jahres etwas entgegenzusetzen, wird Patagonia alle Spenden bis 10.000 Euro, die in diesem Zeitraum über Action Works an Umwelt- und Klimaschutzorganisationen getätigt werden,  verdoppeln“, so Oppold. Wichtig ist Patagonia daneben, genau zu wissen, woher welche Materialien kommen. „Damit wir unseren Kunden gegenüber transparent sein können, müssen wir zuallererst auch Transparenz von unseren Zulieferern verlangen. Das ist eine unserer Voraussetzungen“, so Wendy Savage, Leiterin der Abteilung Lieferkette, Sozialverantwortung und Rückverfolgbarkeit.

SOZIALE VERANTWORTUNG UND REPARATURSERVICE

Genau wie Lowa oder das schwäbische Bekleidungshaus Trigema produziert auch die österreichische Firma Löffler ihre Produkte ausschließlich in Europa und nach Oeko-Tex-Standard, die somit besonders schadstoffarm sind. „All unsere Running-Produkte sind nach dem Oeko-Tex-Label 100 zertifiziert“, erläutert Petra Gumpoltsberger von der Abteilung Marketing und Kommunikation bei Löffler. „Es werden ausschließlich gesundheitlich einwandfreie, schadstofffreie Materialien  verwendet.“ Das Unternehmen aus Ried im Innkreis setzt bei der Produktion der Funktionsbekleidung ebenfalls unter anderem auf nachwachsende Naturstoffe wie Merinowolle und Tencel. Zusätzlich kam das Label auf eine großartige Idee: „Wir bieten einen Reparaturservice an, welcher den Lebenszyklus der Funktionsbekleidung nochmals verlängert!“ Das größte Kaufargument ist nach Einschätzung von Gumpoltsberger jedoch, dass die Läufer über die faire Herstellung ihrer Bekleidung Bescheid wissen und sie somit den ökologischen Fußabdruck möglichst klein halten und für Arbeitsplätze in der Region sorgen. „Löffler versteht unter Nachhaltigkeit neben der ökologischen auch eine soziale Verantwortung“, bestätigt Petra Gumpoltsberger und versichert, dass die etwas aufwendigere  Produktion keinesfalls mehr Energie oder Ressourcen verbraucht als die von Billigprodukten. „Durch
die Zusammenarbeit mit Partnern innerhalb Europas können wir beispielsweise sicher sein, dass kein Liter Abwasser unsachgemäß entsorgt wird und Abfälle, die sich nicht ganz vermeiden lassen, fachgerecht aufbereitet werden.“ Dass trotzdem so viele Konkurrenten nicht nachhaltig in Fernost produzieren lassen, liegt ihrer Meinung nach an dem Streben nach hohen Gewinnspannen und Profiten der Unternehmen. „Wir fertigen seit jeher verantwortungsvoll und unter höchsten ökologischen und sozialen Standards in Österreich und Europa. 70 Prozent der Stoffe werden sogar in der hauseigenen Stickerei in Ried produziert – das ist der beste Beweis für nachhaltiges Denken bei Löffler!“

ECHTE NACHHALTIGKEIT

Etwas kritischer sieht die nachhaltige Produktion von Sportbekleidung André Kossmann aus dem baden-württembergischen St. Leon-Rot, der ebenfalls Laufhosen, Shirts und Jacken anbietet. Die Stoffe hierfür stammen aus Italien und Österreich, alle weiteren Bestandteile aus Deutschland. Produziert wird ausschließlich in Deutschland, Ungarn und Portugal, die Bekleidung wird zwar aus Chemiefasern wie Polyester, Polyamid und Elastan hergestellt, jedoch schadstoffarm und ist deswegen mit dem Oeko-Tex-Label zertifiziert. „Bei Konsumenten wird Nachhaltigkeit oft mit dem Einsatz von Recyclingstoffen oder Stoffen aus nachwachsenden Rohstoffen definiert – mehr nicht“, erklärt André Kossmann. „Dem versucht unsere Branche meist zu folgen, ohne auf die gesamte Produktionskette zu achten, zum Beispiel: wo kommt der Stoff her, wo wird er genäht oder wie lang sind die Transportwege.“ Kossmann definiert Nachhaltigkeit neben den kurzen Transportwegen der Materialien sehr umfassend: Seine Laufbekleidung soll lange halten und wird bei ihm repariert, falls einmal etwas kaputt geht. Ab 2020 wird auch bei Kossmann bei einigen Produkten recycelter Kunststoffabfall zum Einsatz kommen. Gerade Läufer sollten nach Meinung von André Kossmann mit gutem Beispiel vorangehen, denn: „Wir laufen ja in der Natur – und da gilt es, diese zu schützen und zu erhalten!“

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